Mühlau
Zwei Männer wollen eine bessere Welt: Sie glauben an die Zukunft der Elektromobilität

Der Freiämter Urs Giger und der Wiener Andreas Lohner sind gemeinsam unter Strom. «Es ist nur logisch, nicht nur umweltfreundlichen Strom zu produzieren, sondern ihn auch für die Mobilität zu verwenden. Jeder, der sauberen Strom produziert, sollte auch elektrisch unterwegs sein», sagt Unternehmer und Konstrukteur Urs Giger.

Eddy Schambron
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Andreas Lohner (links) und Urs Giger in der Werkstatt in Mühlau: Beide verfolgen Visionen bezüglich elektrischer Energie. Eddy Schambron

Andreas Lohner (links) und Urs Giger in der Werkstatt in Mühlau: Beide verfolgen Visionen bezüglich elektrischer Energie. Eddy Schambron

Eddy Schambron

Es sind zwei aussergewöhnliche Persönlichkeiten, die sich kürzlich in Mühlau trafen. Beide sind fasziniert von Geschichte, beide haben es mit Strom, beide mit Visionen. Andreas Lohner ist ein Nachfahre der Gründer der in Wien einst berühmtesten Kutschenbauer, die 1900 das erste Elektroauto auf die Räder stellten, Urs Giger, zurückgetretener Gemeindeammann von Mühlau, ist Maschinenbauer und Konstrukteur von Windanlagen, der die Produktion aus Windstrom revolutionieren will.

Beide glauben an die Zukunft der Elektromobilität. Deshalb importiert Giger Lohners spezielles Elektro-Moped «Stroler», während der Wiener zusätzlich versucht, den Elektroroller «Lea» marktfähig zu trimmen. Einer aus der Grossstadt, der andere aus dem beschaulichen Freiamt, aber beide mit viel Enthusiasmus an ihren Werken.

Es braucht viel Durchhaltewillen

Sowohl beim «Stroler» als auch bei «Lea» knüpft Lohner optisch und bei der Grundauslegung an in Österreich berühmt gewordene Fahrzeuge der Nachkriegszeit an. Sie stammten aus den Hallen der Lohner-Werke in Wien. «Aus heiterem Himmel fiel meinem Grossvater 1948 ein, Roller zu bauen, die ein Jahr später der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.

Legendär wurden dabei die Lohner Sissy, das erste zweisitzige Moped, und der Roller L125», kramt Andreas Lohner in der Familiengeschichte. «Es waren wohl meine Vorfahren, die mich animiert haben, einfach zu versuchen, das zu bauen, was zukunftsorientiert ist.» Das Ziel war nicht weniger, als «eine neue Fahrzeugklasse zu begründen», denn das E-Bike «ist in allen möglichen Facetten längst erfunden.»

Der Stroler ist marktreif, wobei es bei diesem Fahrzeug verfehlt ist, einfach von einem Velo schweizerischer Vorstellung zu sprechen. Wie das frühere Moped Sissy ist es nämlich ein Zweiplätzer, der im Ausland so gefahren werden darf. In der Schweiz ist es allerdings nur einer und nur einem allein erlaubt, sich auf den Sattel zu schwingen. Es ist eine auffällige Erscheinung: Wo früher ein Moped-Tank war, ist jetzt eine Aufbewahrungsbox. Man sitzt auf dem Fahrrad in «Flanierhaltung», wie es Lohner ausdrückt, «aufrecht sitzend, nicht ideal für den Berg.»

Noch nicht auf dem Markt ist Lea, ebenfalls eine äusserst auffällige Erscheinung. Aber der Preis für diesen Roller muss noch runter. «Man muss durchhalten, es geht entsetzlich lange von der Idee bis zur Serienreife», hat der IT-Mann feststellen müssen. Doch die Lohner-Werke, die 1900 zusammen mit dem damals 25-jährigen Ferdinand Porsche als Cheftechniker das erste Elektro-Auto mit Radnabenmotoren an den Vorderrädern entwickelten, leben – und das wieder mit einem grossen Glauben an die Elektromobilität.

Qualität und Lebensgefühl

Das tut auch Urs Giger. Im Kestenberg in Mühlau arbeitet er mit seinem Start-up-Unternehmen, der GDC Urs Giger GmbH, nicht nur daran, die Produktion von Strom aus Wind effizienter zu machen und möglichst Windparks in der Schweiz zu realisieren, sondern er verkauft auch den Stroler. «Es ist nur logisch, nicht nur umweltfreundlichen Strom zu produzieren, sondern ihn auch für die Mobilität zu verwenden. Jeder, der sauberen Strom produziert, sollte auch elektrisch unterwegs sein.»

Dass er ausgerechnet den Stroler, der mit einem Preis von 4500 Franken kaum für den Massenmarkt taugt, in die Schweiz holt, liegt vor allem daran, dass die Chemie mit Andreas Lohner stimmt und er von der Qualität des österreichischen Produkts überzeugt ist. «Wir haben beide die gleiche Vision, mit den Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen, wir betreten beide Neuland und suchen ungewöhnliche Antworten auf alltägliche Fragen.»

Der Mühlauer Maschinenbauer und Konstrukteur bewundert, genauso wie Lohner, den Wagemut und den Innovationsgeist der frühen Technik-Pioniere und will genau dort ansetzen – mit den heutigen Mitteln der (Elektro-) Technik. Giger tut es mit seiner sogenannten Knick-Turbine, die Wartungsarbeiten 100 Meter über dem Boden kostengünstiger macht und die zum Austausch von Teilen im geschützten Turminnern witterungsunabhängig herabgelassen werden kann.

Lohner tut es, in dem er Elektromobilität auf hohem Qualitätsniveau «stylish» macht und indem er mit dem Design an das Lebensgefühl in den verklärt-wunderbaren Sturm- und Drangjahren nach dem Krieg anknüpft. Beides soll für eine bessere Welt dienen.

Eine leise Leidenschaft

Lärmminderung und Schadstofffreiheit wird gerade in Städten in Zukunft wichtiger. Im Zusammenhang mit der urbanen Mobilität war es für Andreas Lohner logisch, sich auf Zweiräder zu konzentrieren. «Eine leise Leidenschaft» nennt er die Vision der sozusagen auferstandenen Lohner-Werke. Die Lohner Familiengeschichte begann 1821 in Wien. Der bis dahin unbekannte Heinrich Lohner, der aus einer Wagnerfamilie in Mayen, Elsass, stammte, floh vor Napoleon, in dessen Armee er einrücken sollte, in das damals friedliche, prosperierende Wien. Mit der Zeit stieg die Familie Lohner in Wien zum grössten Kutschenbauer der k. u. k. Donaumonarchie auf. 1900 wurde das erste Elektroauto der Welt, der Lohner-Porsche, gebaut. Darüber hinaus widmete man sich erfolgreich dem Flugzeugbau; Lohner wurde der grösste Propeller-Bauer. Man begann mit elektrischen Bussen und entwickelte Strassenbahnen. Legendär wurden 1949 die Lohner Sissy, das erste zweisitzige Moped, und der Roller L125. Im Jahr 2010 gelang Andreas Lohner die Neugründung der Lohner-Werke nach 40-jähriger Unterbrechung der Familientradition im Fahrzeugbau. Heute arbeiten 12 Mitarbeitende für den Fortbestand einer Legende. (es)

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