Berikon
Zurücktretende CVP-Grossrätin: «Besonders die Jungen zeigten sich betroffen»

CVP-Grossrätin Theres Lepori tritt zurück. Nach 18 Jahren im Parlament will sie ihren Platz freimachen für die Jugend.

Christian Breitschmid
Merken
Drucken
Teilen
Theres Lepori war 18 Jahre im Grossen Rat des Kantons Aargau. Nun freut sie sich auf neue Aufgaben. Christian Breitschmid

Theres Lepori war 18 Jahre im Grossen Rat des Kantons Aargau. Nun freut sie sich auf neue Aufgaben. Christian Breitschmid

Christian Breitschmid-Gabriel;Ch

Wohnungen sagen viel aus über die Menschen, die darin leben. Theres Lepori wohnt in hellen, offenen Räumen. Jeder Raum hat seinen Zweck und ist genau dafür eingerichtet, mit einfachen, aber stilvollen Möbeln. Ruhig ist es in ihren vier Wänden, hier in Berikon, und sehr sauber. Wenige, aber bewusst platzierte Kunstwerke gewinnen durch ihre Farbe und Leuchtkraft die Aufmerksamkeit des Betrachters.

Ansonsten lenkt einen nichts von dem ab, womit man gerade beschäftigt ist. Zum Beispiel vom Menschen vis-à-vis, mit dem man sich bei einem frisch aufgebrühten Kaffee zum Interview hinsetzt. Auch hier: ein zierliches Espresso-Service und daneben eine Schale mit Konfekt. Die scheidende CVP-Grossrätin, diplomierte Kauf- und Pflegefachfrau, Ehefrau und Mutter zweier erwachsener Kinder ist eine aufmerksame Gastgeberin und engagierte Kämpferin in Sachen Gesundheit und Bildung.

Frau Lepori, warum hören Sie nach 18 Jahren als Grossrätin auf – hätten Sie die 20 nicht noch feiern wollen?

Theres Lepori: Ich bin kein Mensch, der Jubiläen und Ehrungen braucht. Aber ich habe gemerkt, dass nach 18 Jahren mit Budgets, Debatten und Diskussionen, den immer wieder gleichen Aussagen, die Freude nachgelassen hat.

Gab es einen eigentlichen Auslöser für diesen Entscheid?

Politik ist eine Mannschaftssportart. Ich habe ein paar Jahre die Liste unserer Partei angeführt, war also eigentlich der Captain der Mannschaft. Da ist es fair, dass man zurücktritt, wenn man weiss, dass man nicht mehr zur Wahl antreten will. Ich habe das bewusst in der Mitte der Amtsperiode gemacht, damit meine Nachfolgerin genug Einarbeitungszeit hat und gut gerüstet in den neuen Wahlkampf starten kann.

Wie haben Ihre Kolleginnen und Kollegen im Grossen Rat auf Ihren Rücktritt reagiert?

Es war vor allem Betroffenheit. Aber ich hatte Freude, weil besonders die Jungen zu mir kamen und sagten: «Das kanns doch nicht sein, Theres!» Da wusste ich, dass ich es richtig gemacht hatte. Ich wollte die Jungen nie runtermachen, sie nie mit Worten totschlagen, denn die Jungen politisieren anders. Die können wirklich noch zuhören, und ich habe grosse Freude an der Diskussionsfähigkeit der Jungen.

Sie selbst haben auch immer den Kompromiss im Gespräch gesucht, gehörten aber nie zu den Lauten. Hatten Sie Erfolg auf diese Art?

Ein einzelnes Geschäft gibt es nicht, mit dem ich meinen Erfolg nachweisen könnte. Aber ich habe so viele Vorstösse gemacht, dass ich sagen kann, es ist die Summe dieses Stossens, die zum Erfolg geführt hat. Bei mir ja vor allem in der Bildungs- und in der Gesundheitspolitik. Wenn man da als Besserwisser auftritt, der vorgibt, die Lösung für ein Problem zu haben, dann hat man keinen Erfolg. Ich verfolgte immer eine Strategie der kleinen Schritte und habe mir so ein grosses Netzwerk aufgebaut, auch über die Fraktionsgrenzen hinweg. So gelang zum Beispiel die Errichtung des Campus Brugg, die Fachhochschule Nordwestschweiz. Ich leitete damals als Präsidentin der grossrätlichen Bildungskommission den Abstimmungskampf. Das war eine Erfolgsgeschichte vom ersten Tag an.

Gibt es auch einen Misserfolg, den Sie heute noch beklagen?

Ja, das Projekt «Zeitvorsorge». Da hätten sich rüstige Rentner für ihre geleistete Freiwilligeneinsätze Zeit gutschreiben lassen können. Von diesem Guthaben hätten sie dann im hohen Alter, wenn sie selber hilfsbedürftig geworden wären, zehren können. Der Kanton hätte dabei den Lead übernehmen müssen, um diese Konten zu bewirtschaften. An diesem Projekt hat eine grosse Gruppe ein Jahr lang gearbeitet. Alle wichtigen Player in diesem Bereich waren dabei: die Gemeinden, die kantonale Spitex, Freiwilligenverbände, die Pro Senectute, die Landeskirchen ... Die Jahresbetriebskosten von rund 150 000 Franken hat der Regierungsrat dann abgelehnt. Das hat mich sehr getroffen. Dieses Projekt hätte die Freiwilligenarbeit anders gewichtet und hätte ihr ein anderes Gesicht gegeben.

Sie liebten den Diskurs über die Parteigrenzen hinweg. Würden Sie heute als Neueinsteigerin in die Politik wieder die CVP wählen?

(Überlegt) Ja. Doch, ja, weil es sich zeigt, dass man mit dem Gepolter links und rechts nicht weiter kommt. Die Lösungen liegen in der Mitte, in der Kompromissfähigkeit. Das ist eine Tugend, die wir vermehrt wiederfinden sollten. Und dann ist das C von CVP extrem wichtig für mich. Gerade heute, wo so viele Leute Angst haben vor dem Islam, muss ich sagen: Brust raus – zeigen wir doch, dass wir Christen sind! Ich habe mich so aufgeregt, als plötzlich dieser Vorstoss kam, keine Kruzifixe mehr in den Klassenzimmern aufzuhängen. Also wo sind wir denn eigentlich ...?! Unser Raster muss das C sein, auch meine Leitplanke ist immer wieder dieses C.

Aber mit dem C scheint man sich heute nicht mehr profilieren zu können. Warum wohl?

Ich glaube, das liegt genau am C. Viele Leute setzen sich mit den Inhalten der CVP gar nicht seriös auseinander. Sie lassen sich von dem, was parallel in den Landeskirchen läuft, all die Austritte, davon abhalten.

Wie kann man das ändern?

Man muss die Jungen holen, die am Beginn der Familiengründung stehen. Da fängt auch das Interesse für Politik so richtig an. Denen müssen wir zeigen, dass die CVP die Partei ist, die für sie da ist und sich für sie einsetzt.

Und wofür setzen Sie sich in Zukunft ein, wenn Sie nicht mehr im Grossen Rat politisieren?

Ich bleibe im Verwaltungsrat von Careum Weiterbildung wie auch im Stiftungsrat der Schulthess-Klinik. Auch als Mitglied des Erziehungsrates habe ich ein Gefäss, wo ich meine Erfahrungen einbringen kann. Aber ich habe versprochen, dass ich da dann nicht 18 Jahre bleibe; sonst wäre ich dann 82! (lacht) Ich habe einige Anfragen bekommen, aber ich überlege in aller Ruhe, in welche Richtung es weitergehen soll. Ich freue mich jetzt erst mal darauf, wieder Klavierstunden zu nehmen und meine beiden Enkel zu geniessen.