«Er half in der Freizeit den Bauersleuten im Betrieb, wurde aber sicher nicht über Gebühr beansprucht. Die Leute waren mit ihm gut, sogar sehr gut, oder zu gut.» Das hat ein Amtsvormund vor Jahrzehnten in einem Bericht über einen seiner Mündel festgehalten. «Ich musste leer schlucken, als ich das gelesen habe», sagt Berufsbeistand in Ausbildung Luca Schmid vom Kindes- und Erwachsenenschutzdienst (KESD) Bezirk Bremgarten.

Zusammen mit seinen Berufskolleginnen und -kollegen hat er in den letzten Monaten Hunderte Seiten aus alten Dossiers aufgearbeitet. Akten ihrer Klientinnen und Klienten, die als Kinder, Jugendliche oder Erwachsene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen waren. Akten, die Auskunft darüber geben, wie respektlos und herrisch man früher mit sozial schwachen Menschen umgegangen ist. Akten, aus denen man aber meist nur erahnen kann, wie diese Menschen ausgebeutet oder sogar misshandelt worden sind.

Bettnässen ist Charakterschwäche

Die Berichte über diese Leute seien knapp gehalten. Da stehe zum Beispiel: «In der Schule läuft es recht gut, aber er ist immer noch Bettnässer.» Weiter halte der Vormund fest: «Nach mehreren Arztbesuchen hat sich keine organische Ursache für das Bettnässen feststellen lassen. Es ist also auf seine charakterliche Schwäche und seinen Alkoholkonsum zurückzuführen», berichtet Yanick Bachmann.

Den jungen Berufsbeistand in Ausbildung beschäftigt, was er gelesen hat: «Es ist schockierend. Die Leute wurden nicht verbeiständet, wie man heute sagt, sie wurden entmündigt. Ihre Wünsche und Bedürfnisse waren egal, man hat über sie bestimmt.» So habe der Amtsvormund nicht nur den zu lernenden Beruf, sondern auch den Lehrbetrieb festgelegt, und von einem Klienten habe er erfahren, dass dessen Heiratsabsicht mit der Erklärung: «Du kannst nicht heiraten, dafür bist du zu blöd», vom Tisch gewischt wurde.

Solches, sagt Yanick Bachmann, stehe natürlich nirgends: «Was in den Berichten steht und was die Klienten über jene Zeit erzählen, ist ein starker Kontrast. Wenn man mit den betreffenden Personen redet, erfährt man einiges, was nicht in den Akten steht. Beispielsweise, dass sie von Betreuungspersonen, aber auch vom Vormund und von Nonnen in Erziehungsheimen geschlagen oder auch sexuell missbraucht worden sind.»

Viele noch immer traumatisiert

Grund für die vom KESD Bezirk Bremgarten vorgenommenen Recherchen ist der Solidaritätsbeitrag, den das Eidgenössische Parlament im September 2016 mit dem Bundesgesetz «über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981» beschlossen hat. Damit soll einerseits das Unrecht, das die Opfer erlitten haben, öffentlich und offiziell anerkannt werden.

Zum andern hat das Parlament auch 300 Mio. Franken bewilligt. Alle Opfer sollen einen persönlichen Solidaritätsbeitrag in der Höhe von maximal 25'000 Franken erhalten und sich damit einen oder mehrere persönliche Wünsche erfüllen können. Das Geld darf nicht dazu verwendet werden, Schulden und Rechnungen zu begleichen oder den Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Betrag ist zudem steuerfrei, kann nicht vererbt oder sonst wie abgetreten oder zur Begleichung von Sozialhilfeschulden eingefordert werden, und er darf auch nicht zu einer Reduktion von Ergänzungsleistungen führen.

Um den Solidaritätsbeitrag zu erhalten, müssen Verding- und Heimkinder oder anderweitig zwangsversorgte Personen ihr erlittenes Unrecht nachweisen können. Die Verantwortlichen vom KESD Bezirk Bremgarten haben den Betroffenen beim Einreichen der entsprechenden Gesuche tatkräftig geholfen. Die meisten von ihnen wären damit wohl physisch, vor allem aber psychisch überfordert gewesen. «Als Erstes haben wir versucht herauszufinden, wer von unseren Klientinnen und Klienten betroffen sein könnte und entsprechende Gespräche geführt. Es sind primär Frauen und Männer ab 50 Jahren aufwärts», erläutert Berufsbeistand Christoph Mathis. Danach habe man bei den zuständigen Kantonsarchiven die Akten der betreffenden Personen angefordert und diese aufgearbeitet.

Nicht alle Betroffenen wollten, dass weitergehende Abklärungen über den Anspruch auf den Solidaritätsbeitrag vorgenommen wurden: «Es sind Leute, die von den damaligen Ereignissen noch immer stark traumatisiert sind und ihre Erlebnisse nicht wieder an die Oberfläche holen wollen», erklärt KESD-Geschäftsführer Ignaz Heim. «Ihre Würde wurde gravierend verletzt. Den heutigen Berufsbeiständen kommt nun eine besondere Bedeutung zu: Ohne sie wären diese Gesuche nicht eingereicht worden. Damit leisten sie – und das ist bemerkenswert – Entscheidendes in der Aufarbeitung des Vorgehens ihrer früheren Kollegen und Kolleginnen.»

Eine Frau empfinde den Solidaritätsfonds gar als Schlag ins Gesicht: «Sie fühlt sich tief verletzt und sagt, damit werde bloss versucht, früher verursachtes Unrecht mit Geld auszubügeln.» Das, sagt Heim, sei keineswegs die Absicht: «Das Unrecht, das diesen Leuten angetan worden ist, kann man auch mit viel Geld nicht wieder gutmachen. Aber man kann ihnen mit dem Solidaritätsbeitrag zeigen, dass die Schweizer Öffentlichkeit ihre erlittene Unbill anerkennt und sich entschuldigt.»

Sondereffort hat sich gelohnt

Der Sondereffort der KESD-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter hat sich gelohnt. Zwei Gesuche sind bereits definitiv behandelt und den betreffenden Klienten Solidaritätsbeiträge über je 25'000 Franken zugesprochen worden. Ignaz Heim und seine Mitarbeitenden sind überzeugt, dass dasselbe auch bei den weiteren eingereichten Gesuchen passieren wird, die Aktenlage sei in all diesen Fällen klar und eindeutig.

Da ist der Mann in den Sechzigern, das Kind unverheirateter Eltern: «Sein Vater hat gearbeitet und hätte problemlos für den Unterhalt seiner Familie sorgen können. Doch als Unverheiratetes Paar hatten die Eltern keine Chance. Man hat ihnen liederlichen Lebenswandel vorgeworfen, von sozialer Verwahrlosung gesprochen und das Kind weggenommen», weiss Berufsbeistand Christoph Mathis aus den umfangreichen Akten. Der Bub kam ins Heim, wurde geschlagen und sexuell missbraucht und durfte später keinen Beruf erlernen. «Man hat ihm gesagt, er habe Geld zu verdienen, nicht einen Beruf zu lernen. Es ist einfach haarsträubend, wie man damals mit diesen Menschen umgegangen ist», sagt Mathis.

Der Mann habe später eine IV-Rente erhalten, sei aber nie ganz «aus der Mühle» rausgekommen. Er bringe sich mit Arbeit und Rente einigermassen durch, für «grosse Sprünge» habe es in seinem Leben jedoch nie gereicht. Jetzt kann er sich vielleicht seinen schon immer gehegten Traum erfüllen: eine grosse, schöne und vor allem lange Reise.

Der Pfarrer hat die Kinder verteilt

Auf eine solche will der Freiämter in den Achtzigern nicht mehr. Er lebt im Altersheim und hat keine grossen Wünsche mehr. Ausser einem, den er sich mit dem Solidaritätsbeitrag wohl demnächst wird erfüllen können, aber nicht an die grosse Glocke gehängt haben will, so die betreuende Berufsbeiständin.

Der Mann ist mit sehr vielen Geschwistern aufgewachsen, bis der Vater die Familie verlassen hat. Weil man der Mutter nicht zutraute, die Kinder zu erziehen, wurden diese vom Dorfpfarrer in der ganzen Schweiz verteilt. Kontakt untereinander gab es fortan keinen mehr.

An seine Jugend als Verdingkind will der Mann möglichst nicht erinnert werden. Wie die meisten Betroffenen, mit denen der KESD ihre Vergangenheit im Hinblick auf den Solidaritätsbeitrag recherchiert hat, belasten ihn seine Erlebnisse immer noch sehr. «Viele Leute sind bis heute derart traumatisiert, dass sie gar nicht erst ein Gesuch stellen wollten. Die dafür nötige Aufarbeitung ihrer früheren Erfahrungen hätte sie zu sehr belastet», erklären die Berufsbeistände unisono.

Aus der Vergangenheit gelernt

Beim heute 87-Jährigen hat sich das Blatt nach seiner schlimmen Zeit als Verdingbub doch noch einigermassen zum Guten gewendet. Er hat eine Lehre gemacht, geheiratet und seine Frau und sich als angesehener Berufsmann gut durchs Leben gebracht. Im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen hat er über Jahrzehnte eigenständig leben können. Einen Beistand braucht er erst wieder seit kurzem, weil er wegen seinen Altersbeschwerden nicht mehr in allen Teilen selbstständig ist. Andere haben es nicht geschafft und mussten ihr ganzen Leben lang von Amtspersonen betreut werden, weil ihnen diese früher nie den Hauch einer Chance gelassen haben, selbstständig zu werden.

Eine positive Erkenntnis aus der Aufarbeitung der alten Akten sei für ihn, dass der KESD den richtigen Weg eingeschlagen habe, hält Yanick Bachmann fest: «Es war für mich wertvoll, in die Geschichte des eigenen Berufes einzutauchen und festzustellen, dass man aus der Vergangenheit die richtigen Schlüsse gezogen hat. Heute lernen wir, auf die Bedürfnisse der uns Anvertrauten einzugehen und sie als Menschen zu respektieren, die wie alle anderen ihre persönlichen Rechte und den Anspruch auf Selbstbestimmung haben.»

Mittlerweile, ist Bachmann überzeugt, werde der Umgang mit den Klienten auch immer wieder reflektiert: «Wir müssen laufend Rechenschaft über unser Handeln ablegen. Das war früher nicht der Fall. Früher musste der Vormund auch Rechenschaft ablegen, wurde aber im Gegensatz zu heute kaum, oder zumindest deutlich weniger hinterfragt oder kritisiert; er hatte faktisch ‹Macht› über die Betroffenen.»