Wenn es die Grossmütter nicht gäbe, müsste man sie erfinden: Melanie Bearth (19) aus Zufikon wurde Bekleidungsgestalterin, weil schon ihre Grossmutter den Beruf der Damenschneiderin gelernt hatte. «Ich habe von meiner Grossmutter manchen guten Tipp erhalten», sagt Melanie Bearth. Für sie hat es sich gelohnt, auf die Grossmutter zu hören, schloss sie doch ihre Ausbildung im Lehratelier am Berufsbildungszentrum Freiamt in Wohlen mit der Traumnote 5,9 in der praktischen Arbeit als beste Bekleidungsgestalterin im Kanton Aargau ab.

Mit Melanie Bearth freut sich auch Lehrmeisterin Ingrid Arnold. «Ich habe in den letzten 19 Jahren in meinem Atelier über 80 junge Frauen und gelegentlich auch Männer ausgebildet. Es gab oft hervorragende Noten, vor zwei Jahren eine 5,8. Aber Melanie Bearth setzt das Tüpfelchen aufs i.» Neben Bearth schlossen drei Kolleginnen ihre Ausbildung sehr erfolgreich ab: Tamara Probst (Niederwil, 5,0), Corina Troxler (Urswil, 5,2) und Véronique Torrentè (Arni, 5,3).

Augenmass und Geduld

Melanie Bearth zeigt ihr Gesellenstück: ein elegantes Deuxpièces. Farbe: Aubergine. In drei Tagen musste es fertig sein – und perfekt sitzen. Die Prüfungsarbeit war alles andere als einfach. «Ich musste die Jacke mit vier Klappentaschen, einem Rückengürtel, einem Stehkragen und vier Knopflöchern ausrüsten», beschreibt Melanie Bearth. Da brauchte es viel Augenmass, Vorstellungsvermögen, Geduld, Genauigkeit und technisches Können. «Genau diese Fertigkeiten zeichnen eine gute Bekleidungsgestalterin aus», bestätigt Ingrid Arnold. Wer hier die Nerven verliert, ist verloren. Melanie Bearth behielt sie und wird dafür belohnt: Im August tritt die Zufikerin ihre Stelle in einem Coutureatelier im luzernischen Eschenbach an. «Ich freue mich darauf», sagt die junge Diplomandin. «Ich will mich in meinem Beruf unbedingt weiterentwickeln.»

Für jede Kundin ein Einzelstück

Ohne Kundinnen, die noch echte Schweizer Qualität und Massarbeit schätzen, gäbe es das Lehratelier in Wohlen schon lange nicht mehr. «Bei uns entsteht jedes Kleid noch auf dem Tisch und wird nach dem Schnittmuster von Hand hergestellt – wie bei den grossen Modeschöpfern», betont Arnold. Die Atelierleiterin weibelt intensiv um ihre Kundschaft. Sie lässt ihr weit gespanntes Beziehungsnetz spielen. Der Kundenkreis ist gross. Er reicht bis nach Zürich und in die Innerschweiz.

«Es ist nicht leicht, gegen die Konfektionskleidungsbranche zu bestehen. Kleider ab Stange sind sicher günstiger. Aber bei uns erhält die Kundin immer ein Einzelstück, das nicht schon die Nachbarin trägt», hält Ingrid Arnold fest. «Wir arbeiten in einer Marktnische. Der Preis ist höher als bei Konfektionsware. Aber unsere Kundinnen schätzen unsere Qualität.» Als Modefachfrau weiss sie: «Ein Kleid, das gefällt, muss auf den einzelnen Typ zugeschnitten sein. Modetrends kommen und gehen. Aber die klassische Mode bleibt.»