«Tri tra trallala!» Zora hüpft der Villmerger Bachstrasse entlang und trällert vor sich hin. Kurz vorher war ihr noch nicht ums Singen zumute: «Opi, ich bi scho echli nervös», sagte sie, als ich sie zu Hause abholte. Ich hatte sie vor einer Woche gefragt, ob ich über ihren ersten Schultag eine Reportage schreiben dürfe. Und Zora hatte spontan zugesagt: «Ja, das ist super. Dann kann ich meinen Kindern später einmal den Bericht zeigen. Vorausgesetzt, mein Mann wirft ihn dann nicht vorher weg.»

Zora hat regelrecht auf ihren ersten Schultag hingefiebert. Schon seit Monaten war er immer wieder ein Thema: «Weisst du, Opi, dann kann ich endlich Lesen und Schreiben lernen. Und rechnen auch. Die Zahlen kenn ich ja schon gut.» Am meisten aber freue sie sich darauf, dass sie als Schülerin endlich auch «ins Leichtathletik» gehen könne, so wie ihre grössere Schwester.

Die Lehrerin, Frau Martin, hat Zora schon vor ein paar Wochen kennen gelernt, in einer Schnupperstunde: «Die ist sehr nett. Ich glaube aber, die ist auch streng. Zu den Meitli nicht so, aber zu den Buben, wenn die Seich machen.» Und das Schulhaus Dorf kennt sie auch: «Es ist nicht so gross und so neu wie das von meiner Schwester. Aber es ist auch schön. Mir gefällt es sehr.»

Zora und ihre Gschpändli werden auf dem Schulhausplatz mit Klaviermusik empfangen, für die Eltern gibts Kaffee, Kuchen und Früchte vom Elternverein. Die Zweitklässler singen zur Begrüssung ein Lied: «Das sind jetzt die Grossen, sie helfen euch am Anfang, wenn ihr etwas noch nicht kennt», sagt Isabella Perrelet, verantwortliche Stufenleiterin 4bis8. «Und es ist normal, dass ihr jetzt ein bisschen aufgeregt seid. Das war ich an meinem ersten Schultag auch. Aber ihr müsst keine Angst haben vor dem, was kommt. Ihr müsst noch nicht alles können, ihr seid ja da, um zu lernen.»

Im Schulzimmer angelangt ertönt ein Glöcklein: «Wenn ihr diesen Ton hört, dann erwarte ich von euch, dass ihr aufmerksam seid», begrüsst Andrea Martin ihre neue Klasse. Ohne, dass sie es merken, beginnt der Unterricht für Zora und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. «Wo wart ihr in den Ferien?», fragt Frau Martin. Zora streckt auf, kommt dran, stockt im Eifer des Gefechts ein wenig und sagt dann leise: «Italien.»

Opi macht sich auf den Heimweg. Ich bin überzeugt, da ist «meine» Zora gut aufgehoben. Trotzdem werde ich nachdenklich. Vor 57 Jahren war auch ich ein Erstklässler. Bei Laura Kuhn, in Sarmenstorf. Sie fuhr einen weissen VW Käfer, konnte gut Klavier spielen und noch besser mit dem Lineal «Tatzen» geben. Ich habe von ihr ein paar bekommen in den ersten drei Schuljahren, die meisten davon waren nicht unverdient.

Mein Leben habe ich trotzdem gemeistert, bald werde ich pensioniert. Ich bin am Ende meiner beruflichen Laufbahn angelangt, Zora ist neu eingestiegen. Sie wird von Andrea Martin keine Tatzen bekommen. Aber sie wird es dennoch kaum leichter haben.