Niederwil

Zeichen gegen Wegwerf-Wahn: Dieses Café repariert jetzt auch meine Tischlampe

Im Repair Café, wie hier im aargauischen Freiamt, können Besucher defekte Produkte reparieren – unter Anleitung ehrenamtlicher Mitarbeiter. Patrick Züst

Im Repair Café, wie hier im aargauischen Freiamt, können Besucher defekte Produkte reparieren – unter Anleitung ehrenamtlicher Mitarbeiter. Patrick Züst

136 000 Tonnen Elektroschrott werden in der Schweiz jährlich entsorgt. Mit dem Repair-Café setzte man im Reusspark in Niederwil ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft.

Ich habe einen Wackelkontakt. Genauer gesagt meine Tischlampe, welche mich am vergangenen Sonntagnachmittag ins Freiämter Gnadenthal führte. Lange Zeit hat sie tadellos funktioniert, jetzt ist sie kaputt. Futsch. Ich könnte sie wegwerfen und damit Teil von über 136 000 Tonnen Elektroschrott werden lassen, welche in der Schweiz jährlich entsorgt werden. Oder ich könnte sie reparieren lassen, was nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch um einiges sinnvoller wäre. Um mir diese Entscheidung zu erleichtern, wurde am vergangenen Sonntagnachmittag im Reusspark das erste Freiämter Repair-Café veranstaltet. Das ist ein Treffen, wo defekte Geräte von Fachpersonen repariert statt weggeworfen werden – genau so, wie es vor Jahrzehnten noch üblich war. Das ist ein Zeichen für eine ressourcenschonende und abfallfreie Zukunft. Und das ist hoffentlich die Rettung für meine kaputte Lampe.

Handy für den Handwerker

Beim Repair-Café im Reusspark kümmert sich Stefan Kellenberger um alle Arten von elektronischen Geräten. Das macht er zwar nicht beruflich, dafür umso leidenschaftlicher. Gerade ist er über einen alten Plattenspieler gebeugt, der nicht mehr funktionieren will. Mit Schraubenzieher, Lupe und Volt-Messgerät erforscht er das Innenleben des Geräts und versucht so den patentierten Patienten wieder aus dem Koma zu wecken.

«Ich bin natürlich kein Experte für Plattenspieler», betont Kellenberger immer wieder. «Ich habe lediglich Methodik, Erfahrung und ein Smartphone.» Letzteres habe sich in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Werkzeug der Heimwerker entwickelt. Mit der rasanten Entwicklungen im World Wide Web lägen viele technische Reparaturen nur einen Klick entfernt. «Und trotzdem kaufen sich immer mehr Leute einfach ein neues Gerät, bevor sie sich überlegen, ob man es eventuell noch reparieren könnte. Das ist schade, das war früher anders.»

Der machende Mensch

Während Kellenberger den Plattenspieler weiter auseinanderbaut, sind auch die anderen Fachpersonen beschäftigt. Es wird genäht, gemalt, gestickt und restauriert. Der Andrang ist gross, die Neugierde ebenfalls. Das freut vor allem Irene Briner. Die Kulturbeauftragte des Reussparks hat durch ein Buch von der «Kultur der Reparatur» erfahren und den Anlass am letzten Sonntag ins Leben gerufen.

Sie will damit eine Initialzündung geben, um den inneren Homo Faber der Freiämter Bevölkerung wieder ans Licht zu bringen. Am 31. Januar wird das zweite Repair-Café im Reusspark stattfinden, danach sei es gut möglich, dass es in irgendeiner Form weitergeführt wird, so Briner.

Wo die Grenzen liegen

Nach der halbstündigen Plattenspieler-Operation muss Kellenberger zuerst kurz durchatmen, bevor er sich meiner Lampe widmen kann.

Im Vergleich zum komplexen Musikgerät ist meine Apparatur sehr simpel aufgebaut. Kellenberger hat den Fehler schnell gefunden, begründet ihn hauptsächlich mit der schlechten Verarbeitung. Reparieren aber könne er es nicht, sagt er mit einem enttäuschten Kopfschütteln. Dafür sei das Produkt schlicht nicht ausgelegt. Er zeigt damit eindrucksvoll die Grenzen von Repair-Cafés auf. Denn die angepriesene «Kultur der Reparatur» beginnt nicht erst beim Kaputtgehen eines Geräts, sondern bereits bei dessen Fabrikation. Was von Anfang an als Verbrauchsprodukt konzipiert ist, kann häufig nicht repariert werden. Kellenberger: «Um dem enormen Ressourcenverbrauch
effektiv entgegenwirken zu können, bräuchte es nicht nur eine Mentalitätsänderung bei den Konsumenten, sondern vor allem auch bei den Produzenten.»

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