Wenn Unbekanntes und Neues auf einem Konzertprogramm steht, muss man Schlimmes befürchten, nicht wegen der Interpretation, sondern wegen des Ausbleibens von Publikum. In Lenzburg waren alle Befürchtungen unbegründet, was man schon daran merkte, dass zehn Minuten vor Beginn alle Programmhefte weg waren.

Michael Schneiders «Fern Hill»

Im Zentrum des Konzerts stand eine Uraufführung. Michael Schneider hatte den wohl berühmtesten Text von Dylan Thomas, entstanden 1945, in Klänge umgesetzt, Klänge für gemischten Chor und Kontrabass. Da wird die Jugend, die Natur besungen, im Bewusstsein aber, dass alles vergänglich ist.

Schneider lässt den Chor nicht statisch im Raum, komponiert nicht nur Klänge, sondern Bewegungen. Die Register wechseln ihre Plätze, was ganz besondere Farben und überraschende Klangbilder schafft. Der Kontrabass wirkt als Bindeglied zwischen den Strophen. Und wenn, zum Schluss, der Chor in höchster Harmonie ein walisisches Volkslied anstimmt, setzt der Bass «störende» Tupfer: bei aller Harmonie darf die Vergänglichkeit nicht vergessen werden.

Der gut 25-köpfige Chor, von Judith Flury sicher durch die nicht einfache Partitur geführt und durch Johanna (Jojo) Kunz wirksam unterstützt, gestaltete diese Uraufführung zu einem ganz besonderen Erlebnis. So spannend kann zeitgenössische Musik sein.

Begegnung mit Pearsall

Den Namen Pearsall hat hierzulande kaum jemand gekannt. Aber die Begegnung mit seinen vier- bis achtstimmigen Madrigalen aus dem 19. Jahrhundert sind Perlen der Chorliteratur. Die Texte drehen sich um Liebe, Seelenglück, aber auch Trauer und Verlust. Diese Musik zu entdecken, auch deshalb lohnte sich der Konzertbesuch.

Es ist Judith Flury hoch anzurechnen, dass sie keine Mühe gescheut hat, das Notenmaterial dieser acht Madrigale zu beschaffen. Der Chor mache sichtlich mit grosser Lust mit, sang intonationssicher und fein differenziert.

Kontrabass als Soloinstrument

Der Kontrabass als Soloinstrument kommt selten vor, denn es gibt kaum Solo-Literatur für das grösste Streichinstrument. Jojo Kunz spielte zwischen den Chorwerken englische Stücke aus dem Frühbarock, dem Barock und eine äusserst virtuose Sonate des Zeitgenossen David Ellis: lebendig, differenziert, mit sattem Klang und, vor allem in der Sonate von Ellis, allen Facetten, die dieses Instrument hergibt: beeindruckend, bravourös!

Das Konzert schloss mit einem swingenden Geburtstags-Madrigal des 1945 geborenen John Rutter. Nein, nicht ganz. Das Publikum verlangte nach Zugaben – und bekam sie selbstverständlich.

Zweites Konzert: Das Konzert wird am 7. September in der Alten Kirche Boswil wiederholt (19.30 Uhr).