Vor einem Metallgerippe in der Form eines Flugzeugrumpfs steht Jakob Straub und studiert Pläne. Es riecht nach Leim, an der Wand hängen Flugzeugbilder; Flügel und der Rumpf eines Helikopters stehen in der Werkstatt der MSW Aviation. Etwa 3000 Arbeitsstunden sind nötig, um ein Flugzeug zu entwickeln, das 20 Minuten in der Luft bleiben kann – optimistisch geschätzt. Bezüglich Flugzeit kann die kleine Votec 221, die momentan in Wohlen gebaut wird, mit ihren Konkurrenten nicht mithalten. Trotzdem steht das elektrische Kunstflugzeug für den technischen Fortschritt in der Aviatik.

Das Kunstflugzeug ist mit dem elektrischen Antrieb nicht nur grüner und leiser, es ist auch kraftvoller. Ihre beiden praktisch baugleichen Schwestern, ausgerüstet mit Verbrennungsmotoren, haben 220 PS und sind damit schon recht gut motorisiert. Der 600 Kilogramm schwere Elektroflieger bringt es auf 250 Kilowatt, was knapp 340 PS entspricht. Dass das Flugzeug leiser ist, ist ebenfalls ein gutes Argument, wie Jakob Straub, Diplom-Ingenieur der MSW Aviation, erklärt: «Den grössten Lärm bei den Kunstfliegern macht nicht der Motor, sondern der Propeller. Mit einem Elektromotor können wir diesen langsamer drehen lassen.» Wegen der hohen Siedlungsdichte sind die Kunstflüge in der Schweiz strengen Restriktionen unterworfen und führen dennoch zu den meisten Lärmreklamationen. «Die Schweizer Meisterschaft fand 2013 in Frankreich statt, weil in der Schweiz kein geeignetes Gelände gefunden wurde», sagt Straub.

Das innovative Kunstflugzeug ist ein Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Wohler Flugzeughersteller MSW Aviation und der Berner Fachhochschule für Technik und Informatik. Die beiden Ingenieure Steven WDünki und Patrick Wälti arbeiten dort gemeinsam an ihrer Diplomarbeit «Elektrischer Antrieb für den Motorkunstflug». Zusammen gründeten die beteiligten Personen den Verein evolaris. «Alle, die an dem Projekt mitarbeiten, sind Idealisten», hält Straub fest. Neben ihm arbeiten in Wohlen Max Vogelsang, Gründer und Chef von MSW Aviation, und Flo Gygax, Diplom-Flugzeugtechniker, an den Strukturen, also quasi der Hardware des Flugzeugs. 

Ob das Projekt auch wirtschaftlich interessant werden könne, lasse sich jetzt noch nicht sagen, so Straub. Denn die meisten Piloten gehören nicht der Kunstflug-Fraktion an, sondern sind sogenannte «Überflieger». Mehrstündige Flüge sind mit einem rein elektrischen Antrieb aber noch nicht möglich, deshalb sieht das Team im Kunstflug das geeignetere Anwendungsgebiet. Die veranschlagten Kosten betragen rund eine Million Franken. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt unterstützt das Projekt zu rund zwei Dritteln. Der Rest muss über Sponsoren und Industriepartner sichergestellt werden.

Vielleicht wird das experimentelle Kunstflugzeug gar das erste mit Elektroantrieb sein – bis jetzt wurde noch nichts Vergleichbares entwickelt. Momentan werden in Wohlen gerade die Flügel aus Kohlefasern gebaut. Sie sind abnehmbar, was den Transport leichter macht. Die beiden herkömmlichen Votec 221 haben Holzflügel. Bei der Frage, was seine Motivation sei, am visionären Projekt mitzuarbeiten, gerät Straub ins Schwärmen. «Es ist der Traum vom Fliegen, so schnulzig es auch klingt. Von klein auf hatte ich Modellflugzeuge und habe so bald wie möglich meinen Flugschein gemacht. Es gibt nichts Schöneres.» Der Ingenieur hatte sich nie vorstellen können, nur am Schreibtisch zu sitzen. «Es ist toll, dass ich hier konstruieren, bauen und fliegen kann.» Das mache den Reiz des kleinen Wohler Unternehmens aus. «Man ist dabei, von der Idee, die in der Kaffeepause entsteht, bis zum Erstflug und dem anschliessenden Sektglas», sagt Straub und grinst.