Die Schüler drehen ihre Köpfe alle in eine andere Richtung, keiner sieht zum Lehrer. Müssen sie auch nicht, denn sie fliegen gerade um die Erde. Die Sicht aus dem Weltall erleichtert es, zu verstehen, was Lehrer Denis Ganath erklärt: «Die Erdachse neigt sich momentan um 23,5 Grad von der Sonne weg, deshalb ist es Winter. Und jetzt schauen wir uns an, wie es im Sommer aussieht.» Nach wenigen Minuten ist der Exkurs in die virtuelle Realität vorbei, die Schüler setzen ihre Brillen ab und füllen ein Arbeitsblatt aus.

Futuristisch: Erdgeschichte mit VR-Brille.

Die Privatschule «Lern mit» ist wohl die erste der Schweiz, die Virtual-Reality-Brillen im Unterricht einsetzt. «Wichtig ist, dass die Sequenzen kurz und gut vorbereitet sind», erklärt Ganath. Auf seinem Gerät sieht er, worauf die Schüler ihren Blick in der computergenerierten Umgebung gerichtet haben, und kann sie mit einem Pfeil auf Objekte aufmerksam machen. Einsatzmöglichkeiten sind viele denkbar, noch sind sie aber recht beschränkt. «Spiele sind einfacher zu finden als geeignete Lerninhalte.»

Keine Justin-Bieber-Videos

Drei Apps dürfen die Schüler zurzeit einsetzen. Mit dem Sternatlas können sie durchs All fliegen und Planeten aus allen Perspektiven betrachten. Die Software rechnet aus, welche Position die Erde im Moment zur Sonne hat; wenn es also draussen dunkel wird, dann liegt Wohlen auch auf der virtuellen Kugel im Halbschatten.

Eine weitere nützliche Software ist Expeditions, das Google entwickelt hat. Wie es der Name schon sagt, kann man mit ihr Expeditionen unternehmen, die Pyramiden oder die Chinesische Mauer besuchen, aber auch eine Reise in den menschlichen Körper unternehmen und quasi in einer Lunge stehen, wenn diese ein- und ausatmet, und den Sauerstoffaustausch der Lungenbläschen beobachten.

Die dritte Applikation ist Youtube. Auf die 360-Grad-Videos gelangen die Schüler allerdings nur über einen speziellen Code. «Sie haben damit nur Zugriff auf die Inhalte, die ich ihnen mit diesem Code zur Verfügung stelle. Den neusten Justin-Bieber-Musikclip können sie nicht angucken», sagt Ganath schmunzelnd.

Nur, was bringen denn diese VR-Brillen wirklich für den Unterricht? Schulleiter Reto Helbling: «Es ermöglicht neue Perspektiven, gewisse Dinge sind leichter verständlich. Und es gibt einen Wow-Effekt, den möchten wir ausnutzen. So hoffen wir, bessere Lerneffekte zu erzielen.» Er stellt aber auch klar: «Die Erde dreidimensional zu betrachten, kann zwar helfen, es ersetzt aber nicht die Karten oder den Globus.» Auch ist es nicht so, dass die Schüler ganze Lektionen in der virtuellen Realität verbringen. Zu lange «Ausflüge», besonders, wenn man den Kopf schnell bewegt, können zu leichter Übelkeit führen.

Die Idee, die VR-Brillen im Unterricht einzusetzen, entstand vor drei Monaten. «Wir haben das an einer Messe gesehen und das Potenzial erkannt. Dank unserer Erfahrung mit iPads konnten wir die VR-Brillen relativ leicht integrieren», erläutert Helbling. Die Brillen sind aus Karton, vorne ist ein iPod als Bildschirm aufgeklebt. Die Geräte sind so konfiguriert, dass der Lehrer die Kontrolle behält. «Es ist mir wichtig, dass ich die Führung habe und die Schüler nicht einfach quer durchs All fliegen», sagt Ganath. Sonst würden die Geräte schnell zur Ablenkung statt zur Bereicherung.