Wohlen/Anglikon
Wegen Feinstaubbelastung: AZ-Leser fordert Entschärfung der Eingangspforte – das sagt der Kanton dazu

Die Eingangspforte auf der Kantonsstrasse am Dorfeingang zu Anglikon war umstritten. Und ist es immer noch. Jakob Schrämmli, ehemaliger Wohler Einwohnerrat, will nun, dass sie teilweise rückgebaut wird.

Pascal Bruhin
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Die Eingangspforte bei Anglikon wurde im Sommer 2020 gebaut.

Die Eingangspforte bei Anglikon wurde im Sommer 2020 gebaut.

Pascal Bruhin (13.8.2021)

«Mehrwert» oder «Schikane»? Darüber scheiden sich noch heute die Geister. Die Wohler Einwohnerräte Roland Büchi (SVP) und Mika Heinsalo (Dorfteil Anglikon) lieferten sich zum Ein-Jahr-Jubiläum der Eingangspforte in Anglikon diesen Sommer einen heftigen Schlagabtausch in der «Aargauer Zeitung». Die Meinungen sind gemacht, die Pforte gebaut.

Ein Argument gegen eine Eingangspforte kam aber weder vor noch nach dem Bau zur Sprache: der Pneuabrieb und die möglichen gesundheitlichen Konsequenzen davon. AZ-Leser Jakob Schrämmli meldete sich nach dem Artikel und wies darauf hin. Der ehemalige Wohler SP-Einwohnerrat setzte sich schon vor dem Bau vehement dagegen ein. Er ist überzeugt: «Eine Eingangspforte nützt nicht, sie schadet nur.»

«Lastwagen müssen praktisch auf Schritttempo abbremsen»

Jakob Schrämmli fordert, dass die Eingangspforte in Anglikon entschärft wird.

Jakob Schrämmli fordert, dass die Eingangspforte in Anglikon entschärft wird.

Pascal Bruhin

Der pensionierte Bademeister hat sich intensiv mit der Thematik beschäftigt. Schon an der Eingangspforte in Auw im Oberfreiamt beobachtete er: «Während Autos und Motorräder fast ungebremst durch die Pforte rasen, müssen Lastwagen praktisch auf Schritttempo abbremsen – und das dorfein- und -auswärts.» Die entsprechenden Gummipartikel, die beim Bremsen und Beschleunigen abgerieben werden, würden dann als Feinstaub in der Luft in die Lungen der Anwohner gelangen.

Deshalb wandte er sich vor dem Bau der Eingangspforte in Anglikon gar an Stephan Attiger, Regierungsrat und Vorsteher Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) und das Bundesamt für Umwelt und Verkehr.

Bedenken fanden bei den Ämtern kein Gehör

Doch als nicht direkter Anwohner fanden seine Bedenken kein Gehör. Bis heute. Die AZ konfrontierte das BVU erneut mit Schrämmlis Äusserungen. Mediensprecher Giovanni Leardini versuchte daraufhin, die Inputs der diversen Fachbereiche zu bündeln. Die Angelegenheit scheint komplex zu sein.

Generell sei das Ziel einer Eingangspforte, die zum Teil massiv überhöhten Geschwindigkeiten im unmittelbaren Bereich der besiedelten Ortseingänge zu reduzieren. Leardini macht darauf aufmerksam, dass überhöhte Geschwindigkeit im Schweizer Strassenverkehr jährlich zu mehr als 600 Schwerverletzten und 40 Getöteten führe.

Laut Schrämmli zeigen die Spuren eindeutig, wie die grossen Lastwagen bis über den Bordstein hinaus ausholen müssen, um durch die Pforte zu kommen.

Laut Schrämmli zeigen die Spuren eindeutig, wie die grossen Lastwagen bis über den Bordstein hinaus ausholen müssen, um durch die Pforte zu kommen.

zvg

Bei der Errichtung von Eingangspforten halte sich der Kanton an eine Empfehlung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Leardini schreibt: «Laut nachgewiesenen wirksamen Versuchen konnten in einzelnen Studien Geschwindigkeitsreduktionen bis 7 km/h nachgewiesen werden.»

Dass grosse, schwere Lastwagen stärker von den Einschränkungen einer Eingangspforte betroffen sind, ist dem Kanton bewusst: «Die Geschwindigkeitsübertretungen erfolgen mehrheitlich durch Personenwagenlenkende. Es benötigt deshalb eine wirksame Ausgestaltung für diese Benutzergruppe.»

Um dies zu erreichen, sind die grösseren Fahrzeuge noch stärker in ihrer Fahrdynamik betroffen. Der Kanton hält aber dennoch fest: «Die im Aargau erstellten Eingangstore können mit entsprechend reduzierter Geschwindigkeit auch durch grosse Fahrzeuge problemlos befahren werden.»

Auch der Problematik des Pneuabriebs ist sich der Kanton bewusst. Ein Teil des bei Brems- und Beschleunigungsvorgängen entstandenen Mikrogummis werde zuerst über die Luft in die ersten fünf Meter links und rechts der Strasse transportiert, deponiert und teilweise wieder aufgewirbelt. Über gesundheitliche Folgen müssten sich die Anwohnerinnen und Anwohner aber dennoch keine Sorgen machen.

«Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) quantifiziert den Anteil von Reifenabrieb am eingeatmeten Feinstaub bei verkehrsnahen Standorten in einem tiefen einstelligen Prozentbereich.» Die Auswirkungen auf den Menschen seien laut der Publikation aus dem Jahr 2019 als gering einzustufen.

Abschleifen der Bordsteinkanten nicht zweckmässig

Das glaubt Jakob Schrämmli nicht. Er fordert, dass die Bordsteinkanten der quer in der Strasse liegenden Mittelinsel so abgeschliffen werden, dass LKW und Postautos wieder gerade über die Insel fahren können und so weniger abbremsen müssen. Der Kanton findet das keine gute Idee: «Wenn nun die Fahrdynamik wieder grosszügiger ausgelegt wird, verpufft der angestrebte Zweck der Eingangstore.» Eine Anpassung, wie sie Schrämmli vorschlage, sei daher nicht zweckmässig.

Der Kanton selbst zieht denn auch eine positive Bilanz nach einem Jahr Eingangspforte: «Gemäss den bisher erhaltenen Rückmeldungen wurde eine deutliche Verkehrsberuhigung im betroffenen Siedlungsgebiet erreicht.» Jakob Schrämmlis Rückmeldung gehört wohl nicht dazu.

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