Bremgarter Neujahrsblätter 2018
«Wohlen ist viel grösser als Bremgarten. Dafür ist Bremgarten schön»

Die Bremgarter Neujahrsblätter 2018 bieten auf 155 Seiten spannenden und grenzüberschreitenden Lesestoff.

Christian Breitschmid
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Der Aushub im Hohbüel, nördlich von Wohlen, war gemacht. Weiter kamen die Bremgarter 1830 nicht.

Der Aushub im Hohbüel, nördlich von Wohlen, war gemacht. Weiter kamen die Bremgarter 1830 nicht.

Cornel Doswald

«Wohlen ist viel grösser als Bremgarten. Dafür ist Bremgarten schön.» Die uralte Rivalität zwischen dem malerischen Reussstädtchen und der ehemaligen Hochburg der Strohindustrie wird von AZ-Redaktor und Autor Jörg Meier im Vorwort zu den Bremgarter Neujahrsblättern mit feiner Feder und hintergründigem Humor offengelegt. Jeder Satz wie gemeisselt. «Bremgarter reisen eher selten freiwillig nach Wohlen. Umgekehrt aber schon.»

Der Wohler Meier erzählt, wie er als Kind einen Ferienfreund in Bremgarten besuchen wollte und sich mit dem Velo im Bremgarter Wald verfahren hat. «Der wunderbare Wald, der zwischen den Nachbarn Wohlen und Bremgarten liegt, trennt und verbindet die beiden (...) Die Bremgarter sagen dem Bremgarter Wald Wohler Wald. Die Wohler sagen dem Wohler Wald Bremgarter Wald. Wer im Wald unterwegs ist, weiss nicht, wo Wohlen aufhört und Bremgarten beginnt.»

«Wohler Landsturm» wütet

Mitten in diesem Wald endet ein Strassenprojekt, das 1830 die beiden Städte Bremgarten und Lenzburg, unter Umfahrung des Dorfes Wohlen, hätte verbinden sollen. Die sogenannte «Dryssgerstross» wurde nie fertig gebaut, «weil die Wohler den Bau höchst unfreundlich verhinderten», schreibt Meier. Der nachfolgende Artikel, erstmals abgedruckt im Badener Tagblatt vom 10. Januar 1981, stammt vom Wohler Sekundarlehrer und freien Journalisten Franz Schmid (1914–1996).

160'000 Franken...

...musste Bremgarten für eine Strasse berappen, welche die Wohler 1830 mit einem wahrhaftigen «Landsturm» verhinderten.

Er vertieft die Einsicht in das turbulente Geschehen im Jahr des Freiämter Sturms, das für Schmid auch das Jahr des «Wohler Landsturms» ist. Er zitiert dazu den Wohler Historiker Gustav Wiederkehr: «Der Volksmund weiss zu berichten, es seien wiederholt Bürger von Wohlen als Landstürmer aufgebrochen und hätten die Strassenarbeiter von ihrer Arbeit verjagt, um dadurch den Bau der Strasse zu verhindern.» Als dann auch noch «General» Heinrich Fischer, am 5. Dezember 1830, von Merenschwand aus aufbrach, um mit seinen Freiämtern die Kantonsregierung zu stürzen und eine Verfassungsrevision zu erzwingen, da kamen die Arbeiten im Bremgarter Wald vollends zum Erliegen.

«Aus diesem Grund mag die Strasse von da an ‹Dreissigerstrasse› genannt worden sein», wird nochmals Wiederkehr zitiert. Allerdings nicht ohne Hinweis von Autor Schmid, dass Wiederkehr ganz genau gewusst habe, dass der Name «Dryssgerstross» von den triumphierenden Wohlern zur Verspottung der Bremgarter benutzt worden sei. Nebst üblem Wohler Spott hatten die Bremgarter auch finanziell noch das Nachsehen. Die grösstenteils durch die Stadt berappten Baukosten von 160'000 Franken konnten nicht mehr beim Staat Aargau eingeklagt werden. Bremgarten blieb auf den Kosten, der unfertigen Strasse und dem Spott durch die schadenfreudigen Nachbarn sitzen.

Grosses Denken der kleinen Stadt

Vom Bremgarter Historiker und Fachexperten für historische Verkehrswege, Cornel Doswald, erfährt man dann, dass die «Dryssgerstross» auf einen Fahrweg aus dem 16. Jahrhundert zurückgeht, der als Teilstrecke einer Strassenverbindung zwischen Bern und Zürich angedacht war. Schön illustriert und historisch exakt, zeichnet Doswald die Vorgänge auf, die vom grossen Denken der kleinen Stadt an der Reuss zeugen und die die handgreiflichen Neider im Westen als eher kleinbürgerliche Querschläger erscheinen lassen. Wohlen bekam seinen Willen, Bremgarten dafür eine gute Verbindung nach Zürich.

Um ganz andere Nachbarschaften geht es in den zwölf weiteren Artikeln der Neujahrsblätter. Zum Beispiel um die «ungleiche Nachbarschaft» von «Bremgarten und Zufikon» (Georges Hartmeier) oder um die «Gründung des Kinderheims St. Benedikt in Hermetschwil in Zeiten des Umbruchs», die Melanie Keusch unter dem Titel «Der steinige Beginn einer guten Nachbarschaft» beschreibt.

Um innerstädtische Grenzen geht es in den Erinnerungen von Beat Müller, der vom «Biotop Unterstadt – In Gottes und soldatesker Nachbarschaft» erzählt. Dem Bremgarter Moses Braunschweig wurde der Stadtbann zu eng. Er wanderte 1834 nach Amerika aus und wurde Grossunternehmer. AZ Senior Editor Jörg Baumann hat diese traumhafte Erfolgsgeschichte in den Neujahrsblättern für die Nachwelt festgehalten.