Sozialhilfe
«Wohlen hat ein strukturelles Problem»

Am Podium der FDP-Ortspartei wurden von Fachleuten mehrere Facetten des Themas beleuchtet.

Toni Widmer
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Podium zur Sozialhilfe in Wohlen: Matthias Jauslin, Patrick Koch, Cornelia Breitschmid, Nicolas Galladé, Bruno Breitschmid und Urs Spillmann (von links).

Podium zur Sozialhilfe in Wohlen: Matthias Jauslin, Patrick Koch, Cornelia Breitschmid, Nicolas Galladé, Bruno Breitschmid und Urs Spillmann (von links).

Toni Widmer

«Bevor jemand bei der Sozialhilfe landet, ist in dessen Leben schon ganz viel schiefgelaufen. Deshalb ist in vielen Fällen die konkrete Hilfe sehr schwierig oder sogar unmöglich», brachte Cornelia Breitschmid, Leiterin des Kantonalen Sozialdienstes, das Thema am Ende der zweistündigen Veranstaltung treffend auf den Punkt.

Auch Nicolas Galladé, Stadtrat und Sozialvorsteher in Winterthur, machte eine bemerkenswerte Aussage: «Ausgerechnet jene Gemeinden mit sehr hohen Sozialkosten müssen am Ende meist dort sparen, wo man das Übel an der Wurzel packen könnte: bei der Bildung. Es ist ein verhängnisvoller Kreislauf.»

Überdurchschnittliches Wachstum

Die Kosten im Bereich Sozialhilfe sind in Wohlen im Jahr 2013 um mehr als 700 000 Franken auf 2,7 Millionen Franken gestiegen. Die Abrechnung von 2014 liegt noch nicht vor. Mit 3,9 % lieg die Sozialhilfequote in Wohlen deutlich über dem kantonalen Schnitt, der aktuell bei 2 % steht. Und sie ist auch höher als die durchschnittliche Sozialhilfequote im Bezirk Bremgarten, die bei 2,9 % liegt.

Zu den Gründen sprach Urs Spillmann, Leiter des Sozialwesens in Wohlen, Klartext: «Wohlen hat ein strukturelles Problem. Das können wir anhand unserer Statistik deutlich aufzeigen. Die Sozialhilfebezüger wohnen praktisch durchweg in Quartieren mit alten, sanierungsbedürftigen Wohnungen. Weil in Wohlen solche vergleichsweise günstige Wohnungen zu finden sind, ziehen viele Sozialhilfebezüger hierhin.»

«Klar reagieren wir», sagte Gemeinderat und Sozialvorsteher Bruno Breitschmid, «aber wir können niemanden zwingen, seine Altliegenschaft zu sanieren oder abzubrechen und neue, schönere und teurere Wohnungen zu bauen. Es ist zwar eine Strukturänderung festzustellen, aber bis sich wirklich etwas ändert, dürften Jahrzehnte ins Land ziehen.» Dennoch «Trotz allen negativen Begleiterscheinungen und grossen Schlagzeilen ist Sozialhilfe nicht per se etwas Schlechtes», sagte Nicolas Galladé. Er zeigte auf, wie dieses soziale Auffangnetz aufgebaut und organisiert ist, und, wie seine Stadt damit umgeht.

Es besteht Handlungsbedarf

Handlungsbedarf sieht aber auch der Winterthurer Stadtrat und Sozialpolitiker: «Weil die vorgelagerten Systeme immer weniger funktionieren, muss die Sozialhilfe immer mehr Probleme lösen. Es gibt eine klare Tendenz von der kurzfristigen zur langfristigen Lösung.» Weiter, erklärte Galladé, müssten die Sozialhilfekosten anders verteilt werden: «Es geht nicht an, dass gewisse Gemeinden von den Soziallasten fast erdrückt werden und andere praktisch ungeschoren davon kommen.» Eine Meinung, mit der er am Wohler Podium keineswegs alleine stand.

Wo liegt die Lösung des Problems? Ein Faktum, von Urs Spillmann erläutert, zeigt auf, dass die hohen Sozialhilfekosten (auch) etwas mit mangelnder Bildung und Ausbildung zu tun haben: «Es gibt viele Gründe, unter anderem Krankheit, Scheidung oder Jobverlust im fortgesetzten Alter, die Leute zu uns bringen. Ein Hauptgrund ist die mangelnde Ausbildung. Die Hälfte unserer Klientel verfügt über keinen Berufsabschluss.»

Das macht auch die Symptombekämpfung, sprich Kostendämpfung, äusserst schwierig. Immer mehr Gemeinden nehmen die Hilfe von Spezialisten in Anspruch, um Sozialhilfebezüger wieder auf den «richtigen Weg» beziehungsweise in die Wirtschaft zurückzubringen. Eine dieser Organisationen, mit denen die Gemeinden in der Region gute Erfahrungen machen, ist GoToWork in Wohlen. Geschäftsführer Patrick Koch zeigte auf, wie Sozialhilfebezüger in seiner Institution professionell betreut und aufgebaut werden, um so wieder fit für das Berufsleben zu werden. Auf entsprechende Kritik konnte Koch belegen, dass sein Unternehmen damit zwar Geld verdient, die Gemeinden aber noch mehr Geld sparen können, wenn Sozialhilfebezüger wieder zu Lohnempfängern werden.

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