Boswil
Wo werden noch Tanzschuhe montiert?

Echte Tanzlokale mit Liveband gibt es immer weniger – eine der letzten «Tanzhochburgen» ist das Chillout von Boswil.

Dominic Kobelt
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Peter Wyrsch (links) und Heiner Erni freuen sich bereits auf die nächste Tanznacht «Dance Evolution» im Chillout. kob

Peter Wyrsch (links) und Heiner Erni freuen sich bereits auf die nächste Tanznacht «Dance Evolution» im Chillout. kob

Dominic Kobelt

Einst traf sich die Jugend in Dancings, wo eine Band live Musik gespielt hat, die Männer ihren ganzen Mut zusammennahmen und die Frauen zum Tanz aufforderten – oder umgekehrt. Heute trifft man die Jugendlichen eher in Discos, das Tanzen erinnert an ein nervöses Zucken und die Musik ist teilweise so laut, dass man geübter Lippenleser sein muss, um sich zu verständigen.

Es gibt sie aber noch, die Anlässe, an denen manche geübten Tänzer sogar ihre Tanzschuhe in einem Säckli mitbringen und zu Standardtänzen, Latin, Disco Fox, Jive oder Salsa die Hüften kreisen lassen.

«Bei uns gibt es ausschliesslich Paartanz», so Heiner Erni, Mitorganisator der Tanznacht «Dance-Evolution» in Boswil. «Unsere Gäste schätzen, dass es eine Liveband gibt, die ein Gespür dafür hat, wie die Stimmung ist und darauf eingehen kann. Die kommen auch, weil sie tanzen wollen – die Tanzfläche ist von Beginn weg voll.»

Disco-Welle verdrängte traditionelle Tanzmusik

Bis in die 70er-Jahre hatten die traditionellen Tanzorchester Hochkonjunktur. Kaum eine Veranstaltung, an der nicht eine Live-Band auftrat. Wer tanzen wollte, fand auch wochentags im Aargau mehrere Lokale, in denen jeden Abend Live-Unterhaltung geboten wurde. Die Tanzbühnen waren vielfach auch der Ort, wo sich junge Leute fanden – nicht selten fürs Leben. Mit dem Disco-Sound und Filmen wie «Grease» und «Saturday Night Fever» begann der gesellschaftliche Wandel. Statt in den Dancings mit Live-Musik, suchte die Jugend ihren Spass vermehrt in den neu aufkommenden Discos. Der langsame Tod der traditionellen Tanzmusik begann. Hazy Osterwald, einer der besten Unterhaltungsmusiker der Schweiz überhaupt, musste seine legendären Hazylands nach und nach schliessen, und auch mehr und mehr kleinere Tanzlokale machten mangels Nachfrage dicht. Tanzbands gibt es immer weniger und auch kaum mehr in den früher gefragten Grossformationen. Die Nachfrage ist zu stark gesunken. Oft wird heute sogar an Hochzeiten ein Disc-Jockey angestellt. (to)

Ist Paartanz überhaupt noch gefragt? Ja, sagt Marina Klaver, diplomierte Tanzlehrerin und Inhaberin des Tanzstudios La Sidra in Muri. «Ich spüre eine Tendenz, dass je länger, je mehr auch die jüngeren Leute ab 20 wieder Paartanz lernen möchten.»

Früher seien eher Leute ab 40 in die Kurse gekommen, sagt Klaver, die seit sieben Jahren ihr Tanzstudio führt. «Das ist wohl eine Zeiterscheinung. Immer mehr Individualismus, Kommunikation mit Handy und Computer – da wünscht sich manches Paar ein Hobby, bei dem sie mehr Kontakt haben.» In die Kurse kämen hauptsächlich Paare, Einzelanmeldungen gäbe es vorwiegend von Frauen. «Männer getrauen sich wohl weniger», vermutet die dreimalige Schweizer Meisterin im Standard-Tanzen.

Nicht nur Profitänzer

Man müsse kein geübter Tänzer sein, um sich an der Tanznacht im Chillout wohlzufühlen, meint Erni: «Es hat auch Anfänger. Wir haben einen gewissen Stamm an Gästen, die immer wieder da sind, es kommen aber auch dauernd neue Gesichter dazu. Die Veranstaltung hat sich mittlerweile herumgesprochen.» Ein häufiges Missverständnis: «Obwohl es Paartanz heisst, ist die Tanznacht genauso für einzelne tanzwillige Damen und Herren gedacht wie für Paare», sagt Erni.

Warum gibt es denn kaum noch Tanzlokale? «Diese Lokale boten täglich ein volles Paartanz-Programm. Das ist beim heutigen Ausgangs-Angebot vermutlich zu viel», sagt Erni nach einigem Überlegen. «Häufig wurde auch die Band durch einen DJ ersetzt, als Sparmassnahme», ergänzt Peter Wyrsch, Inhaber des Chillouts. Auch die Konzerte seien stark zurückgegangen. «Eigentlich schade», sagt Wyrsch, «für uns ist das gut, dass wir mit solchen Veranstaltungen die Leute zu uns bringen können.» Auch andere, ähnliche Anlässe wie die Ü40-Party oder das Line-Dance würden sich grosser Beliebtheit erfreuen. «Das Angebot an Tanzveranstaltungen im Freiamt ist mager», bestätigt auch Marina Klaver. «Das Bedürfnis ist aber da. In Zürich, Cham oder Zug gibt es mehr Möglichkeiten, aber die Leute hätten lieber etwas in der Nähe.»

Angefangen in Basel

Mit dem Chillout haben die Organisatoren der Dance-Evolution immerhin einen Ort gefunden, der sich hervorragend zum Tanzen eignet. «Man hat genug Platz, es gibt eine Bühne, und dank der hohen Decke wird es nicht so schnell warm», freut sich Erni.

Aber wie kommt man darauf, eine Tanznacht zu organisieren? «Mein Kollege und ich tanzen selber auch gerne. Angefangen haben wir in Basel, da gab es wirklich gar keine vergleichbare Veranstaltung – und wir hatten mit unserem Rezept Erfolg.» Auch im Freiamt hätten sie dieses Bedürfnis gespürt.

Die nächste Dance-Evolution-Tanznacht findet am 14. März ab 20.30 Uhr im Chillout Boswil statt.