Wohlen

Wo die Mittagsglocken eine halbe Stunde später läuten

Der Lokalhistoriker Heini Stäger (im Hintergrund vor dem Emanuel-Isler-Haus)erfreute die Dorfwanderer mit seinen Storys von früher.

Der Lokalhistoriker Heini Stäger (im Hintergrund vor dem Emanuel-Isler-Haus)erfreute die Dorfwanderer mit seinen Storys von früher.

Der Lokalhistoriker Heini Stäger kramte auf einem Rundgang in alten Geschichten über «Chly Paris». Dabei kam mehr als eine Eigenheit der Gemeinde zum Vorschein.

Ein Übersichtsplan erleichtert seit ein paar Tagen den Wanderern durch Wohlen die Orientierung. Der Plan informiert sie kurz und knapp über die Geschichte und Bedeutung von 24 alten und neuen Gebäuden, die mit Informationstafeln versehen wurden. Die Bevölkerung hat den Plan gut aufgenommen.

Eine grössere Gruppe nahm die Gelegenheit wahr, aus erster Hand vom Lokalhistoriker Heini Stäger mehr über die Geschichte der katholischen Pfarrkirche, des Hotel-Restaurants Sternen und des Emanuel-Isler-Hauses am Sternenplatz zu erfahren. Nachher bat Gemeinderat Ruedi Donat die Gäste zum Apéro in der Kulturbeiz.

Dachkennel gestohlen

Die Kirche, erbaut von 1804 bis 1807, war ein Gemeinschaftswerk der Wohler Bevölkerung. Sie leistete dafür viel Fronarbeit. Bei der Einweihung am 9. August 1808 waren hohe kirchliche und adlige Würdenträger anwesend. Kurz darauf verschwanden die Dachkennel. «Sie wurden gestohlen», wusste Stäger.

Die Strohfabrikanten ordneten an, dass die Kirchenglocken vor dem Mittag nicht um elf Uhr läuteten wie anderen Orten, sondern erst um 11.30 Uhr. «Das ist heute noch so. Die Fabrikanten meinten, die Verschiebung um eine halbe Stunde sei zu tolerieren», so Stäger.

Das Restaurant Sternen entstand um 1826 aus der oberen Schmitte von Leonz Dubler, einem Vorfahren von Gemeindeammann Walter Dubler. Beim «Sternen» wurde 1868 der erste Tanzsaal erstellt, lange vor der Eröffnung des Casinos (Baujahr 1898, 1949 durch einen Neubau ersetzt). 1830 machten die Freiämter Truppen beim «Sternen» einen Halt, bevor sie im Kampf um eine andere Kantonsverfassung im Freiämter Sturm nach Aarau weiter wanderten.

Die Ortsbürgergemeinde kaufte den «Sternen» vor ein paar Jahren und liess ihn renovieren. Stäger: «Der ‹Sternen› hat tatsächlich zwei Hotelzimmer. Ich traf im Restaurant einmal zwei Amerikaner an. Sie fragten, wo sich die Hotelrezeption befinde. Ich antwortete: Sie, die Wirtin, komme gleich.»

Der verkannte Emanuel Isler

Das Emanuel-Isler-Haus müsste «Jacob-Isler-Haus» heissen. Denn im damals teuersten Haus von Wohlen etablierte sich 1819 der prominente Strohfabrikant Jacob Isler. Erst viel später zog Islers Enkel Emanuel Isler hier ein. Er war Gemeinderat und Liebhaber der klassischen Musik. Grosszügig, wie er war, lud er die Wohler zu einem grossen Kirchenkonzert ein.

Aber die Wohler machten nicht mit. Die Kirche war fast leer. Isler beschwerte sich darüber in der Lokalzeitung, worauf die erbosten Leser sich erfrechten, Isler später nachts mit lausiger Katzenmusik aus dem Schlaf zu reissen. Bei den nächsten Gemeinderatswahlen wurde Isler nicht mehr wieder gewählt. Rache ist süss, das wussten schon die alten Wohler.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1