Wohlen
Wirtin an Geburtstag überrascht: Kulturpreis 2014 geht an den «Chäber»

Irma Koch wurde an ihrem 85. Geburtstag mit dem Preis für ihr Lebenswerk überrascht. Ihr Restaurant, der «Chäber», ist in Wohlen zu einer Institution geworden.

Andrea Weibel
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Irma Koch (85) hat an ihrem Geburtstag den Kulturpreis für ihr Lebenswerk erhalten.

Irma Koch (85) hat an ihrem Geburtstag den Kulturpreis für ihr Lebenswerk erhalten.

Andrea Weibel

Es war eines der bestgehüteten Geheimnisse in Wohlen: Erst, als zu ihrer Geburtstagsfeier am Montag plötzlich gut 80 Leute, darunter Vertreter aus Politik und Presse im Schankraum des «Chäber» auftauchten, merkte Irma Koch, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. «Alle Tische waren ‹graglet› voll, und wir mussten sogar Stühle von nebenan besorgen. Das war nicht normal», sagt die zweifache Jubilarin. Denn zu ihrer grossen Überraschung wurde der 85-jährigen Wirtin direkt an ihrem Geburtstag der Wohler Kulturpreis verliehen. «Wir wollten sie überraschen, und wenn wir die Preisverleihung angekündigt hätten, hätte sie sie vielleicht nicht gewollt oder abgesagt», erklärt Gemeindeammann Walter Dubler, der zu den Stammgästen im «Chäber» gehört, das Vorgehen lachend.

«Vermutlich verdient»

So aber konnte sich Irma Koch, genannt «Chäber», zwar wundern, aber bald freute sie sich auch sehr über die Überraschung. «Es war wunderbar. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich einen solchen Preis bekommen würde. Aber verdient habe ich ihn vermutlich schon», hält sie mit ihrem bekannten verschmitzten Grinsen fest. Mit 33 Jahren hat die nun 85-Jährige das Restaurant Weber in Wohlen übernommen.

Ihr Plan wäre es eigentlich gewesen, ein Grotto im Tessin zu führen, denn dort hatte sie einige Zeit gearbeitet. «Doch dann riefen mich zwei Freunde aus Wohlen an und erzählten, diese Beiz wäre zu verkaufen. Sie wollten mich wieder daheim in Wohlen haben. Da habe ich nicht lange überlegen müssen.» Am Morgen sei sie rasch aus dem Tessin angereist, hätte den Vertrag unterschrieben, sei zu ihren Eltern essen gegangen und nachmittags wieder zurück zur Arbeit. «Mein dortiger Chef wollte mich nicht gehen lassen und sagte, wenn er gewusst hätte, dass ich nach Wohlen fahre, um einen Vertrag zu unterzeichnen, hätte er mir das Auto nicht gegeben», weiss sie noch.

«Wohnzimmer von Wohlen»

Seit damals, seit über 50 Jahren also, wirtet Irma Koch im «Chäber». Und ist zur Institution geworden. Im Buch, das zu ihrem 80. Geburtstag erschienen ist, schrieb Bundesrätin Doris Leuthard im Vorwort über das Wirtshaus Chäber, es sei das «Wohnzimmer von Wohlen». Das war mit ein Grund, weshalb die Kulturkommission sich für Irma Koch als Preisträgerin 2014 entschieden hat.

«Was ist Kultur? Und was kann sie?», fragte Ruth Portmann, Vizepräsidentin der Kulturkommission Wohlen, am Montag in die Runde. «Kultur vermag es, die Leute aus der Stube zu locken, das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung zu stärken, und sie trägt zu mehr Offenheit und Toleranz bei.» Nun werde es allen klar, sagte sie weiter, «weshalb Irma Koch unsere Kulturpreisträgerin 2014 ist».

Sozialer Gedanke

Einer, der sie als langjähriger Stammgast sehr gut kennt, ist der Wohler Kantilehrer Urs Senn. Neben seinem Auftritt mit der Schnitzelbanktruppe «d’Aaschmierer» hielt er die Laudatio auf «Chäber». Er berichtete unter anderem von den Weihnachtsfeiern, bei denen jahrelang auch jene eine warme Mahlzeit und etwas Gesellschaft fanden, die sonst niemanden hatten, mit dem sie feiern konnten. «Es war auch der soziale Gedanke, der Irma auszeichnet», so Walter Dubler.

Auch vergass Senn nicht die vielen Jazz-Konzerte, die im kleinen «Chäber» stattgefunden hatten, die Fasnacht und all die anderen Anlässe, die stets grossen Anklang gefunden haben. «Er hat mein ganzes Leben zusammengefasst», freut sich Irma Koch, «jetzt habe ich das hinter mir, für mich braucht niemand mehr eine Grabrede zu halten, besser kann das sowieso niemand.» Ihren Witz hat sie in all den Jahren nie verloren. Auch die beiden höchsten Wohler, Einwohnerratspräsidentin Ariane Gregor und ihr Stellvertreter, Andrea Duschén, gratulierten herzlich.

Eigenes Buch schreiben

Mit den 5000 Franken, die der Kulturpreisträger erhält, habe sie gar nichts vor. «Sie werden ins Restaurant gesteckt», sagt Koch. «So soll sichergestellt werden, dass der ‹Chäber› auch weiterhin für die Leute da sein kann.» Und was soll die Zukunft bringen? «Im Frühling will ich beginnen, mein eigenes Buch über mein Leben zu schreiben», eröffnet der «Chäber» feierlich.