Seit 25 Jahren ist Benno Weber Präsident des Bezirksgerichts Muri. In dieser Zeit sind unzählige Fälle auf seinem Richtertisch gelandet, hat sich rechtlich und organisatorisch sehr viel verändert. Der Jurist, der nach einem Praktikum bei einem Anwalt zuerst als Gerichtsschreiber am Bezirksgericht Muri tätig war und nach der Anwaltsprüfung als Anwalt in Bremgarten arbeitete, geht jeden Tag gerne seiner anspruchsvollen Arbeit am Bezirksgericht nach.

Als Anwalt vertrat Weber Klienten in einem Prozess. Das Ziel war dabei, möglichst viel für die eigene Partei herauszuholen. Als Richter hat man hingegen die Aufgabe, in einem möglichst fairen Prozess dafür zu sorgen, dass jede Partei das erhält, was ihr zusteht. «Ich habe recht schnell gemerkt, dass die Richtertätigkeit meinem Naturell besser entspricht», sagt der bald 60-jährige, der sich selber als harmoniebedürftig bezeichnet. Entsprechend versucht er in einem Streitfall immer, die Beteiligten dabei zu unterstützen, eine einvernehmliche Lösung zu finden. «Das ist nachhaltiger.» Wenn es nicht möglich ist, muss er als Richter einen Entscheid treffen. «Auch damit ist die Situation in der Regel geklärt und das Leben kann weitergehen.» In seiner Arbeit als Gerichtspräsident wird er von vier Laienrichtern unterstützt. Entscheide, die das Bezirksbericht als Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) fällt, ergehen im Dreierteam. Auch die häufigen Einzelrichterentscheide würden immer in Zusammenarbeit mit einem Gerichtsschreiber entstehen. «Mit Michael Plattner haben wir am Bezirksgericht Muri zudem einen zweiten Gerichtspräsidenten. Mit ihm kann ich mich ebenfalls besprechen.»

Störende Schwelle

Recht haben und Recht bekommen ist nicht dasselbe. Dieser Aussage stimmt der Gerichtspräsident zu. «Wenn ich beispielsweise jemandem ein Darlehen gebe, mir den Geldempfang aber nicht quittieren lasse, kann es leicht sein, dass ich später, wenn der andere das Darlehen bestreitet, nicht mehr zu meinem Geld komme. Es genügt also nicht, dass man einen Anspruch hat. Man muss das auch belegen können.» Nachdenklich stimmt Weber, dass die Prozesse in vielen Bereichen sehr aufwendig und teuer geworden sind. «Es kann dann leicht sein, dass jemand zwar recht hat, das voraussichtlich auch belegen kann, aber der Aufwand und das Kostenrisiko so hoch ist, dass es sich kaum lohnt zu prozessieren.» Einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma würde er darin sehen, Friedensrichter nach entsprechender Ausbildung mit mehr Entscheidungsmacht auszustatten. Den Kostenvorschuss für ein Gerichtsverfahren müsste dann nicht der Kläger, wie heute, sondern derjenige leisten, der den Entscheid des Friedensrichters anficht. «Aber ich glaube nicht, dass eine entsprechende Anpassung der Prozessordnung heute überhaupt ein Thema wäre.»

Auch ein bisschen Detektiv

Ein Richter ist bis zu einem gewissen Grad auch ein Detektiv. «Mit den richtigen Fragen versucht man, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.» Richtig brandschwarz angelogen werde man selten, ist Weber überzeugt, «sehr oft wird ein Sachverhalt allerdings etwas schöngefärbt.» Das sei nicht so problematisch: «In der Regel stellt man gar nicht auf die Aussage einer Person ab, die aus ihrer Aussage einen eigenen Vorteil erhält.» In einem normalen Zivilprozess gehe es nur darum, wer was hieb- und stichfest beweisen kann. «Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten dürfen dann im Urteil keine Rolle
spielen.»

Wird ein Entscheid des Bezirksgerichts weitergezogen, macht das Weber keine Mühe. Insgesamt würden wenige Entscheide weitergezogen. «Im Kanton Aargau ist das Bezirksgericht ja auch Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Da haben wir in den letzten zwei Jahren seit der Einführung Hunderte von Entscheide getroffen, die zum Teil massive Konsequenzen für die Betroffenen haben. Mehr als eine Handvoll sind nicht weitergezogen worden.» Weber ärgert sich nur, wenn ein Entscheid vom Obergericht geändert wird, weil er etwas falsch beurteilt hat. «Dann ärgere ich mich aber über mich selber.»

Noch nie Polizeischutz

Auswirkungen auf sein Privatleben hat seine Tätigkeit als Richter nicht. Massive Drohungen nach einem Entscheid sind bei Weber ebenfalls nur selten vorgekommen. «Ich musste aber auch schon Strafanzeige erstatten, weil mein Auto zerkratzt worden ist oder weil Drohungen ausgesprochen wurden.» Persönlichen Polizeischutz musste er hingegen noch nicht in Anspruch nehmen. «Es wäre wohl auch ziemlich schwierig, einen solchen Schutz wirksam über eine längere Zeit aufrecht zu erhalten.»

Jetzt packt der bald 60-jährige Bezirksgerichtspräsident die letzten Jahre vor seiner Pensionierung. Die Anzahl Fälle haben zugenommen, sie sind komplexer geworden, wie auch das Leben generell komplizierter ist. Im Kindes- und Erwachsenenschutz hat sich viel verändert,
zahlreiche Entscheide werden kurzfristig notwendig, die Administration hat markant zugelegt. «Früher waren die Bezirksgerichte eigenständige Behörden, heute sind sie organisatorisch eine Abteilung der Justiz Aargau.» Doch das alles ficht Weber nicht an: «Für mich ist es nach wie vor ein spannender und befriedigender Beruf.»