Morgens geht die Sonne auf – jedenfalls theoretisch. Wer im Mittelland lebt und im Winter früh aufstehen muss, der sieht ausser der Nachttischlampe nicht wirklich viel Licht. Auch den Tag hindurch wird es nicht mehr richtig hell, geschweige denn warm. Sich ab und zu über den Winter aufzuregen, gehört also quasi zur Saison.

Tatsächlich hat der Lichtmangel Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Der biologische Tagesrhythmus wird gestört, was zu Stimmungsschwankungen und Energielosigkeit führt. Bei den meisten Menschen sind diese Symptome aber ziemlich kontrollierbar.

Gegen das schlappe Gefühl am Morgen geht man beispielsweise einfach warm duschen oder man macht Yoga. Wenn man sich trotz Bemühungen immer noch energielos fühlt, könnte es sich jedoch auch um eine Winterdepression handeln.

Tausende sind betroffen

Laut Frank Marohn, Leiter der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) in Wohlen, liegt die Wahrscheinlichkeit der Krankheit bei etwa drei bis neun Prozent. Das betrifft im Freiamt doch immerhin einige tausend Menschen. Grund genug, die Krankheit etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Bei der Winterdepression handelt es sich um eine Krankheitsform, die in den lichtärmeren Wintermonaten auftritt, wie Marohn erklärt: «Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Ländern, die nördlicher liegen, wo die Tage im Winter sehr kurz sind, und südlichen Ländern.»

Das soll aber nicht heissen, dass die Menschen in den wärmeren Ländern resistent sind, wie Rolf Köster, Leiter des Zentrums für Psychiatrie, Psychotherapie und Beratung (ZPPB) in Bremgarten ergänzt: «Ein Mensch, der sein ganzes Leben in Sizilien gelebt hat und nach Skandinavien zieht, kann genau so anfällig sein wie jemand, der schon sein ganzes Leben im Norden lebt.»

Keine gewöhnliche Depression

Betroffene leiden unter typisch depressiven Symptomen wie bedrückter Stimmung, weniger Energie, Ängstlichkeit und Stimmungsschwankungen. Im Unterschied zu allgemeinen Depressionen haben sie zudem ein erhöhtes Schlafbedürfnis sowie Heisshungeranfälle. Man könnte also fast meinen, man verwandle sich im Winter in einen Bären oder ein Murmeltierchen, das vor seinem Winterschlaf noch genügend Fettreserven ansetzen muss – nur eben ohne kuscheliges Fell.

Von einer Winterdepression spricht man, wenn die Symptome zwei Saisons hintereinander auftauchen. Frauen erkranken etwa dreimal so häufig wie Männer. Haben sie also tendenziell depressionsfördernde Gewohnheiten? «Nein, die Winterdepression ist kein Ergebnis einer falschen Lebensführung. Entweder man ist dazu veranlagt oder eben nicht. Das ist Glückssache», hält Köster fest.

Gesunde Lebensweise hilft

Wie kann man einer saisonal bedingen Depression vorbeugen oder sie behandeln? «Täglich mindestens eine halbe Stunde Bewegung unter freiem Himmel, auch bei bedecktem Himmel, ist sehr hilfreich», rät Marohn. Zudem gibt es die Lichttherapie, die sich seit Jahrzehnten etabliert hat. «Man setzt sich eine halbe Stunde vor die Lampe. Der Vorteil hier ist, dass man das auch morgens tun kann, wenn es draussen noch dunkel ist», erläutert Köster.

«Allgemein hilft es natürlich, gesund zu bleiben. Das heisst Sport treiben, Kontakte pflegen, auf die Ernährung achten und auf keinen Fall einen Fernseher beim Bett haben.» Letzteres sei enorm wichtig, denn ein geregelter Schlaf sei ausschlaggebend für das Wohlbefinden am nächsten Tag. «Bei schwererer und anhaltender Symptomatik kann auch die Verordnung von Antidepressiva, pflanzlicher oder synthetischer Art, Sinn machen», erklärt Marohn. Maja Fabich hat sich in ihrer Drogerie Stutz in Sarmenstorf auf pflanzliche Heilmittel spezialisiert. Sie sagt: «Es ist wichtig, nicht nur aufgrund von Diagnosen Mittel auszuhändigen. Zuerst muss abgeklärt werden, wieso sich jemand schlecht fühlt, dann kann man die Ursache mit einer personalisierten Mischung behandeln.»

Damit es nicht soweit kommt, ist es also höchste Zeit, einen Winterspaziergang zu machen – auch wenn es nur bis zum Laden um die Ecke ist.