Beinwil

Wiggwil wird nicht nur Gessler-Dorf genannt, sondern hat auch einen Vatikan

Der Weiler Wiggwil weist einige beschaulichee Winkel auf (Bild aus dem Heimatbuch von Josef Villiger).

Der Weiler Wiggwil weist einige beschaulichee Winkel auf (Bild aus dem Heimatbuch von Josef Villiger).

Der Beinwiler Alt-Gemeindeammann Josef Villiger-Villiger hat ein Buch über den Weiler Wiggwil geschrieben.

Wenn einer berufen ist, über den Weiler Wiggwil ein Buch zu schreiben, dann ist es Josef Villiger-Villiger, Landwirt und früher Gemeindeammann von Beinwil. Wiggwil – oder «Witu», wie die Einheimischen sagen – liegt südlich des Dorfes Beinwil am Lindenberg. Der Stamm der Familie Villiger ist, von Oberrüti kommend, seit 1736 in Wiggwil, genauer in der Eichmühle, ansässig.

Nach langen Vorarbeiten, Studium der Akten und Unterlagen liegt nun Villigers Heimatbuch vor, das den schlichten Titel «Wiggwil» trägt und sich bestens für den Heimatkundeunterricht in der Schule eignen würde.

Die Geschichte darf nicht verloren gehen

«Ich habe das Buch besonders für interessierte Wiggwiler, aber auch für die nachkommenden Generationen geschrieben. Die Geschichte von Wiggwil darf nicht verloren gehen», sagt Villiger. Wiggwil, zu dem mehrere Aussenhöfe wie die Mariahalden, Steiggi, Eichmühle, Bäretshalden oder der Allmendhof gehören, hat laut Villiger Wachstumschancen. Das Dorf mit seinen gut 100 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt in der Weilerzone. So dürfen Ökonomiegebäude im Dorf zu Wohnhäusern umgenutzt werden, was den Zuzug neuer Einwohner erlaubt, wobei der typische Dorfcharakter erhalten bleibt.

Als Chronist hat Villiger seine Sporen längst abverdient. So arbeitete er schon vor Jahrzehnten am Buch «Beinwil – Zeitbilder einer Landgemeinde» mit. Er verfasste auch die Chronik über die 1803 gegründete Musikgesellschaft Beinwil und gab eine Broschüre über die Gerechtigkeiten von Wiggwil heraus.
Eingeweihte wissen es: Aus Wiggwil stammt die Familie Gessler. Die Gessler-Gass besteht nicht mehr. Sie soll zum «steinernen Hus» der Gessler geführt haben, schreibt Josef Villiger.

Von Gessler lieh Wiggwil das inoffizielle Dorfwappen, das auf dem blauen Grund einen gelben Querbalken und drei weisse Sterne aufweist. Wiggwil war eine selbstständige Gemeinde und Vogtei, bis der Zusammenschluss zur Gemeinde Beinwil kam. Die Abgabe, die man in Wiggwil dem Vogt und später der Landschreiberei zu entrichten hatte, nannte man den Stoffelhahnenzins. Dieser bestand bis 1820. Villiger erinnert in seinem Buch auch an die Zeiten des Nachtwächters. Die Nachtwächer-Bewaffung ist erhalten geblieben und wird im Buch abgebildet.

Wiggwil ist nicht nur Gessler-, sondern auch Vatikan-Dorf. Der obere Vatikan, das Mehrfamilienhaus Krummenacher, besteht noch. Hingegen wurde der untere Vatikan, das Haus Sachs, bereits 1968 beim Strassenausbau abgebrochen.

Die moderne Welt zieht im kleinen Weiler ein

In separaten Abschnitten beschreibt Villiger, wie sich in Wiggwil die Wasserversorgung vom privaten Sod- zum Dorfbrunnen zur gemeindeeigenen Wasserversorgung entwickelte, wie die Feuerwehr schon im 18. Jahrhundert organisiert war und im frühen 20. Jahrhundert die Stromversorgung trotz anfänglich grosser Skepsis Einzug hielt. Der Barbier Peter Bucher, welcher der Elektrizitätsgenossenschaft erst 1916 beigetreten war, musste seine Kunden bis dahin noch im Schein einer kargen Petrolpfunzel bedienen.

In Wiggwil wurden früher um die vierzig verschiedene Berufe ausgeübt: Bauern, Melker, Karrer und Landarbeiter, auch Müller, Bäcker, Sager, Wagner und Schreiner, Drechsler, Nagelschmied, Schuhmacher und sogar ein Tierpräparator. In Beinwil/Wiggwil stand auch die Traktorenfabrik von Johann Neuhaus und Jakob Kreyenbühl.

Ein grösseres Kapitel umschreibt die Entwicklung der Landwirtschaft seit dem 15. Jahrhundert mit der Anbaupflicht der Dreifelderwirtschaft im Getreidebau oder den früh reglementierten Weiderechten. Nicht unbedeutend war schon im 16. Jahrhundert der Weinbau, später dann der sogenannte Übernutzen – der Obstbau.

Eine Tradition: die Gerechtigkeiten

Für die gemeinschaftliche Nutzung der Allmend- und Waldareale gründete man die Gerechtigkeiten, für die heute der Gerechtigkeitsverein zuständig ist. Sie haben im Oberfreiamt eine lange Tradition. Nur wer Eigentümer eines Hauses oder Hofes war, konnte am gemeinsamen Gut des Nutzungsverbandes teilhaben. Wer eine solche berechtigte Liegenschaft veräusserte, verlor auch den zugehörigen Gerechtigkeitsanteil.

Die Gerechtigkeit konnte also nicht für sich allein vom Haus weg verkauft werden. Mussten wegen einer Erbteilung neue Feuerstätten in diesen Gerechtigkeitshäusern errichtet und dabei die Häuser erweitert werden, so wurden die Gerechtigkeiten geteilt.

Die Rechte und Freiheiten der Gerechtigkeiten wurden im Dorfbrief vom 18. Juni 1749 erstmals schriftlich festgehalten. Den namens der Gnädigen Herren und Oberen ausgestellten Brief unterzeichnete der Landvogt Leonti Andermatt mit seinem persönlichen Siegel. Zu den Pflichten des Gerechtigkeitsvereins Wiggwil gehörte es, den Frühmesser zu entlöhnen, den Friedhof in Ordnung zu halten, an Fronleichnam den Altar aufzurichten, die Wegkreuze zu unterhalten und das Brennholz von je einem Viertel Gerechtigkeit für die Kaplanei und das Armenhaus zu liefern. Dazu kamen Aufgaben als Gesundheitspolizei sowie anfallende allgemeine Gemeindeaufgaben.

Schon im Jahre 1838 wurde vom Bezirksamt und später 1899 vom Kanton versucht, die alte Ordnung aufzuheben. Der Loskauf der drei noch bestehenden Dorfgerechtigkeiten durch die vereinigte Gesamtgemeinde sei durch den Kanton «beförderlich» an die Hand zu nehmen, verlangte der Kanton. Dies ist aber bis heute unterblieben, schreibt Josef Villiger.

Zur Mühle gehörte auch eine Bäckerei

In seinem Buch beschreibt der Autor einlässlich die Geschichte der Eichmühle mit der bis 1968 dazu gehörenden Bäckerei. Die Mühle brannte 2012 ab und wurde neu aufgebaut. Mit Aufstellungen über alte Wiggwiler Geschlechter und die Dorfliegenschaften sowie Aufzeichnungen aus dem Dorfalltag und geschichtlichen Erzählungen rundet Josef Villiger sein Heimatbuch ab.

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