Fischbach-Göslikon
«Wie Weihnachten»: Eine Zeitungsverträgerin auf ihrer letzten Tour

Sylvia Steinmann macht nach 18 Jahren Schluss mit dem Aufstehen zu nachtschlafender Zeit. Am Samstag war die Zeitungsverträgerin zum letzten Mal in Fischbach-Göslikon auf Tour. Sie freut sich auf ihren neuen Job.

Robert Benz
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Sylvia Steinmann hat 18 Jahre lang am frühen Morgen und bei jeder Witterung die az verteilt. Robert Benz

Sylvia Steinmann hat 18 Jahre lang am frühen Morgen und bei jeder Witterung die az verteilt. Robert Benz

Robert Benz

Beissende Kälte, stockfinstere Nacht und leichter Schneefall sind nicht gerade die Arbeitsbedingungen, die sich jemand herbeisehnen würde, schon gar nicht Sylvia Steinmann. Es ist kurz nach vier, die Strassenlampen sind noch dunkel in Fischbach-Göslikon und Steinmann macht sich bereit für ihre letzten zwei Touren als Zeitungsverträgerin. «Heute ist für mich wie Weihnachten», sagt sie, «doch es hätten nicht unbedingt weisse Weihnachten sein müssen.»

Die Zeitungen sind druckfrisch

Steinmanns Haare sind schon nach einer Viertelstunde pflotschnass vom Schnee, doch das scheint sie nicht zu kümmern. Seit 18 Jahren verteilt sie nun in aller Herrgottsfrühe Zeitungen, und, ob am letzten Tag noch einmal Schnee fällt, spielt nun wirklich keine Rolle. Die frischen Samstagszeitungen, keine vier Stunden fertig gedruckt, liegen im Auto auf dem Beifahrersitz: Neben der AZ auch Tagi, Blick und die NZZ. Nicht fein säuberlich, sondern in geordnetem Chaos, jede Ausgabe griffbereit.

«Heute ist der Tagi dick, gestern war es die AZ. Das ist verschieden», sagt sie und nimmt einen Stapel vom Sitz. Sie steigt aus, geht zehn Schritte, wirft die Ausgaben in die verschiedenen Briefkästen eines Mehrfamilienhauses und ist flugs wieder im Auto.

Dann rollt sie zum nächsten Briefkasten und weil der so nahe an der Strasse steht, braucht sie nicht einmal auszusteigen, um die nächste Zeitung einzuwerfen. «Das ist natürlich praktisch, aber von denen gibt es auf meinen Touren nur etwa 20 Stück.» So geht das Ein- und Aussteigen weiter bis zweieinhalb Stunden später alle Zeitungen im richtigen Briefkasten sind.

Begonnen hat Steinmann mit Zeitungen verteilen in Lieli und Rudolfstetten. Doch in Rudolfstetten fühlte sie sich schon bald unsicher. Es gab Militärübungen und ein Polizist bedrohte sie im Wagen mit seiner Dienstwaffe, weil er sie für verdächtig hielt.

Sackgeld als Teil des Budgets

Ausserdem wurde zu der Zeit eine Frau in der Bahnhofsunterführung überfallen. Daraufhin zogen Steinmann und ihr Mann vor 15 Jahren nach Fischbach-Göslikon. «Auch hier hatte ich manchmal Angst. Das liegt aber auch an mir. Ich bin halt ängstlich, nicht gerne alleine im Dunkeln, und ausserdem habe ich Mühe mit Aufstehen.»

Nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Zeitungsverträgerin könnte man meinen, doch Steinmann kämpfte sich trotzdem jeden Morgen aus dem Bett. Sie wollte dieses Sackgeld, aber ohne ihre kleine Tochter alleine lassen zu müssen. Deshalb arbeitete sie, während Mann und Tochter schliefen. Irgendwann wurde das Sackgeld Teil des Familienbudgets und Aufhören kam nicht mehr infrage.

Inzwischen ist die Tochter gross und Steinmann könnte die Touren in Fischbach-Göslikon wohl im Halbschlaf mit verbunden Augen und gefesselten Beinen absolvieren. Sie weiss genau, wer wann welche Zeitung bekommt und kennt die Hälfte der Leute persönlich. Bei rund 300 Zustellungen und vier verschiedenen Zeitungen grenzt das an Denksport.

Nachfolgerin ist schon dabei

Das muss wohl auch Sodhi Balachandren denken. Die junge Nachfolgerin für den Job in Fischbach begleitet Steinmann an diesem Samstag bereits zum vierten Mal. Während die Fachfrau ohne auf die Verteiler-Liste zu gucken unbeirrt ihre Spuren durchs verschneite Dorf zieht, ist die Anfängerin damit beschäftigt, sich alle Eigenheiten einzuprägen: wo die Briefkästen sind, wo sie das Auto wenden kann, wo sie überhaupt durchfahren muss und wo nur am Samstag eine Zeitung gefragt ist.

Glaubt man der Uhr in Steinmanns Auto, hat sie ihre letzte Zeitung um Punkt 6.23 Uhr in einen Briefkasten beim Sternen geworfen, von x-Tausend die letzte. Und jetzt? Ab nach Hause und ins Bett. Schliesslich ist das Bett dank dem Mann noch warm und die Samstagsbüez samt Spaziergang bereits erledigt. Steinmann freut sich auf das, was nun kommt: ein neuer Job bei einem Versandspezialisten. Arbeitsbeginn um 6 Uhr. Ausschlafen ist relativ.

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