Muri
Wie sehr belasten die Coronamassnahmen Senioren? Wir haben nachgefragt

Wie sehr fühlen sich die Seniorinnen und Senioren von den geltenden Coronamassnahmen eingeschränkt? Paula und Jakob Kaufmann leben in der Pflegi Muri, sie geben Auskunft.

Nathalie Wolgensinger
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Das Ehepaar Paula (85) und Jakob Kaufmann (92) ist seit einigen Wochen Bewohner in der Pflegi Muri.

Das Ehepaar Paula (85) und Jakob Kaufmann (92) ist seit einigen Wochen Bewohner in der Pflegi Muri.

Chris Iseli

Eben war der Arzt da und untersuchte Jakob Kaufmann. Der 92-Jährige ist deswegen etwas «zunderobsi» und entschuldigt sich. Seine Frau Paula tätschelt ihm den Arm und beruhigt ihn: «Nach dem Mittagessen legst Du Dich hin, und dann geht es Dir wieder besser.» Die beiden sind ein eingespieltes Team, das merkt man. Wenn er ein Wort vergisst, hilft sie aus.

Ein Unfall im Dezember veränderte alles

Bis vor wenigen Wochen lebte das Ehepaar noch in Merenschwand im Eigenheim. «Ich wurde im Dezember von einem Auto angefahren und musste notfallmässig ins Spital mit Kopfverletzungen», erzählt die 85-Jährige. Weil ihr Mann auf Hilfe im Alltag angewiesen ist, besorgte man ihm einen Platz in der Pflegi Muri. Er habe sich vom ersten Tag weg wohlgefühlt, bestätigt der Tierarzt. Seine Frau aber habe er dennoch sehr vermisst, auch wenn er täglich mit ihr habe telefonieren können. «Es war schlimm, ich lag in Luzern im Kantonsspital und konnte einfach nichts tun», erzählt nun Paula Kaufmann von der schwierigen Zeit. Nach dem Spitalaufenthalt sollte sie sich in einem Kurhotel im Kanton Zug erholen. Die Kur brach sie nach wenigen Tagen ab. «Ich fühlte mich dort isoliert. Ich wollte zu meinem Mann», erzählt sie.

Und so lebt das Ehepaar seit einigen Wochen in der Pflegi Muri, wo sie sich sehr wohl fühlen. Auch wenn der Aufenthalt nicht selbst gewählt ist, sind sie zufrieden. «Einsam?», fragt Paula Kaufmann verwundert und schüttelt den Kopf, «nein, wir fühlen uns nicht einsam.» Jakob Kaufmann nickt. Die beiden überlegen lange. «Wegen Corona ist halt weniger möglich als sonst», sagt sie.

Besuch im leeren Restaurant Benedikt

Den Besuch kann das Ehepaar nicht im Zimmer empfangen, sondern im Restaurant Benedikt. «Das ist normalerweise proppenvoll und man trifft meist auf Bekannte. Und jetzt schauen Sie mal», sagt sie und macht eine ausladende Handbewegung. Das Restaurant ist leer. «Das ist schade», bedauert sie. Aber deswegen einsam? «Nein, wirklich nicht», fügt sie an. Nun fällt ihr doch etwas ein: «Nächste Woche habe ich Geburtstag. Wir dürfen zwar Besuch empfangen, aber nur wenige Leute.»

Einsamkeit, so scheint es, ist für die beiden kein Thema. Für Abwechslung im Alltag sorgen Physiotherapie, ein «Schwatz» mit den Mitbewohnern der Wohngruppe oder Telefongespräche. «Wir lesen gerne», erzählt sie. Vor einigen Jahren veröffentlichte Jakob Kaufmann unter dem Titel «Gelebte Zeiten. Erinnerungen eines Tierarztes» eine Erzählung. Voller Begeisterung erzählen sie «Müsterli» aus vergangenen Zeiten.

Ob sie zurück in ihr Heim kehren, das steht noch offen. Erst muss sich Paula Kaufmann erholen von den Unfallfolgen. Und was dann ist, das umschreibt Jakob Kaufmann treffend mit den folgenden Worten: «Im Alter muss man mit allem rechnen; auch mit dem Tod.»