Zum Glück weiss Fritz nicht, welche Verantwortung auf ihm lastet. Der junge Storch, benannt nach Fritz Schmied, der seinerzeit als Direktor im Murimoos mitverantwortlich für die 1987 erfolgte Gründung der Storchenkolonie war, wird auch den kleinen «Rucksack» bald nicht mehr spüren, den ihm Holger Schulz, Leiter des Projekts «SOS Storch», vor wenigen Tagen auf dem Rücken befestigt hat.

Der «Rucksack» ist ein Logger. Ein Sender, der kontinuierlich Daten sammelt. Zum einen über die Wege, die Fritz in Zukunft einschlägt, zum andern über sein Verhalten.

Fixiert worden ist das kleine Kästchen mit einem Band aus Teflon, welches beidseits über die Flügelachsen läuft. Es sitzt straff genug, damit es nicht verrutscht, und ist dennoch so flexibel, dass es Fritz im Wachstum nicht behindert.

1950 keine Störche im Mittelland

Um 1900 gab es im Schweizer Mittelland noch rund 140 Nester, in denen regelmässig gebrütet wurde. 50 Jahre später war auch der letzte Horst verwaist. Es gab keine Störche mehr.

Mitverantwortlich dafür waren die Nässe und Kälte im Schweizer Frühling, aber auch die fehlenden Nahrungsgrundlagen. Immer mehr Flüsse und Bäche wurden verbaut, Feuchtgebiete trockengelegt und die Mechanisierung der Landwirtschaft schuf eine immer eintönigere Landschaft. Viele Störche kamen aber auch auf ihrem Zug in den Süden um.

1948 gründete Max Bloesch die Storchensiedlung Altreu. Jungstörche, anfänglich aus Europa, später aus Nordafrika, wurden über die Jugendjahre im Gehege behalten und erst mit der Brutreife freigelassen. In den 1960er-Jahren stellten sich erste Erfolge ein, die Vögel vermehrten sich. Nach und nach entstanden in der Schweiz 24 Aufzuchtstationen, 1987 kamen die Störche dank dem Murimoos auch wieder ins Freiamt.

Jeweils im Spätsommer ziehen die Weissstörche in den Süden, im Frühling erwartet man sie zurück. In den 90er-Jahren überstanden diese Reise allerdings bloss 10 Prozent der Jungstörche.

Erfolg mit Projekt SOS Storch

Mit dem Projekt «SOS Storch» versuchte man, den Gründen dafür auf die Spur zu kommen: «Wir haben Störche mit Loggern ausgerüstet, sind aber auch ihre Reiseroute bis nach Westafrika abgefahren, um herauszufinden, auf was die hohe Sterblichkeitsrate der jungen Tiere zurückzuführen ist, erklärt Schulz.

Herausgefunden hat man damals zwei Dinge: Zum einen, dass viele Störche gar nicht mehr bis nach Afrika fliegen, sondern in Spanien überwintern. Dort finden sie auf offenen Mülldeponien reichlich Nahrung.

Zum andern verenden viele unerfahrene Störche im Bereich von Freileitungen, die nicht gesichert sind. «In Südfrankreich haben wir auf unserer Erkundungsreise auch einen Wasserturm entdeckt, der aufgrund seiner Konstruktion für rastende Störche zur tödlichen Falle wurde.

Interventionen der Schweizer Storchenschützer bei lokalen Behörden und Elektrizitätsgesellschaften brachten Erfolg: «Mittlerweile kommen rund 20 bis 30 Prozent der jungen Störche im Frühling wieder in die Schweiz zurück und ein Teil siedelt sich weiter südlich an. Unsere Anstrengungen haben sich gelohnt», sagt Holger Schulz. Jetzt hat die Organisation «Storch Schweiz» (siehe Text unten) ein zweites SOS-Projekt lanciert.

«Wir wollen das Verhalten der Störche auf ihrem Zug ins Winterquartier noch besser verstehen lernen. Und wir wollen vor allem auch herausfinden, wie sie reagieren, wenn demnächst die offenen Deponien in Spanien auf Geheiss der EU geschlossen werden und die Tiere dort kein organisches Material mehr finden», erklärt Projektleiter Schulz. Gestützt auf die gesammelten Daten aus dem Projekt werde man dann weitere Massnahmen zum Schutz der Störche ergreifen.