Weihnachtsserie
Wie es die Zeugen Jehovas machen: günstige Ferien statt Weihnachtsstress

Die az Freiamt berichtet in einer mehrteiligen Serie über Bräuche anderer Religionen rund um Weihnachten: Warum feiern die Zeugen Jehovas keine Weihnachten? Die az hat in Villmergen nachgefragt.

Nora Güdemann
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Regulär findet zweimal pro Woche eine Versammlung statt. NGÜ

Regulär findet zweimal pro Woche eine Versammlung statt. NGÜ

Nora Güdemann

Die Zeugen Jehovas – wir kennen sie von den Besuchen an der Haustür oder von den Bahnhöfen, wo sie manchmal mit einer Werbetafel stehen, ihre Zeitschrift «Wachtturm» verteilen und ihre Sicht der «Frohen Botschaft» verkünden. Man weiss von der Glaubensgemeinschaft auch, dass ihre Mitglieder Bluttransfusionen ablehnen, dass sie keine Geburtstage feiern und auch Weihnachten nicht. Obwohl sie ihren Glauben als christlich bezeichnen.

Ich will wissen, warum und mache mich auf den Weg zu einer Versammlung im Königreichssaal im Villmerger Industriegebiet. Zwei Zeugen Jehovas haben sich bereit erklärt, sich meinen Fragen zu stellen. Unterwegs blitzen und blinken überall Lichter und Weihnachtsdekorationen. Durch das eine oder andere Wohnzimmerfenster, so glaube ich, sind bereits festlich geschmückte Weihnachtsbäume zu sehen. Im Büro haben Kolleginnen und Kollegen selbst gebackene Guetzli mitgebracht, in den Kirchen der Region werden die grossen Festtagsgottesdienste vorbereitet.

Man richtet sich nach den Fakten

Und bei den Zeugen Jehovas? Nichts von alledem. Das «Fest der Liebe» geht offenbar spurlos an ihnen vorbei. Im Königreichssaal steht kein Tannenbaum, es brennen keine Kerzen, es gibt keine spezielle Dekoration. Warum nicht?

Ronald Hefti ist seit langer Zeit ein Zeuge Jehovas, seine 18-jährige Tochter Cécile ist mit dem Glauben aufgewachsen. Für die Versammlung am Dienstagabend haben sie sich chic angezogen. Er trägt Krawatte, sie einen Rock und Pumps. Die Versammlung beginnt. Es werden Bibelverse zitiert und gelesen. Man singt, betet und kann Fragen stellen, die beantwortet werden. Die Weihachtsbotschaft, Maria und Josef, das Jesuskind im Stall, der Esel, die Schafe und Hirten oder der Stern von Bethlehem sind kein Thema. Die konzentrierte Stimmung erinnert mich an ein Schulzimmer. Ronald Hefti erklärt: «Die Zeugen Jehovas richten sich nach den Fakten in der Bibel. Die Geburt Jesu ist dort nie als etwas Zentrales, Wichtiges behandelt worden. Weihnachten ist ein heidnischer Brauch.»

Also auch keine Weihnachtsgeschenke für Tochter Cécile? Nein. Sie hat sie nie vermisst. Auch nicht im Kindergarten, als die anderen mit den neuen Spielsachen prahlten. «Wir leben die christliche Liebe aktiv, das heisst, man beschenkt sich stets und nicht nur einen Abend im Jahr.» Ronald Hefti fügt an: «Wenn man die Evangelien durchliest, ist von Jesus als einem Mann die Rede, der aktiv war, handelte und etwas zu sagen hatte. Nicht von einem herzigen Baby, das einfach nur in der strohgefüllten Wiege liegt. Wir wollen die richtigen Bilder vermitteln. Wir wollen Jesus zeigen, Gottes Sohn, der als Erwachsener viel für uns getan hat und für uns gestorben ist.» Deshalb ist für die Zeugen Jehovas der Tod Jesu mit dem Abendmahl einer der wichtigsten Feiertage im Jahr.

Billigere Ferien

Was macht denn Familie Hefti über die Festtage? «Ich erhole mich», sagt Ronald Hefti. «Vor Weihnachten ist im Büro immer viel zu tun, dazu kommt die dunkle Jahreszeit. Ich bin froh, dass ich mir den zusätzlichen Weihnachtsstress nicht antun muss.» Seine Tochter fügt schmunzelnd an: «Viele von uns fahren in dieser Zeit in die Ferien, dann ist es billiger.»

Ich verlasse den Königsreichssaal und ziehe ein Fazit: Es ist in der Tat anstrengend, allerlei Geschenke zu besorgen und einzupacken und alle übrigen Vorbereitungen zu treffen. Aber vielleicht ist es auch genau dieser Stress, den ich vor Weihnachten nicht missen möchte.

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