Hägglingen
Wie ein Paragraph zur Odyssee zwischen Kanton und Weidegänsen wurde

Das Ehepaar von Allmen hatte 2002 einen alten Bauernhof gekauft und gestaltete das Grundstück nach eigenen Wünsch um. So klein auch die Änderungen, das Gesetz in der Landwirtschaftszone verhinderte, dass der Kanton die Umgestaltung so hinnahm — es folgte ein Hin und Her aus aussichtlosen Vorschlägen und fragwürdigen Gesetzlichkeiten.

Andrea Weibel
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Diana und Kurt von Allmen mit Ganter Franz – wegen des Gänseweidezauns haben sie eine Odyssee hinter sich.

Diana und Kurt von Allmen mit Ganter Franz – wegen des Gänseweidezauns haben sie eine Odyssee hinter sich.

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Es hört sich an wie der neueste Schwank einer der Freiämter Theatergruppen, doch die Geschichte um den Gänsezaun, die das Ehepaar von Allmen aus Hägglingen zu berichten hat, ist tatsächlich so passiert. Wie in einem Lustspiel beginnt die Story unspektakulär: Diana und Kurt von Allmen haben sich 1996 in Hägglingen kennen gelernt und vor knapp 20 Jahren geheiratet.

Beide stammen nicht aus der Gegend. Gemeinsam kauften sie 2002 den alten Bauernhof an der Maiengrünstrasse 32 und begannen, diesen um- und auszubauen. Die 28 Aren Landwirtschaftsland, die ihr Grundstück umfasst, baute das Ehepaar zu einem Paradies für sich, die Kinder und ihre Tiere aus. Die Kinder bekamen ein Trampolin und eine Rutschbahn, die Erwachsenen einen Garten plus eine gemütliche Feuerstelle und die Laufenten und Diepholzer Gänse einen Teich und zwei Bauwagen als Häuschen.

Um letztere baute Kurt von Allmen den alten Zaun, der schon vorher dort gestanden hatte, neu auf und machte ihn durch Diagonalgeflecht marder- und fuchssicher, sodass die Tiere auch nachts draussen sein konnten. Das war 2012. Alles wunderbar. Doch dann nimmt die Geschichte Fahrt auf.

Ein Schildbürgerstreich

Anlass für die «Irrungen und Wirrungen», wie es die Theatergruppen in ihren Stücken nennen würden, war ein Baugesuch, das das Ehepaar Ende 2013 einreichte. Es ging um eine Heizung mit Erdsonde – ein Gesuch, das selbst in Aarau schnell durchgewinkt wurde. Was die Zuschauer des Stücks wissen müssen: Normalerweise würde der Gemeinderat über solche Anliegen entscheiden, da von Allmens aber in der Landwirtschaftszone wohnen, entscheidet der Kanton.

Nochmals: Das Baugesuch für die neue Heizung war kein Problem. Doch dann begann der Schildbürgerstreich. 2014 erhielten von Allmens Post vom Kanton – der erste von einem Stapel Briefen, der sich mittlerweile einen Zentimeter hoch angehäuft hat. «Man teilte uns mit, man hätte entdeckt, dass sich auf unserem Grundstück in den letzten Jahren vieles verändert habe. Da stünden Dinge, die vorher nicht da gewesen seien», berichtet Kurt von Allmen. «Sie forderten uns auf, dazu Stellung zu nehmen.»

Das tat der Produktionsmanager, der in einer Fotohandelsfirma arbeitet. «Ich beschrieb, was wir für Familie und Tiere aufgebaut hatten. Ich war nicht der Meinung, dass die fahrbaren Bauwagen, die als Enten- und Gänsestall dienten, die kleine Rutschbahn am Hang oder das Trampolin bewilligungspflichtig seien. Aber ich schrieb auch, dass ich bereit sei, nachträgliche Baugesuche einzureichen, falls diese doch nötig seien.» Das waren sie, also schrieb von Allmen das Gesuch.

25 Quadratmeter hätte ein Zaun, wie ihn Familie von Allmen zuvor für ihre Gänse und Enten gebaut hatte, höchstens umfassen dürfen. «Das ist doch nicht artgerecht», findet Kurt von Allmen.

Der Kanton bewilligte das Bienenhäuschen an der gegenüberliegenden Parzellenecke. Da Rutschbahn, Trampolin, Feuerstelle und Sandkasten aber mehr als 15 Meter vom Haus entfernt standen, mussten sie abgebaut werden. So lautet das Gesetz in der Landwirtschaftszone. Genauso die beiden Bauwagen. Und der Zaun fürs Federvieh. Letzteres konnten von Allmens nicht verstehen, da der Zaun schon bei den Vorbesitzern für Rinder und Schafe verwendet worden und lediglich erneuert worden war.

Doch das mussten von Allmens beweisen. Der Kanton liess die Unterschriften der Bauern ringsum, die das bezeugten, jedoch nicht gelten. Man kann sich vorstellen, wie eine strenge, übereifrig paragrafenreitende Kantonsbeamtin auf einer Theaterbühne dargestellt würde. So ähnlich stellten sich von Allmens ihr Gegenüber vor. Denn was an theoretischen Lösungen vom Kanton vorgeschlagen wurde, ist mit gesundem Menschenverstand. . . sagen wir, schwierig zu begreifen.

«Das ist doch nicht artgerecht»

Ein 5x5 Meter grosses Gehege, das maximal 15 Meter vom Haus entfernt steht und den bestehenden Teich sowie ein kleines Häuschen einschliesst, ist gestattet. Kurt von Allmen, der seine Tiere gern hat und auch über genügend Land für sie verfügt, schüttelt den Kopf: «Auf so engem Raum will ich doch keine Gänse oder Enten halten. Das ist doch nicht artgerecht.»

Der Kanton fand, dann solle er einen grösseren Weidezaun aufstellen, der aber nicht aus dem bestehenden engen, marder- und fuchssicheren Diagonalgeflecht bestehen darf, sondern nur aus Flexinetz oder einem Knotengitterzaun – durch dessen grosse Maschen Marder dankend hinein- und Enten sowie Junggänse hinausschlüpfen könnten. Hin und her gingen die Briefe, auch der Gemeinderat wurde involviert und es gab eine Aussprache mit allen Beteiligten. Doch der Kanton blieb hart und hatte kein Gehör für die Vorschläge der Familie.

Den ganz grossen Lacher würde die Schauspieltruppe, die das Stück aufführen würde, jedoch mit dem machen, was dann kam. «Irgendwann gab ich mich damit einverstanden, dass wir den Zaun auswechseln. Wir beschlossen, dann eben alles aus Knotengitterzaun zu bauen und durch ein Flexinetz zu verstärken. Doch dann fand der Kanton plötzlich, das ginge nur bei Weidevieh, und sie müssten erst beim zuständigen Amt abklären, ob Gänse zu Weidevieh gezählt werden könnten. Man stelle sich das Publikum vor, das erfährt: Ja, «gemäss Rücksprache mit der Landwirtschaft Aargau können Gänse zu den Weidetieren gezählt werden».

Gesunder Menschenverstand?

Als kleinen Unterstand hat Kurt von Allmen nun ein Kalberhäuschen angeschafft, wo Gans Lina brüten kann. Glücklicherweise sind sie, ihr Ganter Franz sowie die derzeit sechs Enten sehr kältebeständig und brauchen kein Häuschen, wie es beispielsweise für Hühner nötig wäre. So haben von Allmens den neuen doppelten Zaun, der rund 2000 Franken gekostet hat, angebracht, der Kanton hat den Bau abgenommen und die Geschichte ist vorüber.

«Mir ist bewusst, dass wir laut Paragrafen im Unrecht sind. Was ich sehr vermisse, ist hier der gesunde Menschenverstand», so Kurt von Allmen. «Das Schlimmste ist, dass der Hauptgrund, den der Kanton die ganze Zeit genannt hat, die Erhaltung des Landschaftsbildes sei. Aber wenn man sich das Ganze anschaut, sieht es jetzt von weitem genau gleich aus wie zuvor, nur dass wir Arbeit, Geld und jede Menge Nerven aufbringen mussten. Was bringt das dem Kanton?» Er schüttelt den Kopf. Das Publikum versteht ihn. Applaus.