Villmergen
Wie ein Bauer wegen einer Seuche eine Tierarztdynastie begründete

Vor 90 Jahren eröffnete Josef Koch eine Tierarztpraxis. Heute führt sie Christoph Koch in der dritten Generation. Vieles ist anders.

Andrea Weibel
Drucken
Teilen

Andrea Weibel

Josef Koch war Bauer. Anfang des vergangenen Jahrhunderts stand eine Handvoll Kühe in seinem Stall im «unteren Löwen», dem späteren Restaurant Landhaus in Villmergen. Als er 19 Jahre alt war, zog die Maul- und Klauenseuche durch das Freiamt – doch damals hat man die Tiere «durchgeseucht», statt sie zu schlachten. Nur noch zwei Gäste kamen ins gesperrte Wirtshaus zu Besuch: Bezirkstierarzt Christen und Hauslehrer Nager. Die beiden fanden, Josef vergeude seine Zeit mit dem Bauern, er müsse studieren und selber Tierarzt werden. Auch er merkte, dass er im Zuge der Industrialisierung mit einem kleinen Hof mitten im Dorf nicht weiterkommen würde. So lange bearbeiteten sie ihn, bis er einwilligte und mithilfe seiner Mutter in Zürich und teilweise auch in Paris studierte. 1926 war Josef Koch Tierarzt. 1927 eröffnete er in Villmergen seine eigene Tierarztpraxis. Das ist 90 Jahre her, seine Familie führt die Praxis noch heute. Doch seither hat sich viel verändert. Sehr viel.

Weniger Höfe, mehr Kühe

Josefs Sohn Alfred Koch, ein Einzelkind, war schon als Bub mit seinem Vater unterwegs und erlernte so das Handwerk. Natürlich studierte er auch: «Mir kam kein besserer Beruf in den Sinn, also wurde ich Tierarzt», erinnert sich der 76-Jährige verschmitzt. «Allein schon, dass ich im Alter von 16 Jahren für meinen Vater Auto fahren durfte, war ein grosses Plus an dem Job.» Das Gebiet der Villmerger Tierarztfamilie ging bis Schongau, Zufikon, Künten, Möriken-Wildegg und ins Seetal. «Früher gab es in jedem zweiten Haus Nutztiere», erinnert sich Alfred Koch. «Das hat sich verändert. Nicht die Anzahl Tiere, sondern die Höfe: Heute haben weniger Höfe viel mehr Vieh.» Früher hätten über 70 Bauern in der Villmerger Chäsi ihre Milch abgeliefert, heute kann sie Koch an einer Hand abzählen: «Vier», sagt er. 1969 stieg Alfred Koch in die Tierarztpraxis seines Vaters ein. «Damals war die Praxis in unserem alten Haus, das Wartezimmer war die Garage mit Sitzbank für die Wartenden.»

Kein Grund, dass Hunde beissen

2003 stieg mit Christoph Koch (44) die dritte Generation in den Familienbetrieb ein. Auch er hatte wenig Zweifel an der Berufswahl. «Das ist wie bei Bauern oder Zirkusfamilien, der Job ist so omnipräsent, da gibt es nichts anderes.» In der Zwischenzeit hatte sich die Praxis komplett verändert. 1986 war sie in die Alte Post in Villmergen umgezogen – ein Glücksfall. In den 80er-Jahren kamen Kleintierpraxen auf dem Land auf: Hatten Josef und Alfred Koch in ihren Anfängen ein bis höchstens zwei Kleintiere pro Woche zu behandeln, hielten sich Nutz- und Kleintiere nach der Jahrtausendwende die Waage. «Früher kamen die Leute mit Hunden oder Katzen und fanden, man könne ja mal schauen, sonst würde das Tier eben totgeschlagen», erinnert sich Alfred Koch. Sein Sohn ist froh: «Die Beziehung zwischen Tierhaltern und Tieren hat sich deutlich verbessert. Das merkt man auch daran, dass es heute kaum einen Grund gibt, warum uns ein Hund beissen würde. Früher musste ich im Auto warten, bis mein Vater sicher war, dass der Hofhund angebunden war. Heute springt mein Sohn vor mir aus dem Auto und wird höchstens von einem Hund im Gesicht abgeschleckt.»

Doch auch die Arbeit mit dem Nutzvieh sei nicht weniger geworden, sondern intensiver und pragmatischer. Auf der anderen Seite dürften die Behandlungen der Haustiere einiges mehr kosten als früher. «Dabei sind wir immer zwischen in den Bedürfnissen von Kunden, Tieren und uns als Dienstleistern. Das ist spannend, kann aber auch aufreibend sein», so Christoph Koch.

Heute beschäftigt die Praxis Koch drei Tierärzte für Nutzvieh und drei für Kleintiere. Der pensionierte Alfred Koch hilft nur noch in Notfällen aus. Ausserdem haben sie neu auch eine Tier-Physiotherapeutin angestellt, ein grosses Plus, findet Christoph Koch. Ob das Unternehmen Koch Tierärzte auch in der vierten Generation bestehen wird, ist noch offen. «Derzeit will mein 6-jähriger Sohn Oliver noch Rockstar werden. David, der 21/2-Jährige, freut sich über Kühe und hat Mitleid, wenn sie ‹kaputt› sind, wie er es nennt», lacht Christoph Koch.

Aktuelle Nachrichten