Wenn eine Gemeinde eine Umfahrungsstrasse bauen will, braucht sie Geduld. Die Stadt Bremgarten musste fünfzig Jahre auf ihre Umfahrung warten – bis zur Einweihung am 18. Oktober 1994. Seit 20 Jahren ist die Altstadt nun praktisch verkehrsfrei.

Der Weg zur Umfahrung verlief kurvenreich. Viele Projekte wurden entworfen, verworfen, neu aufgelegt und schliesslich schubladisiert. Vage sprach man schon in den 1930er-Jahren davon, dass die Stadt umfahren werden sollte. Mehr aber als Gedankenspiele waren das nicht. Die erste konkrete Studie tauchte 1946 auf. Der Verfasser sah vor, parallel zur Eisenbahnbrücke einen neuen Reussübergang zu bauen. Durch einen Tunnel wäre man vom Obertorplatz zum Bahnhof gelangt. Das Projekt entsprach kühnster Ingenieurkunst. Doch die Anschlüsse von der Zugerstrasse und von der Altstadt in die Umfahrung waren nicht machbar. Trotzdem geisterte die Idee bis 1980 in einigen Köpfen umher. Man nannte das Projekt «Kerntangente Tief».

Euphorische Verkehrsplaner

In den Fünfzigerjahren ruhten die Pläne für die Umfahrung. Die Stadt beschäftigte sich mit der Renovierung der Holzbrücke und dem Bau des neuen Bahnhofes. Ein Projekt tauchte erst 1962 wieder auf. Es war noch kühner als das von 1946. Ein Zürcher Ingenieur schlug eine vierspurige Strasse über die Reuss, kombiniert mit der Eisenbahnbrücke, vor. Die Brücke wäre 28 Meter breit geworden. Eine richtige Planungseuphorie brach aus.

1964 setzte der Kanton die Pläne für eine Nordumfahrung von Bremgarten über die Fohlenweide und eine Südumfahrung südlich von Zufikon in Umlauf. Und um das Mass vollzumachen, sprach man im Baudepartement in Aarau auch von einer vierspurigen Strasse am linken Ufer der Reuss. Ein Wohler Ingenieurbüro wartete 1969 mit dem Projekt für eine vierspurige Stadtumfahrung von der Oberen Ebene zum Obertorplatz auf. Die Strasse hätte am Bahnhof West vorbei über eine Brücke direkt ins Zentrum von Bremgarten führen sollen.

Alle diese Pläne verschwanden wieder in der Schublade. Die ersten Umweltschützer mahnten zum Umdenken im Strassenbau. Statt gigantischer Projekte forderte man praktische Lösungen, die «auf Umwelt, Kosten, Natur, Lärm, Tier und Menschen Rücksicht nahmen», schrieb alt Stadtrat Hansruedi Lüscher 1994 in den Neujahrsblättern. Lange setzten sich Stadtrat und Planungskommission für eine Kerntangente ein, zumal der Kanton gleichzeitig eine Nordumfahrung plante. Die Behörden glaubten offenbar, beide Strassen würden gebaut, und damit wäre das Verkehrsproblem auf einen Schlag gelöst. Lüscher schreibt, dass der Kanton die Kerntangente nur unterstützt habe, weil er bloss mit 49 Prozent der Baukosten belastet worden wäre. «Hinter vorgehaltener Hand» habe man aber erfahren, dass die Nordumfahrung wohl nie gebaut werde. Also wieder eine Planungsleiche.

Abschied von Kerntangenten

Am 8. Juni 1978 lud der Stadtrat die Bevölkerung zu einer Orientierungsversammlung über die Kerntangente ein. «Die Opposition war erdrückend», schreibt Lüscher. Das führte dazu, dass der Stadtrat das heisse Thema kurzfristig vor der Gemeindeversammlung am 15. Juni 1978 von der Traktandenliste absetzte. Eine Denkpause war angesagt. Der Kanton suchte das Gespräch mit den vielen Projektverfassern und brachte die vorhandenen Lösungsvorschläge planerisch auf einen vergleichbaren Stand. Sieben Varianten waren im Spiel: Neben fünf Kerntangenten auch die grosse Umfahrung, wie sie Lüscher vorschlug, dazu die vom Kanton favorisierte Nordumfahrung.

Für Lüscher war jede Art von Kerntangenten unbrauchbar. Die Verkehrsentlastung wäre gering gewesen, schreibt er in seinem Artikel in den Neujahrsblättern. Zudem hätte sich die Strasse zwischen dem Restaurant Linde und dem «Klösterli» durchzwängen müssen. Die Autos wären auf der Höhe des ersten Obergeschosses an den Altbauten des St. Josefsheims vorbeigefahren. Für die Eisenbahnbrücke wäre die Kerntangente tödlich gewesen. Sie hätte abgebrochen werden müssen. Und man hätte den Katzenturm beim Restaurant Bijou um sechs Meter kappen müssen. Lüscher: «Das «Bijou» wäre nicht mehr bewohnbar gewesen.»

Grosser Aufmarsch an Gmeind

Am 6. März 1980 machte die Gemeindeversammlung dem Spiel der vielen Umfahrungsvarianten ein Ende. Es wurde geheim abgestimmt. Das Resultat: 433 Nein gegen 211 zur Kerntangente, 430 Ja zu 202 Nein zur Umfahrung. 1981 war ein Wahljahr. Stadtammann Adolf Stierli und die Stadträte Paul Engetschwiler und Alfred Glarner traten nicht mehr an. Nicht weniger als zehn Kandidaten stellten sich zur Wahl. Gewählt wurden Stadtammann Albert Seiler und die Stadträte Alfred Koch, Marcel Haller, Hanny Evangelatos und Hansruedi Lüscher. Am 18. November 1982 stimmte die Gemeindeversammlung dem Umfahrungsprojekt mit der Spange Obere Ebene und dem Konzept für die verkehrsarme Altstadt und dem Beitrag der Stadt von 10,5 Millionen Franken zu. Das Gesamtpaket sollte nach dem Stand von 1982 43,2 Millionen Franken kosten. Das Casino war randvoll: 870 Stimmberechtigte nahmen an der richtungsweisenden Versammlung teil.
Der erste Spatenstich für die Umfahrung fand am 9. Juni 1989, um 17 Uhr beim Forstmagazin statt. Das Festmenü: Spiessbraten, dazu Burebrot und zum Dessert den neu kreierten «Umfahrungsgipfel»