Pensionskassen-Affäre

Wie Ammann Dubler ohne Unterstützung so lange an der Spitze bleiben konnte

Dubler regiert Wohlen: Das Freiämter Regionalzentrum zählt knapp 16000 Einwohner und gehört zu den wachstumsstärksten Gemeinden im Kanton.

Dubler regiert Wohlen: Das Freiämter Regionalzentrum zählt knapp 16000 Einwohner und gehört zu den wachstumsstärksten Gemeinden im Kanton.

Keine einzige politische Partei, kein einziger Gemeinderat stand hinter ihm, trotzdem wurde Walter Dubler als Gemeindeammann wiedergewählt. Den meisten Wohlern ist es ziemlich wohl in Wohlen.

Irma Koch, genannt «Chäber», ist amtierende Aargauerin des Jahres und wirtet auch mit 85 Jahren noch immer im «Chäber». Die Beiz ist ein fester Pfeiler im Wohler Mikrokosmos.

Wirtin Irma ist ein bekennender Walter-Dubler-Fan. Dubler ist regelmässiger Gast im «Chäber». Hier feierte er auch seinen Wahlsieg im Jahre 2009, als er erstmals um seine Wahl als Gemeindeammann bangen musste.

1997, 2001, 2005 und 2013 war er nie ernsthaft in Gefahr, nicht Gemeindeammann zu werden. Nur 2009 wurde es knapp. Er musste in den zweiten Wahlgang und schlug Herausforderer Paul Huwiler von der CVP nur gerade um 97 Stimmen.

«Jetzt muss die Amtsenthebung folgen»: Darum fordert der SVP-Einwohnerrat Jean-Pierre Gallati den Rücktritt von Wohlens Ammann.

«Jetzt muss die Amtsenthebung folgen»: Darum fordert der SVP-Einwohnerrat Jean-Pierre Gallati den Rücktritt von Wohlens Ammann.

Interview vom 23. Juni 2015.

Entsprechend fröhlich ging es danach im «Chäber» zu. René Meier, der den FC Wohlen gross gemacht hat und als Gemeinderat zusammen mit Dubler treibende Kraft bei der Realisierung der Sportanlagen Niedermatten war, nahm damals im Triumph kein Blatt vor den Mund: «Der Wohler Filz hat Dubler trotz allem wiedergewählt», sagte Meier.

Er hatte recht. Denn keine einzige politische Partei oder Gruppierung hatte Dubler zur Wahl vorgeschlagen, kein einziger Gemeinderat stand hinter ihm. Trotzdem wurde Dubler als Ammann wiedergewählt. Das war der Moment, als man in Wohlen definitiv erkennen musste, dass Gemeindeammann Walter Dubler Politik und Politiker nicht brauchte, um sein Dorf zu regieren.

Wohlen ist besser als sein Ruf

Wohlen ist besser als sein Ruf. Attribute wie hohe Steuern, hoher Ausländeranteil, tiefer Stand der politischen Kultur, immer im letzten Dutzend beim Städte-Ranking prägen die Volksmeinung.

Da nützt auch der Höhenflug des FC Wohlen wenig. Zumal Ciriaco Sforza in der Restschweiz auch nicht besonders beliebt ist. Die Meinungen sind gemacht. Den Wohlern ist das egal.

Obschon sie mit 16 000 Einwohnern die viertgrösste Gemeinde im Kanton sind, haben sie – gegen den Willen der Politiker – mit grossem Mehr an der Urne entschieden, dass sie keine Stadt werden möchten, sie wollen lieber ein Dorf bleiben.

«Das ist Diebstahl!»: Das sagt die Wohler Bevölkerung zu dem finanziellen Fauxpas ihres Ammanns. (22.6.2015)

«Das ist Diebstahl!»: Das sagt die Wohlener Bevölkerung zu dem finanziellen Fauxpas ihres Ammanns.

Es ist schon so: Den meisten Wohlern ist es ziemlich wohl in Wohlen. Und man ist schnell woanders. Und wieder zurück: weniger als eine Stunde nach Aarau, Baden, Zürich, Luzern. Zwei Stunden ins Bündnerland und nur ein bisschen mehr bis ins Tessin.

Politisch läuft es ziemlich holprig im Freiämter Regionalzentrum. Die grossen Aufgaben wie Schulhausbau, Schwimmbad- und Eisbahnsanierung kommen seit Jahren nicht recht voran; Sachpolitik wird ständig durch allerlei Scharmützel auf persönlicher Ebene behindert und bleibt auf der Strecke. An vorderster Front steht da Jean-Pierre Gallati mit seiner SVP; aber auch Gemeindeammann Walter Dubler bleibt kaum je jemandem etwas schuldig.

Aber man braucht sich keine Sorgen um Wohlen zu machen. Wenn es wirklich ernst wird, werden sich die Politiker schon zusammenraufen. Das hat bisher noch immer geklappt.

Ganz abgesehen davon: Die wichtigsten Entscheidungen werden ohnehin anderswo pfannenfertig abgesprochen: zum Beispiel im «Chäber», bei den Donatoren des FC Wohlen, in der Kammergesellschaft, bei den Ortsbürgern, bei den Freunden des Strohmuseums; und meistens mittendrin: Walter Dubler.

Kein anderer Wohler kennt so viele Wohler wie Dubler

Kein anderer Wohler kennt so viele Wohler wie er, kein anderer ist so gut vernetzt, kein anderer ist besser informiert. Im Volk holt er sich Inspiration und Anerkennung, im Volk sitzen auch seine Einflüsterer, manchmal ist es der ehemalige Metzger, manchmal der ehemalige FC-Präsident, manchmal sind es gewöhnliche Leute aus dem Volk, und Dubler ist ihr Tribun.

Umgekehrt ist Dublers Gabe, auf Leute einzuwirken, legendär. Praktisch im Alleingang gelang es ihm seinerzeit, die Ortsbürger davon zu überzeugen, dass sie den baufälligen «Sternen» kaufen und restaurieren sollten. Auch sein Talent als Geldauftreiber ist einzigartig: Für das neue Strohmuseum im Park fand er mehrere Millionen Franken. Auch das ist Walter Dubler.

Damit wird klar, wie Wohlen in den letzten Jahren funktionierte: An der Spitze der Gemeinde wirkte Walter Dubler, politisch umstritten und angreifbar, aber im Volk verankert.

Damit liess sich leben: Der Einwohnerrat wusste immer, woran er war, Dubler stand permanent in der Kritik der Politiker, war Zielscheibe der SVP, holte sich aber seine Anerkennung beim Volk. Und das Volk schaute zu und korrigierte allenfalls an der Urne die politischen Entscheide. Das war das Wohler System. Grosse Würfe waren nicht möglich, man fuhr nicht gut und nicht schlecht, einfach mittelmässig und nach allen Seiten. Man kannte seinen Gegner, was ja auch hilfreich ist, und wusste immer, wer schuld ist.

Doch dann gerät das System unmerklich aus den Fugen. Die Kritik wächst. Auch sehr treue Vasallen wenden sich ab. Ganz besonders fällt das beim «Wohler Anzeiger» auf. War die Lokalzeitung bisher stets auffällig nahe bei Dubler und auch äusserst wohlwollend – die Gemeinde ist ein guter Kunde der Druckerei – hat sich die Redaktion nun emanzipiert, ist auf kritische Distanz zum Ammann gegangen und fordert nun in der aktuellen Ausgabe gar energisch dessen Rücktritt.

Und jetzt – als vorläufiger Tiefpunkt – die Geschichte mit den Pensionskassengeldern. Dass der Einwohnerrat dem Gemeindeammann den Lohn massiv gekürzt hat, muss Dubler mehr gekränkt haben, als er sich anmerken liess. Nur so lässt sich seine schamlose Handlung erklären. Ein kleiner Trost: Dürfte die Stammtischrunde im «Chäber» entscheiden, Dubler würde wohl noch lange Wohler Ammann bleiben.

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