Niederwil/Utrecht
Wie Abenteuerlust geboren wird

Student Julian Merkle (20) aus Niederwil wandelte sich während der vergangenendrei Jahre vom Doppel- zum Weltbürger.

Patrick Züst
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Mit seinem alten Zimmer in Niederwil kann sich Julian Merkle nicht mehr wirklich identifizieren. Unterdessen meldet er sich per Skype aus den Niederlanden.

Mit seinem alten Zimmer in Niederwil kann sich Julian Merkle nicht mehr wirklich identifizieren. Unterdessen meldet er sich per Skype aus den Niederlanden.

Dass Julian je Salsa-Stunden nehmen würde, das hätte seine Mutter Trille nie gedacht. Auch nicht, dass er das Gymnasium in Dänemark abschliessen würde, auf der Chinesischen Mauer Ukulele spielen oder diesen Sommer ein Studium in den Niederlanden beginnen könnte.

Seit der Niederwiler vor mehr als drei Jahren zu einem Austauschjahr in Dänemark aufgebrochen ist, hat sich in seinem Leben vieles verändert. Zum Guten, findet er. Über längere Zeit ins Freiamt ist er seither nicht mehr gezogen, das wird er auch nicht. Dessen sind sich sowohl Julian als auch seine Mutter unterdessen bewusst.

Salsa statt Jura

Sein ehemaliges Zimmer in Niederwil dient Julian seit seinem Aufbruch nach Dänemark nur noch als Ferienresidenz. Dennoch widerspiegelt es sehr genau das Leben des jungen Gymnasiasten, welcher nach einem Kurzaufenthalt in Dänemark eigentlich die Kanti Wohlen abschliessen und danach ein Jurastudium an der Uni Zürich beginnen wollte. Auf einem Whiteboard ist noch immer sein Kanti-Stundenplan notiert, die Schulbücher sind fein säuberlich geordnet. Alte Schulzeichnungen lassen künstlerisches Interesse erkennen, Talent wohl eher weniger. Mit all dem kann sich Julian nicht mehr wirklich identifizieren. Er sitzt in einem Studentenzimmer der Universität Utrecht, erholt sich von seiner zweiten Salsa-Stunde und betrachtet sein ehemaliges Zuhause per Webcam: «Vor drei Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich dieses Leben hinter mir lassen würde», sagt Julian. «Heute bin ich unglaublich froh, dass ich es getan habe.»

Dänemark als Türe zur Welt

Eigentlich war es ja vor allem ein Zweckentscheid. Während sich seine Kanti-Kollegen vor drei Jahren für ein Austauschjahr in den USA, in Kanada oder in Australien entschieden hatten, fuhr Julian ins unspektakuläre Dänemark. Damit wollte er sich unter anderem seine Doppelbürgerschaft sichern. Durch die Herkunft seiner Mutter erhielt Julian bei seiner Geburt neben der Schweizer Staatsbürgerschaft nämlich automatisch auch noch den dänischen Pass. Und um diesen in das Erwachsenenleben mitnehmen zu können, musste er bis zu seinem 21. Geburtstag für mehrere Monate in Dänemark gelebt haben.

Rund ein halbes Jahre dauerte es schliesslich nach seiner Abreise, bis seine Klassenkameraden die überraschende Nachricht erhielten: «Leute, ich muss euch was erzählen», schrieb er damals. «Das letzte halbe Jahr war das beste in meinem Leben – ich komme nicht mehr zurück.»

Neben einer neuen Identitätskarte hatte Julian in Dänemark nämlich auch eine neue Identität gefunden. Aus dem zurückhaltenden Austauschschüler wurde ein extrovertierter Partygänger.

Die Schweiz in weiter Ferne

Dass er im vergangenen Sommer sein Studium in internationalem Recht nicht etwa in Zürich begann, wie er es zwei Jahre zuvor seinen Klassenkameraden noch angekündigt hatte, ist nur eine logische Folge dieser Entwicklung. In Utrecht geniesst er Eigenständigkeit in Verbindung mit internationalem Flair. Er lebt auf dem Campus einer der besten Universitäten Europas, ist in einer Studentenverbindung, engagiert sich für soziale Projekte.

Hier will er für die nächsten drei Jahre studieren, dann weiterreisen, die Welt entdecken. Und vielleicht irgendwann mal wieder in die Schweiz kommen, vorausgesetzt er hat ein gutes Jobangebot.

Während Julian die Welt entdeckt, lebt seine Mutter jetzt seit über drei Jahren alleine in Niederwil. «Das stört mich aber überhaupt nicht», erzählt sie mit einem Lachen auf den Lippen. «Ich bewundere Julian für seine Abenteuerlust und seit wir nicht mehr unter einem Dach wohnen, ist unsere Beziehung so gut, wie sie sonst wohl nie hätte werden können.» Über dem Küchentisch in Niederwil hängt noch immer ein Foto von Julian, kurz bevor er in sein Austauschjahr aufgebrochen ist. Wenn seine Mutter vom Stolz erzählt, den sie für ihren Sohn empfindet, von den regelmässigen Skype-Gesprächen, vom Wiedersehen an Weihnachten, dann schaut sie das Foto immer wieder an. Der Julian, welcher darauf schüchtern in die Kamera lacht, existiert nicht mehr. Seither wurde die Welt für ihn zum Dorf und dieses Dorf will er entdecken. Wenn Julian jetzt per Skype von seinen Abenteuern in den Niederlanden erzählt, lacht er zwar immer noch in die Kamera. Die Schüchternheit ist dabei aber verflogen.