Die Gemeinde Bremgarten hatte mit einer hohen Beteiligung an der Gemeindeversammlung gerechnet. Trotzdem stehen über 100 Leute zwischen den Sitzreihen im Casino: 650 der knapp 2700 Stimmberechtigten wollen am 27. März 1980 mitreden, denn der Gemeinderat möchte neben der Eisenbahnbrücke eine Autobrücke bauen und den Verkehr künftig um die Altstadt herumführen. Im Verlauf des Abends wird es heiss und der Sauerstoffanteil sinkt. Die Köpfe werden aber nicht nur wegen des Temperaturanstiegs rot.

«Aus heutiger Sicht war das eine absolute Wahnsinnssache, die zum Glück nie realisiert wurde», sagt Stadtschreiber Rolf Küng. Für ihn war es die erste Gemeindeversammlung, knapp zwei Wochen zuvor hatte er seinen Dienst aufgenommen. «Die Vorbereitungen hatte ich nicht miterlebt. Ich war damals 28 Jahre alt und kam etwas blauäugig an diese Gemeindeversammlung. Eine Beteiligung von über 30 Prozent – das ist einmalig in der Geschichte von Bremgarten.» Dieses Erlebnis sei für ihn «einmaliger Anschauungsunterricht» gewesen.

Momentan ist Küng dabei, die Geschäfte an seinen Nachfolger zu übergeben. Die diesjährige Sommergmeind war seine letzte.

Umfahrung für alle Bremgarter

Seit den 1960er-Jahren wurde in Bremgarten über verschiedene Vorschläge diskutiert, wie man die Altstadt «verkehrsarm» gestalten könnte. Schliesslich lagen sieben Varianten auf dem Tisch, die die Altstadt vom Lärm befreit hätten – der Stadtrat präferierte die Lösung «Kerntangente». Küng erinnert sich: «Es war ziemlich schnell erkennbar, dass der Antrag des Stadtrats keine Chance hat. Die Emotionen gingen hoch.» Dem Protokoll ist zu entnehmen, dass es der Bremgarter Fritz Holer auf den Punkt brachte: Er war der Ansicht, dass bei einer Umfahrung von Bremgarten an alle Bewohner gedacht werden müsse, «auch an die Leute an der Wohler- und Zürcherstrasse». Diese wären zusätzlich belastet worden, hätte sich der Stadtrat durchgesetzt. Schliesslich wurde der Lösung Kerntangente die Variante Umfahrung entgegengestellt. Der Antrag des Stadtrats ging mit 211 Ja- zu 433-Nein-Stimmen buchstäblich bachab. Die Umfahrung hielten 430 Bremgarterinnen und Bremgarter für eine gute Idee, 202 stimmten dagegen.

Farbe bekennen

Damit war der Entscheid aber noch nicht gefallen. Zweienhalb Jahre später, im November 1982, war nach verschiedenen Abklärungen und Vorstudien die Umfahrung projektmässig auf dem gleichen Stand wie die Kerntangente. Es strömten 870 Stimmberechtigte ins Casino. «Wir rechneten zwar mit einer grossen Beteiligung, es gab aber schlicht keinen grösseren Saal», erinnert sich Küng. Die Stimmung sei aber gelassener gewesen, «man wusste schon, in welche Richtung es geht». Zwar gab es immer noch Leute, die eine Kerntangente wollten. Wohl weil sie hofften, dass bei einer geheimen Abstimmung mehr Leute diesem Vorschlag zustimmen würden, wurde ein entsprechender Antrag gestellt. Der damalige Stadtammann sagte dazu: «Zum Antrag auf geheime Abstimmung graut es mir, wenn ich durch den Saal blicke. Ich glaube, wir sollten heute in der Lage sein, darüber offen abstimmen zu können.» Stadtschreiber Küng vermerkte im Protokoll: Beifall im Saal. Der Antrag auf geheime Abstimmung erhielt von den 870 Anwesenden nur gerade 20 Stimmen. «Die Leute wollten Farbe bekennen», sagt Küng.

Dem Projekt «Umfahrung», mit einem Kostenanteil für Bremgarten von knapp 7,6 Mio. Franken, und das Projekt «Oberebene», mit einem Kostenanteil von knapp 3 Mio. Franken, stimmten die Anwesenden mit so grossem Mehr zu, dass nicht einmal ausgezählt werden musste. Die Kosten für die Umfahrung sind aber falsch eingeschätzt worden: Ursprünglich ging man insgesamt von etwa 30 Mio. Franken aus, schliesslich kamen die Arbeiten doppelt so teuer.

«Gescheitester Entscheid»

Die Geschichte der Umfahrung sei für ihn ein gutes Beispiel, wie Demokratie funktionieren könne, sagt Küng: «Es zeigt, dass sich die Leute beteiligen, wenn sie betroffen sind. Und sie verstehen auch komplexe Vorlagen – vielleicht haben sie nicht jedes bauliche Detail verstanden, aber die Bevölkerung hatte den Riecher für die richtige Lösung. Die Umfahrung war vermutlich der gescheiteste Entscheid.» Momentan wird auf der Umfahrung an einem Doppelkreisel gebaut. Hat man daran in den 80er-Jahren auch schon gedacht? «Das weiss ich nicht genau, ich habe schon gehört, dass die Beteiligten damals von Kreiseln nichts wissen wollten.» Zudem wäre das Projekt noch teurer geworden. Trotzdem habe sich Bremgarten in eine gute Richtung entwickelt, findet Küng: «Der Verkehr hat sich in dieser Zeit praktisch verdoppelt. Irgendwann hätte dieses Projekt kommen müssen. Man stelle sich vor, all die Lastwagen würden heute noch die Altstadt hinab und über die Holzbrücke fahren.»

Der Spatenstich für die Umfahrung fand am 9. Juni 1989 statt. Das Festmenü: Spiessbraten, dazu Burebrot und zum Dessert einen «Umfahrungsgipfel». Mit der Einweihung am 18. Oktober 1994 wurde die Altstadt autofrei. «Früher gab es über 100 Parkplätze in der Altstadt, vor meinem Büro war ein Riesenlärm», erinnert sich Küng. Wenn er heute das Fenster öffnet, dann hört er nur noch das Plätschern des Springbrunnens.

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