Drei fromme Männer von dem Volke der Angelsachsen waren von einer Wallfahrt aus Einsiedeln her nach Muri ins Freienamt gekommen. Als sie hier am Grabe des hl. Leontius ihr Gebet verrichtet hatten, wollten sie sich im Dorfe Lebensmittel kaufen und damit selbigen Abend noch nach Sarmensdorf weiter wandern.

So wie sie sich aber dem Wirtshause zum Ochsen näherten, war in der Gaststube Musik, und ein fröhliches Brautpaar lud die Fremdlinge ein, am Hochzeitstische sich zu sättigen und auszuruhen; nach der Hand, hiess es, wolle man sie selbst zum Hofe Bühlisacker, dem Heimathsorte des Brautpaares, begleiten und von dort aus sei es nicht mehr weit bis nach Sarmensdorf.

So geschah’s. Es war schon spät geworden, da Pilger und Hochzeitsleute zusammen Bühlisacker erreichten; um so weniger wollten nun die Angelsachsen das abermalige Anbieten annehmen, heute hier auch zu übernachten. Sie sagten dem gastfreundlichen Paare ein dankbares Lebewohl, schenkten der jungen Frau einen goldenen Pfennig zum Andenken und setzten unverweilt ihren Marsch fort.

Weshalb im Weidebrünnlein rötliches Wasser fliesst

Dies hatten aber drei junge verwegene Gesellen mit angesehen, die schon in Muri beim heutigen Tanze sich aufgeregt hatten, und raublustig schlichen sie sich nun den Pilgern nach. Die Strasse führt von hier weg bis Sarmensdorf lange bergan und hat zu beiden Seiten Tannenwald. Um so eher waren hier die Landesfremden einzuholen und ungesehen zu überfallen.

Die Bösewichte drangen auf sie ein, hieben ihnen die Häupter ab und schleuderten diese weit weg; als sie aber an den Leichen nichts von der verhofften Beute fanden, entrannen sie. Doch die Ermordeten erhoben sich wieder, wandelten ihren abgeschlagenen Häuptern zu, nahmen sie aus dem Staube auf und wuschen sie an einem Weidebrünnlein sauber, das an dem Berge bei Bühlisacker ist. Es fliesst seitdem mit rötlichem Wasser; sonst war es eine blosse Viehtränke, nun wallfahrtet man hierher und wäscht alle offenen Wunden, damit sie um so eher zuheilen.

Auch der Boden auf dem Mordplatze, obschon er mannstief abgegraben worden ist und weggetragen, lässt sich noch immer in blutrother Färbung auswühlen. Dann giengen die Angelsachsen die Anhöhe hinunter und als es eben zu regnen begann, setzten sie sich zusammen in den Schutz eines grossen Steines, der bald als Schirmdach über sie hergewachsen sein soll.

Ein Bettelmann aus Sarmensdorf fand sie hier todt, den Kopf in die Hand geschmiegt. Ihre Leichen begrub man in der nahen Wendelinskapelle und erweiterte dieselbe dann; aus ihrer linken Mauerseite ragt ein Fels weit in den Bau herein; das ist der Stein, unter welchem die Märthyrer verschieden sind.

Bittsang am Feiertag der Heiligen

Ein alter Bittsang, der am Feiertage der Heiligen jetzt noch gesungen wird, sagt darüber:

Gleichwie ein Dach / Hat Schatten gmacht / Der Stein und hat Schirm geben.

Neben dem Altar steht ein alter Steinsarg, in den man ihre Körper zusammengelegt hatte; derselbe trägt eine Inschrift, welche man auf jenen siegreichen Hallwil deutet, der den Burgunder-Herzog Karl in der Schlacht bei Murten überwunden hat; die lautet:

In diesem Stein ist ihre Ruh, / Man wollt’s gar wohl bewahren. / Alt-Halwil gab den Stein dazu / Vor mehr denn hundert Jahren. 1471.

Als man später ihre Gebeine hier erhob und in den Hauptaltar der Sarmensdorfer Pfarrkirche versetzte, verlor dieser Steinsarg gleichwohl nichts von der ihm gewidmeten Verehrung und von dem Glauben an seine vielfache Heilkraft.

Man besteckt ihn noch immer mit brennenden Wachskerzen, man lässt den Deckel abheben und steigt in den Sarg, um drinnen zu beten und, wie man glaubt, alter Kopfleiden los zu werden. Auch als Wetterheilige gelten die dreie, und die Bauernregel sagt von ihrem Jahresfeste, dem 8. Januar: «Wenn d’Ängelsächser an ihrem Nammestag ihres Grab nid sunne chönnid, se chan me au i der Ärn d’Garbe nid sunne.»

Pilger liegen in Sarmensdorf begraben

Auch ihr Gastfreund soll ihnen ein Kirchlein haben errichten lassen in der Nähe seines Wohnhauses zu Bühlisacker, wo sie sich von ihm trennten. Es ist dasjenige, welches an der Strasse gegen Muri steht, schon dem Einsturze nah. Ein Gemälde zeigt drei Männer, die eben angefallen und niedergemacht werden, und trägt folgende verblichene Inschrift:

Drey Bilger sind alhier zu todt erschlagen, / Zu Sarmistorff ligen sie begraben,/ Auss Saxen sind sie harkomen, / Darum thued man sie Engel-Saxen nännen.

Ueber ihre drei Mörder hat sich im Stillen ein eigner Glaube fortgeerbt; man hält sie für Leute aus Boswil vom Geschlechte der Notter, das in diesem Orte ein zahlreiches und geachtetes ist. Jeder Erstling, der in den Ehen dieser Verwandtschaft geboren wird, soll, behauptet man, mit einem rothen Striemen um den Hals auf die Welt kommen.