In Rudolfstetten aufgewachsen und in Wohlen als Handarbeitslehrerin im Junkholz tätig, hätte sich Franziska Kohler nie träumen lassen, dass sie einmal eine Lodge mitten im schwedischen Nirgendwo führen würde. Doch heute lebt sie in einem Märchenland voller Nordlichter, Rentiere und Trolle. «Alles begann, als ich ein paarmal meinen Cousin in Alaska besuchte», erinnert sie sich. «Ich machte eine Rundreise mit dem Auto und traf auf einem Campingplatz ein paar Marines, die mir von Schweizern erzählten, die in der Nähe wohnten.

Ich war nicht sonderlich interessiert, aber als ich am Schild der Schweizer Hundeschlitten-Guides vorbeikam, dachte ich, es kostet ja nichts, mal vorbeizuschauen.» Damals wusste die Freiämterin noch nicht, dass dieses Erlebnis ihr Leben auf den Kopf stellen würde. Denn: «An diesem abgeschiedenen Ort bin ich auf den Hund gekommen und wusste, dass ich im Winter zurückkehren würde.»

Im VW Beetle nach Lappland

Tatsächlich fuhr sie von da an öfter zu den Schweizern ins Yukon-Gebiet in den äussersten Norden Kanadas, zuletzt sogar mit ihrer eigenen sibirischen Husky-Dame Ayka. «2006 bekam ich meine erste Hündin, 2009 kam dann Cayenne hinzu. Mit ihnen wollte ich nicht mehr die lange Reise in die USA antreten, also hörte ich mich um, wo man in Europa Hundeschlitten fahren könnte.» So kam sie auf Nordschweden, wo sie Lotti Meier kennen lernte und mit ihr auf ihre ersten Touren durch Lappland ging. «Von da an mietete ich mir jeden Winter ein Häuschen dort oben und verbrachte sechs bis sieben Wochen in der Abgeschiedenheit des schwedischen Winters.»

Die rund 3000 Kilometer dazwischen legte sie mit ihrem VW Beetle zurück, in den sie statt Rücksitzen zwei Hundeboxen eingebaut und den Schlitten aufs Dach montiert hatte. «Meine Freunde sagten, ich spinne, aber für mich waren das die perfekten Ferien.» Als diese Freunde sie dann doch besuchen kommen wollten, suchte sie eine Unterkunft und stiess auf die Lappeasuando-Lodge nur 10 Kilometer von ihr entfernt. «Ich fuhr hin und lernte die vorherige Besitzerin Barbara kennen, ebenfalls eine Schweizerin.» Die Lodge gefiel ihr gut. Doch dass sie selbst einmal die Chefin ablösen würde, hätte die Handarbeitslehrerin damals nicht erwartet.

Beste Chance kam zweimal

Barbara wollte wieder vermehrt Touren leiten, statt die Lodge zu führen, darum wollte sie verkaufen. Franziska Kohler überlegte sich einen Berufswechsel, aber «die ersten Verhandlungen zeigten zu viele Haken, ich entschied mich dagegen». Doch die Lappeasuando-Lodge wollte sie nicht loslassen: «Ich weiss noch genau, es war ein Mittwochnachmittag im November 2013. Ich kam von der Schule heim und entdeckte ein Mail von Barbara, in dem sie mich fragte, ob ich immer noch Interesse an der Lodge hätte.» Kohler war überrumpelt, «doch ich wusste, jetzt oder nie, die Chance kommt kein drittes Mal». Sie sah die Risiken, doch schon über Weihnachten fuhr sie für die Verhandlungen nach Nordschweden, am ersten Februar 2014 unterschrieb sie den Vertrag und eine Woche nach dem Ende des Schuljahres, Mitte Juli 2014, wanderte Franziska Kohler nach Nordschweden aus.

«Einfach nur wow»

«Der Beginn war happig», erinnert sie sich. «Wir hatten den Sommer des Jahrhunderts, 20 bis 30 Grad, und das 100 Kilometer über dem Polarkreis, doch dadurch auch extreme Gewitter mit Stromausfällen.» Die Lodge liegt sechs Kilometer von der nächsten Ortschaft Poultikasvaara entfernt und wird von einer eigenen Quelle gespeist. «Als der Strom ausfiel, mussten wir über dem Feuer kochen, und ohne Pumpe mussten wir Wasser aus dem nahen Fluss abkochen.» Bald darauf kollabierte das Abwassersystem, «da wurde ich innert kürzester Zeit zum Abwasserspezialisten», lacht Kohler. Dazu kamen weitere grössere Ausfälle und sehr viel Arbeit. Auch musste sie sich erst das Vertrauen der Reiseagenturen erarbeiten. In ihrer Lodge ist Kohler Mädchen für alles: Sie führt das Restaurant, baut um und aus, führt Schneeschuhtouren, macht das Büro, holt das Elchfleisch ab, verarbeitet es einfrierfertig und tut alles, was nötig ist, damit die Lodge läuft.

«Es gibt sehr viel zu tun», sagt sie. «Vor einer Woche, als die Saison zu Ende war, hatte ich meinen ersten freien Tag seit Weihnachten.» Doch trotz aller Arbeit könnte sich die Rudolfstetterin nichts Schöneres vorstellen: «Wenn ich danach mit meinen Hunden auf Tour gehen oder mit den Schneeschuhen spazieren kann, entlöhnt mich die Landschaft für alle Strapazen. Wer hier keine Trolle sieht, hat keine Fantasie», sagt sie schmunzelnd. «Und die Nordlichter sind unglaublich. Auch wenn ich schon Hunderte gesehen habe, faszinieren sie mich jedes Mal aufs Neue, sodass ich stehen bleiben und sie bewundern muss. Einfach nur wow.»

Im April/Mai wird sie einige Wochen in die Schweiz kommen, um Familie und Freunde zu besuchen, denn in Nordschweden sei es als Fremde nicht leicht, Freunde zu finden – zumindest nicht nach so kurzer Zeit. Ihre engsten Freunde habe sie immer noch in der Schweiz. Doch für den Moment hängt ihr Herz an ihrer Lodge und ihrem Leben in Lappland. «Es ist gut möglich, dass ich wieder zurück in die Schweiz ziehe, aber für den Moment könnte ich mir wirklich nichts Besseres vorstellen, als mein Leben im hohen
Norden.»

Infos zur Lodge von Franziska Kohler gibts unter www.lappeasuando.com