Freiamt
Wenn säumigen Kunden das Stromabschalten droht, öffnet sich ihr Geldsäckel

Wenn Versorgungsbetriebe damit drohen, den Stecker zu ziehen, ist in den meisten Fällen rasch Geld da. Bis es so weit kommt, dauert es aber meist Monate. Es gibt sogar Geräte, die für Strom sogar mit Fünflibern gefüttert werden müssen.

Toni Widmer und Eddy Schambron
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Markus Wey, Elektroberater aus Hermetschwil, und Präsident beziehungsweise Geschäftsführer der Elektras Hermetschwil und Widen, mit zwei unterschiedlichen Geräten: Links Stromautomat mit Prepaid-Schüssel, rechts mit Münz. Eddy Schambron

Markus Wey, Elektroberater aus Hermetschwil, und Präsident beziehungsweise Geschäftsführer der Elektras Hermetschwil und Widen, mit zwei unterschiedlichen Geräten: Links Stromautomat mit Prepaid-Schüssel, rechts mit Münz. Eddy Schambron

Eddy Schambron

Die Zahlungsmoral sinkt, die Zahl der Betreibungen steigt (az Aargauer Zeitung von gestern). Diesen Trend spüren auch die Stromversorger im Freiamt. Im Gegensatz zu vielen anderen haben sie jedoch einen Trumpf im Ärmel. Daniel Huwiler, Leiter Finanzen und Administration der Villmerger Gemeindewerke, berichtet: «Im vergangenen Jahr haben wir zwei säumigen Zahlern den Strom abstellen müssen. Sie standen umgehend da und haben ihre Ausstände beglichen.»

Domenic Philipp, Geschäftsleiter der IBW Energie AG in Wohlen, hat die gleichen Erfahrungen gemacht: «Wenn unsere Monteure im Keller stehen und den Schalter umlegen wollen, wird in 95 Prozent der Fälle der Geldsäckel geöffnet.» 2014 habe man in Wohlen knapp 50 von 8500 privaten Stromkunden mit einer solchen Massnahme drohen müssen.

Leistungsstopp von Notversorgung abgelöst

Bis zur Revision des Krankenversicherungsgesetzes (in Kraft seit 1. Januar 2012), durften die Krankenkassen ihre Leistungen für säumige Zahler einstellen. Jetzt hat die Praxis geändert. Auch wer mit der Prämienzahlung stark im Rückstand ist, hat Anrecht auf eine Notversorgung. Wie das die Krankenkassen im Aargau handhaben, erläutert Beat Meier, Leiter Finanzen der Krankenkasse Agrisano: «Bei säumigen Zahlern wird unter Einhaltung der vorgegebenen Fristen das übliche Betreibungsverfahren eingeleitet. Wenn daraus ein Verlustschein resultiert, erstattet die Sozialversicherung Aargau (SVA) den Kassen 85 % der Forderungen zurück. Gleichzeitig kommt der Schuldner auf eine schwarze Liste. Diese ist im Aargau vor einem knappen Jahr eingeführt worden und umfasst bereits mehrere 1000 Schuldner. Einsicht in diese Liste haben ausschliesslich Leistungserbringer. Wer auf der schwarzen Liste ist, hat Anspruch auf eine Notversorgung. Das heisst, die Kosten für die Behandlung einer akuten Erkrankung sind gedeckt, nicht aber die Kosten für den Jahrescheck beim Hausarzt. Solange ein Kunde der Krankenkasse Beiträge schuldet, bleibt er auf der schwarzen Liste und kann die Kasse nicht wechseln. Sozialhilfeempfänger/EL-Empfänger, Kinder und Jugendliche kommen nicht auf die schwarze Liste. Krankenkassen können aufgrund des Obligatoriums auch nie Versicherte ausschliessen (freie Wahl der Krankenkasse).» Die aufgezeigte Praxis, hält Meier fest, gelte für die obligatorische Grundversicherung. (to)

Gesundes Augenmass

Huwiler wie Philipp betonen, dass es Monate dauert, bis man säumigen Zahlern den Stecker zu ziehen droht. «Erst wird gemahnt. Nützt das nichts, sprechen wir mit dem säumigen Kunden über das weitere Vorgehen.» Meistens, sagt Daniel Huwiler, finde man eine Lösung. Das sei die Vereinbarung von Ratenzahlungen oder die Montage eins Inkasso-Zählers – ein Gerät, das mittels aufladbarer Kreditkarte gefüttert wird und die Stromzufuhr so lange aufrechterhält, wie das Guthaben reicht. In Villmergen sind zurzeit fünf solche Zähler im Einsatz, davon zwei alte, die mit Fünflibern aufgeladen werden.»

Bei säumigen Zahlern betonen Huwiler und Philipp, gehe man mit gesundem Augenmass vor: «Wir schauen die näheren Umstände an und suchen in allen Fällen das Gespräch, bevor wir Massnahmen einleiten», sagen sie unisono. In Wohlen sind laut Domenic Philipp zurzeit 15 von 22 Inkasso-Automaten in Betrieb. «Damit», erklärt er weiter, «können säumige Zahler mit einem Aufpreis auf den üblichen kWh-Tarif auch ihre Schulden abstottern.»

Kunden einsichtig

Die Kunden sähen die Notwendigkeit einer solchen Massnahme meistens ein. «Wir haben zwar ein paar Unverbesserliche, die immer wieder in Zahlungsverzug geraten. Aber wir haben auch solche, die von sich aus einen Inkasso-Zähler wünschen, um so ihre Stromrechnung im Griff zu haben», sagt Philipp.

«Mit uns kann man reden», erklärt auch Albert Amstutz, Präsident der Elektra Sins. Wird eine Stromrechnung nicht bezahlt, gibt es nicht nur eine Mahnung, sondern auch einen persönlichen Besuch beim säumigen Zahler. «Wir sind vielleicht weniger rigoros als in grösseren Ortschaften oder Städten.» In finanziellen Notlagen sei auch Ratenzahlung möglich. Wenn reden aber nicht fruchte, handle auch seine Genossenschaft. «Dann installieren wir einen Zahlautomaten oder stellen den Strom ab. Letzteres wirkt sehr schnell», sagt Amstutz. Abgestellt wird jedoch nur, wenn es die Lebenssituation des säumigen Zahlers verantworten lässt.

Mit Zahlautomaten reagiert die EFA Muri AG, wenn Strombezüger ihre Rechnung nicht zahlen. Im Ladengeschäft kann die Karte für den Automaten mit Geld aufgeladen werden. So wird nicht nur der laufende Strom bezahlt, sondern auch die Schuld amortisiert, wie Nadja Meier ausführt. Im Versorgungsgebiet der EFA Muri AG, das neben Muri die Gemeinden Buttwil und Dietwil sowie Teile von Sins, Boswil, Bettwil und Beinwil umfasst, sind rund 30 Zählautomaten in Betrieb.

Albert Betschard, Betriebsleiter der Elektra Beinwil und Geltwil sowie Administrationsverantwortlicher der Elektras Hermetschwil und Widen, erklärt: «Wir schalten ab, wenn jemand den Strom nicht zahlt.» Aber selbstverständlich nicht ohne Vorwarnung: «Wir mahnen dreimal, und wenn das nichts nützt, gibt es keinen Strom mehr – ausser natürlich, wenn das Leben, zum Beispiel wegen einer gesundheitlich notwendigen Maschine, davon abhängt.» Zahlautomaten sind in Beinwil und Geltwil kein Thema, der Aufwand wäre zu gross. Anders in Hermetschwil oder Widen, wie Markus Wey erklärt. Der Elektroberater aus Hermetschwil hat sowohl Automaten mit Prepaid-Schlüssel als auch Münzautomaten zur Hand. «Besonders wirkungsvoll ist der Münzautomat», stellt er fest, weil der Konsument konkret Geld einwerfen muss, um Strom zu haben. Oft wundert er sich auch, mit welchen Ausreden das Nichtbezahlen der Stromrechnung erklärt wird. Und mit welchen Tricks manche arbeiten, um den Strom nicht bezahlen zu müssen. «In solchen Fällen ist es mit der Nachsicht vorbei.» Wenn kein Strom mehr fliesse, sei das Geld dafür meist sehr schnell vorhanden.

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