Bremgarten
Wenn man im Alter plötzlich neben sich steht

Die Zahlen lassen aufhorchen: 7000 Personen sind allein im Kanton Aargau an Demenz erkrankt. Jährlich kommen 1700 dazu. Die Pro Senectute nahm sich der Thematik an und veranstaltete in der St.-Josef-Stiftung einen Infoabend.

Tim Honegger
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Kompetente Teilnehmer am Podium: Erich Hässig, Hannelore Zenker, Erich Weidmann, Antoinette Fischer und Albert Wettstein (von links). Tim Honegger

Kompetente Teilnehmer am Podium: Erich Hässig, Hannelore Zenker, Erich Weidmann, Antoinette Fischer und Albert Wettstein (von links). Tim Honegger

Ist jemand dement oder bloss etwas vergesslich? Diese Frage versuchte der ehemalige Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein in seinem Referat zu klären. Dazu erläuterte er Hintergründe und Tipps zur Vorbeugung der Krankheit.

«Neues macht immer Altem Platz – das ist auch in unserem Gehirn so», sagte er. Doch im Alter komme es vermehrt zum Abbau von Verbindungen – mehrheitlich aufgrund von Durchblutungsstörungen.

Daher rät Wettstein, man solle körperlich aktiv bleiben und das Rauchen – den «schlimmsten Risikofaktor für Demenz» – sofort aufgeben. Ein Geheimtipp ist das Jassen als exzellentes Gedächtnistraining. «Die Risiken einer Demenzerkrankung zu reduzieren, ist keine Hexerei», folgerte er.

Risikogruppe Angehörige

Das Tückische an der Demenz ist, dass niemand davor geschützt ist. «Zwar gibt es erbliche Tendenzen, doch grundsätzlich kann es jeden treffen», so Wettstein. Die Erkrankung ist hierzulande die dritthäufigste Todesursache – direkt nach Herzkreislauf-Störungen und Krebs.

Um sich Klarheit über seinen eigenen Geisteszustand zu verschaffen, präsentierte Wettstein den Zuhörern einen simplen Test – bestehend aus nur sieben Fragen (siehe Kasten). Erzielt man dabei mehr als vier Punkte, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass man an Demenz leidet.

Trotz all dieser Trübseligkeiten hat Wettstein auch einige erfreuliche Botschaften. Beispielsweise fühlten sich die meisten Demenzkranken körperlich so wohl wie gesunde Menschen. Was oft vergessen wird: Akut gefährdet sind insbesondere Angehörige: «Viele überlasten sich mit ihrer Fürsorge und tragen am Schluss erhebliche Schäden davon.» Darum sei es für die Betreuenden wichtig, zuweilen sich selbst Priorität zu geben.

Pflege aus Osteuropa

Weitere Einsicht erhielten die Zuhörer von Erich Hässig über Ergänzungsangebote. «Dabei spielt die Regelmässigkeit der Aktivitäten eine bedeutende Rolle», sagte er. Besuche und Behandlungen sollten daher möglichst immer am selben Tag stattfinden.

Auch er betonte, wie wichtig es sei, dass sich die Angehörigen auch um sich selbst kümmerten. «Eine Entlastung kann eine Care-Migrantin sein. Dies sind meist Pendlerinnen aus nicht EU- oder neuen EU-Ländern, die drei Monate in der Schweiz bleiben.» Diese Art der Betreuung sei noch wenig verbreitet, aber habe grosses Potenzial.

An der Podiumsdiskussion tauschten sich die pensionierte Krankenschwester Hannelore Zenker aus Zufikon, Erich Weidmann und Antoinette Fischer und die beiden Referenten über ihre Erfahrungen mit Demenzkranken aus.

«Meine demenzkranke Mutter erzählte mir kürzlich, sie stehe wie neben sich – ihr Kopf sei einfach leer», so Fischer. Bei ihr hätte sich die Krankheit seit langem angebahnt. Wettstein plädiert denn auch für eine frühe Diagnose: «Auch wenn dies beängstigend ist, so gibt es dem Betroffenen wenigstens die Möglichkeit, die eigene Zukunft mitzugestalten.» So entschieden sich viele Demenzkranke, so lange wie möglich zu Hause zu leben.

Das liesse sich einfach gestalten, so der Tenor des Podiums. Man müsse schlicht die Risiken minimieren, indem man etwa Kerzen entferne und den Gashahn abdrehe. So hinterliess der Abend nicht nur 300 informierte Zuhörer, sondern kam überdies zu einem erfreulichen Schluss.

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