Wer zügelt, weiss es: Man hat zu viel und entledigt sich so weit wie möglich von den Dingen, die sich angesammelt haben. Andy Ludin aus Wohlen ist noch nie in seinem Leben gezügelt. Und er ist ein Sammler. Was das heisst, kann man sich vorstellen. Nur: Ludin hat nicht Gerümpel angesammelt, den man in einer Mulde entsorgen könnte, sondern Raritäten. Aber auch er muss jetzt Platz schaffen. Die logische Folge: Er hat am Bahnhofweg 17 in Wohlen einen Ausstellungsraum gemietet, «Ludin’s Raritäten» angeschrieben und verkauft, was er nicht mehr haben kann.

Als der Grossvater ein schönes Möbelstück ins Brockenhaus geben wollte, hat er es sich gesichert. «Es wäre schade drum gewesen», sagt Ludin zurückblickend. Da war er gerade einmal 15 Jahre alt. So ging das dann weiter, und zum Grossvater hatte er ein sehr gutes Verhältnis. Als seine Eltern 1989 in die Toscana zogen, übernahm er das Elternhaus (und selbstverständlich ein Teil des ausgesuchten Mobiliars). In der Zwischenzeit hatte sich schon einiges angesammelt: Kleinmöbel, Wanduhren, Teppiche, alles auserlesene Stücke.

Diese Sammelleidenschaft ging weiter: «Wenn man etwas besonders Schönes sieht, kann man nicht Nein sagen», stellt der gelernte Augenoptiker fest, der auch sein Geschäft in Muri immer wieder mit seinen Raritäten schmückt. Keine Frage, dass das Haus, das er seit 37 Jahren mit seiner Lebenspartnerin Margrit Kuhn bewohnt, von oben bis unten mit alten Sachen voll gestellt ist; selbst in der Garage stehen alte Autos.

Keine fixen Preise

«In alten Möbeln oder in mechanischen Uhren steckt noch richtig Arbeit, Handwerkskunst», sagt er und streicht mit der Hand über ein kleines Schrankmöbel. «Sie sind mit ihrer hohen Qualität auch für eine lange Lebensdauer hergestellt.» Das gefällt ihm. «Solche Möbelstücke erzählen zudem Geschichten von Menschen». Sie sind übrigens ausschliesslich aus Schweizer Herstellung. «Das Sammeln hört irgendwie nie auf, da kann nicht nichts dagegen machen», sagt Ludin, der eine Zeit lang auch seltene, antike Brillengestelle zur Seite gelegt hat. Aber der Platz ist irgendeinmal knapp, selbst wenn man ein ganzes Haus zur Verfügung hat.

Deshalb fasste er den Entschluss, sich von vielen Sachen zu trennen, «damit es wieder Raum für anderes hat». Und so reiht sich ein seltener Sekretär an einen antiken Tisch mit Intarsien, ein feines Schminktischen an ein gediegenes Sofa, von Menschen, die ins Altersheim zogen oder sich sonstwie veränderten, zusammengetragen weitgehend aus der Region. An den Wänden hängen verschiedene Comptoise-Uhren, alle sind selbstverständlich funktionstüchtig. «Ich bin kein Uhrmacher, aber kleinere Unterhaltsarbeiten kann ich, wie bei Möbeln, selber machen», sagt Ludin. Am Boden liegen Orientteppiche in bester Qualität. Fixe Preise hat der Sammler nicht, nur Vorstellungen. Statt Rendite ist ihm wichtiger, dass ein Möbelstück, eine Uhr, ein Accessoire in die richtigen Hände kommt. Unter www.ludins-raritaeten.ch gibt es einen Eindruck vom Angebot.

Passender Rahmen

Sogar der Ausstellungsraum passt hervorragend zu «Ludin’s Raritäten»: Er gehört zum früheren, im neubarocken Stil erstellten Verwaltungsgebäude der Camille Bauer AG, das 1919 erbaut wurde und der Strohgeflecht-Firma Georges Meyer & Co. AG einst als repräsentativer Firmensitz diente. Das Gebäude wurde neu renoviert und steht seit 2012 als Gewerberäumlichkeit zur Verfügung, in welcher Archiv-, Atelier- und Büroräume angemietet werden können.

Tut es denn nicht weh, sich von all den schönen Sachen zu trennen? Ludin schmunzelt. «Nein, ich habe ja noch viele andere. Und es gibt wieder neue Entdeckungen zu machen.» Er setzt sich in sein Mercedes-Coupé, Baujahr 1969, dreht den Schlüssel und fährt davon. Vielleicht an einen Ort, wo ein schönes, kleines Möbel darauf wartet, von ihm für die Zukunft gerettet zu werden.