Roy und Rocco Cipriano falten im Wohler Dojo gemeinsam ein gespraytes Willkommensbanner zusammen. Ihre Bewegungen sind perfekt aufeinander abgestimmt und man merkt sofort: Sie sind ein eingespieltes Team. Das müssen die zwei auch sein, denn Rocco Cipriano ist nicht nur Roys Vater, sondern auch einer seiner beiden Trainer. Vergangene Woche nahm Sohn Cipriano an den Junioren-Kickbox-Weltmeisterschaften in Jesolo (I) teil und erkämpfte sich dort den Old-Cadets-Weltmeistertitel im Pointfighting bis 63 kg. Andrea Faggiano, Roys zweiter Trainer, und Vater Cipriano waren natürlich mit dabei, um ihren Champion zu unterstützen.

«Mega nervös war ich nicht», erzählt Roy ruhig von den Meisterschaften. Beim Vater sah es etwas anders aus: «Ich war so nervös wie für mich selber nie», lacht der erfahrene Kickboxer. «Roy kann mit der Anspannung umgehen, das ist wichtig.» Der 16-jährige Cipriano erzählt: «Wir haben schon im Voraus gute Chancen gesehen.» Als er den Titel dann aber tatsächlich gewann, konnte er es im ersten Moment gar nicht glauben: «Es war wie in einem Film. Ein Traum, der fast unmöglich schien, ist für mich wahr geworden.» Nach einiger Zeit begann er aber allmählich zu realisieren, was passiert war. «Ich begann, mich immer besser zu fühlen.»

Ein klarer Sieg mit 9:5

Jetzt fange es aber erst richtig an, sagt Vater Cipriano. Denn Roy wurde am Sonntag, dem letzten Tag der Meisterschaften, 16 Jahre alt und ist somit in eine höhere Altersklasse aufgestiegen. Bei den Old Cadets war er der älteste, nun zählt er bei den Juniors im Alter von 16 bis 19 Jahren zu den jüngsten. Auch sei der Druck auf seinen Sohn nun viel höher, erzählt Cipriano: «Wenn er jetzt einen Kampf verliert, kann der Gegner sagen, er hat den Weltmeister geschlagen.» Der Goldmedaillen-Gewinner lacht: «Der Titel tönt ein bisschen übertrieben.» Sein Vater stimmt in das Lachen ein.

Aber der junge Wohler hat sich die Bezeichnung verdient. Er hat viel investiert, um sein Ziel zu erreichen. Fast täglich trainiert er zwei Stunden und auch in den Sommerferien in Sizilien machten er und sein Vater keine Ausnahme. Zudem studierten die beiden alle Gegner anhand von Videos. Die harte Arbeit zahlte sich aus. Roy konnte in Jesolo jeden seiner vier Gegner besiegen. Im Finale trat er gegen den Slowenen Ali Botonjic an und gewann mit einem klaren 9:5. Neben Cipriano waren neun Kickboxer in der Schweizer Delegation. Unter ihnen auch der Aargauer Philipp Siegrist, der Bronze im Pointfighting bis zu 79 kg gewann.

Aber nicht nur die beiden Trainer vor Ort fieberten mit der Delegation mit, sondern das ganze Dojo des Kickboxing-Klubs Wohlen. Die jungen Mitglieder haben sich während des Trainings die Kämpfe per Livestream angesehen und vor dem Bildschirm mitgeeifert. Immer wieder erhält Roy gratulierende Händedrücke.

Sie sind meistens gleicher Meinung

Bei der Frage, ob die beiden Sportler manchmal Meinungsverschiedenheiten hätten, sind sich Vater und Sohn einig: selten. «Ich erachte es als riesengrosses Glück, dass ich mit meinem Vater trainieren kann», so der jüngere Cipriano. «Der Sport», sagt Rocco dazu, «verbindet, und es entsteht ein gemeinsames Gefühl. Ich erachte es auch als Geschenk.» Der renommierte Kickboxer ist aber nicht nur wegen der Goldmedaille stolz auf seinen Sohn, sondern auch wegen seines Kampfgeistes: «Verliert er gegen gute Leute, motiviert ihn das. Er hat dann keine Angst, nochmals gegen diese Person anzutreten. Im Gegenteil: Roy hofft darauf, dass dieser beim nächsten Mal wieder dabei ist und er ihn besiegen kann. Ohne diese Einstellung klappt es nicht.» Der 16-Jährige antwortet darauf mit einem zustimmenden Kopfnicken: «Stimmt.»