Erinnerungen

Weihnachten damals: Diese Zufikerin strickte Geschenke für die Soldaten

Die 86-jährige Louisa Aschwanden sitzt im hübsch eingerichteten Stübli im Bifang und erzählt von früher. Dabei muss die lebenslustige Frau immer wieder lachen.

Die 86-jährige Louisa Aschwanden sitzt im hübsch eingerichteten Stübli im Bifang und erzählt von früher. Dabei muss die lebenslustige Frau immer wieder lachen.

Louisa Aschwanden (86) aus Zufikon weiss noch genau, wie Weihnachten damals war, als sie ein kleines Mädchen gewesen ist.

Sie sitzt in einem bequemen Sessel im hübsch hergerichteten Stübli im Bifang-Wohn- und Pflegezentrum in Wohlen. Doch die Geschichten, die sie erzählt, spielen ennet der Reuss, in Zufikon, und sind vor über 70 Jahren passiert.

Louisa Aschwanden ist zuerst etwas nervös und kann sich kaum vorstellen, dass sich jemand diese alten Geschichten anhören möchte. Doch sobald sie zu erzählen begonnen hat, nimmt sie einen mit in eine Welt, die sich vor allem junge Menschen heute kaum mehr vorstellen können.

Louisa Aschwanden hatte damals eine grosse Schwester und einen kleinen Bruder. Mit neun Jahren Abstand kamen nochmals drei Geschwister, aber als sie noch ans Christkindli glaubte, waren es nur ihrer drei, wie sie erzählt. Gemeinsam sassen sie jeweils am 24. Dezember in der Küche und assen zu Abend. Der Vater war auch dabei. Ausserdem zwei Knechte, der Sepp und der andere, dessen Namen ihr leider entfallen ist.

Und da waren zwei Kostgänger, also zwei ledige Männer, die sich im dreistöckigen Bauernhaus von Louisas Eltern ein Zimmer gemietet hatten. «Sie alle gehörten eigentlich schon zur Familie», berichtet sie mit einem Lächeln. «Als Weihnachtsgeschenk erhielten sie gewöhnlich Birewegge.» Zum Znacht gab es am Weihnachtsabend «etwas ganz Gewöhnliches wie Rösti und Spiegelei». Mutter und Grossmutter waren nie dabei bei diesen Essen, die «hatten immer ganz zufällig etwas anderes zu tun».

Die Kinder konnten es kaum erwarten, bis die Stubentüre endlich aufging und sie sahen, wie schön das Christkind den Weihnachtsbaum geschmückt hatte. «Es war immer eine Rottanne. Die hatte Kerzli dran und Herzli aus Mailänderliteig, oft auch Tirggeli aus Lebkuchen mit Papierbildli drauf, die meine Eltern gekauft hatten. Und Engelhaar, das war damals ganz neu. Jee, der Baum hat jeweils ausgesehen ...» Wieder lacht die lebensfrohe Dame und trinkt einen Schluck Tee.

Zopf nach der Messe

Da ihr Vater nicht nur Bauer, sondern daneben auch noch Schuhmacher war, lebte die Familie gut. «Es gab natürlich nicht viele Geschenke, das kam erst später bei den jüngeren Geschwistern. Aber jeder hat immer etwas bekommen.» Einmal erhielt sie ein Bäbeli, für das ihre Grossmutter, die ebenfalls mit ihnen im Haus wohnte, ihr Kleidchen strickte. Auch Strümpfe oder Haarbändel gehörten dazu.

Im Jahr, bevor sie in die Schule kam, erhielt sie einen ledernen «Schülerthek», den sie bis zum Ende ihrer Schulzeit benutzte. «Dann nähte mein Vater die Träger zu Schlaufen um, sodass ich den Thek als Tasche auch für meine Arbeit als Seidenweberin in Bremgarten weiterverwenden konnte», erinnert sich Louisa Aschwanden noch heute.

Das Schübeli, das die 10-jährige Louisa hier trägt, hat sie damals zu Weihnachten bekommen. Das Velo ist aber nicht ihres.

Das Schübeli, das die 10-jährige Louisa hier trägt, hat sie damals zu Weihnachten bekommen. Das Velo ist aber nicht ihres.

Nach der Bescherung ging die Familie zur Mitternachtsmesse in die Kirche. «Danach gab es immer Mutters feinen Zopf, das hat so fein geduftet. Dazu Anken, Konfi, Birewegge und oft auch Eimalzin.» Schoggelädli seien während des Krieges rationiert gewesen, erinnert sich die 1932 Geborene.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag kamen dann jeweils Tante, Gotte und Grossmutter von Sarmenstorf herüber zu Besuch. «Von meiner Gotte und der Grossmutter erhielt ich öppe einmal ein Röckli oder eine Schürze, denn sie arbeiteten in der Alpinit. Diese Kleider durfte ich nur an Feiertagen oder am Examen tragen. Da hat man gemeint, was man habe.» Wenn sie kamen, «gab es immer ein Festmahl mit Braten und Kartoffelstock. Und dann wurde auch immer das schöne Geschirr hervorgeholt.»

Päckli für die Soldaten

Eine Geschichte, an die sich die 86-Jährige noch gut erinnert, passierte, als sie 7 Jahre alt war. Die kleine Louisa konnte sehr gut stricken. «In der dritten Klasse haben wir im Handarbeitsunterricht Soldatenpäckli gemacht. Da waren selbst gestrickte Socken drin und Handschuhe ohne Finger, wohl zum Schiessen.»

Ihre Augen beginnen, verschwörerisch zu funkeln: «Unserer drei haben heimlich unsere Adressen in die Socken geschmuggelt. Wir staunten sehr, als auf einmal ein Päckchen für uns in der Schule ankam, da waren trockene Chrömli vom Militär drin, die man Bundesziegel nannte. Die haben wir voller Stolz in der Schule verteilt.»

Diese Geschichte wird sie nie vergessen. «Meine beiden Freundinnen sind leider schon gestorben. Aber immer, wenn wir uns trafen, haben wir über die Soldatenpäckli von damals geredet und gelacht.»

Als sie etwa 10 Jahre alt war, kam die Mutter mit rosaroter Wolle heim und sagte, sie solle ein Tschöpli stricken. Louisa tat es und dachte sich nichts dabei. Erst Wochen später erklärte die Mutter, es sei für ein neues Familienmitglied bestimmt.

«Es gab immer Chüngel»

Als sie dann ihren eigenen Haushalt führte und ihre Tochter Doris auf der Welt war, hatten ihre eigenen Eltern kaum mehr Zeit, um Weihnachten zu feiern. «Sie hatten den Hof und die Werkstatt in Zufikon aufgegeben und in Sarmenstorf das Restaurant Ochsen übernommen, da war Weihnachten eine hektische Zeit. Ich weiss nicht einmal, ob sie ein Bäumchen hatten.»

Bei ihr zu Hause wurde immer am 23. Dezember abends die Tür zur Stube verriegelt. Dahinter konnte sie in aller Ruhe den Baum schmücken. Ihre Tochter musste den ganzen Tag warten, bis am Abend des 24. die Tür wieder aufging. «Wir luden die Eltern meines Mannes zur Feier ein.» Auf die Frage, ob es ein traditionelles Weihnachtsessen gegeben habe, gluckst Louisa Aschwanden vor Lachen. «Ja, es gab immer Chüngel. Das wünschte sich mein Schwiegervater, da gab es nichts zu verhandeln. Jeder wusste, bei uns gibts zu Weihnachten Chüngel.»

Dazu gab es Gemüse, Kartoffelstock und eine selbst gemachte Torte. Die Chüngel waren auf jeden Fall richtige Chüngel, nicht wie früher, wo sie nicht mehr sicher sagen kann, was jeweils aufgetischt wurde. Ohne Hehl zählt sie jedoch auf: «Katzen wurden bei uns zu Feiertagen schon auch gegessen, als ich klein war. Einmal hatten wir sogar einen Fuchs.»

Heute ist ihr Weihnachten nicht mehr so wichtig. «Weil ich nicht mehr die Treppen hinaufsteigen kann, werde ich nun auch meine Tochter nicht besuchen, aber das ist in Ordnung», sagt sie. Was sie aber ganz besonders freut: «Meine Enkelin und mein Enkel wollen nicht einfach ein Geschenk von mir bei sich zu Hause öffnen, sondern haben sich gewünscht, dass sie es bei mir hier im Bifang aufmachen dürfen. Darauf freue ich mich sehr.»

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