Fall Lieni
Warum Politik süchtig macht

SVP-Nationalrat Füglistaller hat genug vom Intrigantenstadl, und tritt unter Getöse aus der Bezirkspartei aus. Seine Kontrahenten schlagen sich um seinen freiwerdenden Nationalratssitz. Oh, süsse Droge Politik!

Claudia Landolt
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Knatsch in der SVP

Knatsch in der SVP

azNetz

Lieni Füglistaller macht seit mehr als 30 Jahren Politik. Weil er sich als Opfer einer parteiinternen Schlammschlacht sieht - private Unternehmungen, fragwürdige Investitionen und diverse Geschäftsgebaren wurden publik -, verabschiedet er sich aus Bundesbern. Auch die Mutterpartei wendete sich vom langjährigen Nationalrat ab und legte ihm den Rücktritt nahe.

Beteiligte dieser Politposse sind, wie im «Duell aktuell» zu erfahren war, Exponenten der Bremgartner Bezirkspartei: Gregor Biffiger (nominiert für die Nationalratsliste 2011), Andreas Glarner (Fraktionspräsident, selbst ambitioniert für Bundesbern), Jean-Pierre Gallati (Grossrat) und Thomas Lüpold (Präsident der SVP AG). Eine machthungrige Bruderschaft, der kaum beizukommen ist. Männer, die ihrer öffentlichen Wirkung so ziemlich alles unterordnen, und dafür auch gerne mal robustere Töne anschlagen.

Rücktritt, ein Unwort

Füglistaller nimmt Abschied von der nationalen Politik - das ihm das nicht leicht fällt, beweist unter anderem seine Wortwahl. «Rücktritt» ist ein Wort, das dem Rudolfstetter ganz und gar nicht behagt. «Ich bevorzuge den Ausdruck ‹Tritt nicht zur Wiederwahl an›», erklärte er in der Sendung «Duell aktuell» (Tele M1) vom 21. Dezember. Zehn Monate Ränkespiele seien auch ihm genug gewesen, sagte er. Otto Normalbürger denkt: Zehn Monate mit fettigen Schlagzeilen sind eine lange Zeit. Wird da etwa die Erkenntnis eines notwendigen Abschieds nicht möglichst lange verdrängt?

Es gibt viele Berichte vom schwierigen Abschied in der Politik. Über fast allen könnte der Satz von Konrad Adenauer stehen, der 87jährig einem Journalisten anvertraute: «Ich gehe nicht leichten Herzens.» Und es gibt kaum ein Beispiel, dass sich einer lebenssatt verabschiedet von der grossen Bühne. Weder Ruth Dreifuss, Ruth Metzler noch Adolf Ogi, Samuel Schmid oder Hans-Rudolf Merz verliessen lebenssatt das Parkett der Omnipotenz. Selbst hochrangige amtierende Politiker, die an einer Generalversammlung ihrer Partei vor laufender Kameras in Tränen ausgebrochen sind und danach Kreis verkündeten, sie würden wegen «dieser dreckigen Politik» nicht mehr antreten, verdrängen nach geraumer Zeit diesen kurzen Ausflug ins frühere Ich, und marschieren in der nächsten Session schon wieder angemessenen Schrittes durch die Wandelhalle.

Politik macht süchtig

Und es war auch Adenauer, von dem das folgende Bonmot stammt. «Wer von der Politik einmal gegessen hat, der möchte immer und immer mehr. Politik ist eine Leidenschaft. Sie kann zum Laster werden, wenn man sich ihr zu sehr hingibt.» Vergleiche mit Suchtkranke drängen sich auf. Ganz schwierig wird's für den Typus Politiker, der seinem Beruf alles unterordnet mit Ausnahme der eigenen Persönlichkeit. Gelegentlich gibt es im Leben dieser Menschen auch noch ein Hobby, bestenfalls eine intakte Familie. Wer es aber in die Fraktion, Regierung oder Partei schaffen will, muss so viel Kraft, Zeit und Ehrgeiz in dieses Projekt investieren, dass die Politik zum alles entscheidenden Teil der Psyche und des Körpers wird.

Ja, das Ego wächst mit dem Amt. Geht das Amt verloren, schrumpft das Ego plötzlich auf sein individuelles Mass zurück. Lieni Füglistaller ist derzeit noch damit beschäftigt, seine Reputation zu retten und Genugtuung einzufordern, während das für seine einstigen Weggefährten bereits Vergangenheit ist.