Hägglingen
Warum Liebesbriefschreiber Christian Roth jetzt über Kloschüsseln philosophiert

«Ich muss dann mal», titelt Christian Roth in seinem Büchlein «KloSymphonia» und philosophiert auf 84 Seiten über seine Erlebnisse als Klomann.

Toni Widmer
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Christian Roth.Toni Widmer

Christian Roth.Toni Widmer

Toni Widmer

Haben sie gewusst, dass es neben dem Weltgesundheitstag, dem Weltlehrertag oder dem Tag des Rauchmelders jeweils am 19. November auch einen Welt-Toilettentag gibt? Oder, dass der Hamburger Thomas Teige 2010 in einer Minute 50 Klodeckel mit dem Kopf zertrümmert und damit die bisherige Bestmarke des Amerikaners Kevin Sherley mit 46 Deckeln übertroffen hat? Und war ihnen bekannt, dass Klomänner und Klofrauen mit Papst Julius I. einen Schutzpatron haben?

«Ich muss dann mal»

Weitgehend unter dem (Klo-)Deckel geblieben ist bisher auch, dass der Hägglinger Christian Roth sich ein paar Jahre vor seiner Pensionierung aus dem Rampenlicht des europaweit bekannten Liebesbriefschreibers in die Abgeschiedenheit der Toilettenanlage eines Aargauer Gewerbeparks zurückgezogen und dort WCs geputzt hat.

«Niemand zwang mich dazu – ich habe aus eigenem Antrieb entschieden. Und schon steckte ich mittendrin. Vom Schreibtisch mit den bunten Filzstiften, Kugelschreibern, dem trendigen Apfel-Mac und dem unbefleckten, weissen Papier, das irgendwann mit den coolen Ergüssen meiner kreativen Arbeit aus dem Drucker rutschte. Freiwillig, aber vielleicht auch etwas naiv, glaubte ich, den ruhigen Job für meine letzten Jahre in der Arbeitswelt gefunden zu haben.»

«Ich muss dann mal», titelt Roth in seinem Büchlein «KloSymphonia» und philosophiert auf 84 Seiten über seine Erlebnisse als Klomann: «Ein verschmutztes Klo zu reinigen heisst, dass der Träumende seine verklemmte Haltung aufgibt. Auch die übel riechende Scheisse ist im Traum etwas Positives. Alchemisten behaupteten früher sogar, man könne aus Kot Gold gewinnen.»

Pornomagazine statt Gold

Gold hat der heute 72-Jährige in den Kloschüsseln nicht gefunden. Doch sonst, schreibt Christian Roth in seinen Memoiren aus dem Scheisshaus, gebe es kaum etwas, das dort nicht stecken geblieben sei: «Unterhosen, T-Shirts, Haarbürsten, Zigarettenpackungen und Feuerzeuge von Ex-Rauchern, zerknüllte Pornomagazine, Überreste von Pausensnacks, Äpfel, Birnen, Bananen.»

Immerhin hat er mit dem Entgelt für die Beseitigung menschlicher Hinterlassenschaften seinen Lebensunterhalt bestreiten können. Doch warum ist er nicht bis zur Rente am Bürotisch sitzen geblieben, an dem er als gelernter Schriftsetzer und Grafiker den Grossteil seines bewegten Lebens verbracht hat?

«Das Business ist immer hektischer geworden. Irgendwann hat es mir ausgehängt. Der Hausdienst eines Gewerbeparks hat einen Mitarbeiter gesucht. Da habe ich mich gemeldet. Ich zwar schon vorher gewusst, dass ich dort dann auch Toiletten reinigen muss, aber am Anfang hab ich mich damit trotzdem etwas schwergetan.»

«Ich habs für mich geschrieben»

Das Schreiben von «KloSymphonia» ist ihm offensichtlich leichter gefallen. Die Erzählung kommt locker, witzig und ab und zu herrlich ironisch daher. Roth spricht Klartext mit gelegentlich deftigen Ausdrücken. Kein Buch für schwache Nerven. Aber eines, das mindestens so entspannend wirkt wie das tägliche Geschäft, um das es darin geht.

Was hat Christian Roth dazu getrieben, intimste Geheimnisse (un-)menschlichen Toilettenverhaltens in einem solchen «Kack-Buch» an die Öffentlichkeit zu zerren? Hofft er, damit seine Zeit als Toilettenmann nachträglich doch noch vergolden zu können? Roth lacht und sagt: «Wie schon meine früheren Erzählungen habe ich auch dieses Büchlein in erster Linie für mich geschrieben. Es ist keine Literatur und ein bisschen chaotisch verfasst. Wenn es ein paar Leute zum Schmunzeln bringt, dann freut mich das sehr. Aber reich werde ich damit bestimmt nicht.»

Christian Roth hat in seinem bewegten Leben viel gemacht, mit dem er nicht reich, aber glücklich geworden ist. Zu einigem Ruhm gebracht hat er es mit seinen Liebesbriefen, die er für Menschen in ganz Europa verfasst hat. Das verhalf ihm zu TV-Auftritten in «Heiteres Beruferaten», bei Paola, Karl Dall oder Jürgen von der Lippe, reicht aber nicht zum Leben. Legendär geworden ist sein geplanter Fussmarsch nach Moskau, zu dem er 1989 unter starker medialer Beachtung startete. Wegen politischer Unruhen musste er jedoch schon in Warschau abbrechen.

Lebenskünstler und Revoluzzer

Roth ist im Bündnerland geboren, in Zürich aufgewachsen und schliesslich in Hägglingen gelandet. Als junger Revoluzzer mit langem Haar wurde er rasch bekannt, aber nicht eben beliebt. Vor allem nachdem er gegen ein Strassenbauprojekt erfolgreich das erste Referendum im Aargau überhaupt lanciert hatte. Zwischenzeitlich sind er und Gattin Mägi, mit der er seit 52 Jahren verheiratet ist, sogar für ein paar Jahre weggezogen. Jetzt sind sie zurück am Maiengrün, bei ihren drei Söhnen und den Enkelkindern.

Die Wogen haben sich geglättet. «Heute werde ich freundlich gegrüsst. Das liegt wohl auch an mir. Ich habe es früher mit meiner Opposition im Dorf doch oft etwas übertrieben. Jetzt bin ich älter und weiser geworden», sinniert Christian Roth. Und lacht.

KloSymphonia: Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt, ISBN 9783744822336.