Serie (Nachtrag)

Walther, sein Pferd und viele Römer – wie die Orte laut Volksmund zu ihren Namen kamen

Früher hiess es, der Ortsname Sarmenstorf sei auf «sarmenius turum» für «Dorf zwischen Berg und Bach» zurückzuführen. Das ist zwar spannend, aber falsch. Toni Widmer

Früher hiess es, der Ortsname Sarmenstorf sei auf «sarmenius turum» für «Dorf zwischen Berg und Bach» zurückzuführen. Das ist zwar spannend, aber falsch. Toni Widmer

In einer fünfteiligen Serie hat die AZ Freiamt Anfang September sämtliche Ortsnamen der Bezirke Bremgarten und Muri samt ihren wissenschaftlichen Namensherleitungen aufgelistet. Zum Abschluss folgt hier ein kleiner volksetymologischer Nachtrag. Der Volksmund weiss verschiedene Varianten, wie Orte zu ihren Namen gekommen sein könnten.

Vor zwei Wochen hat die AZ Freiamt sämtliche Ortsnamen der beiden Bezirke Bremgarten und Muri auf ihre Herkunft untersucht. Dabei ist herausgekommen, dass die meisten auf alemannische Personennamen zurückzuführen sind.

Neben den wissenschaftlich belegten Herleitungen erzählt man sich jedoch die verschiedensten Geschichten. Bei Abtwil (Abt), Geltwil (Gelte, Gelt) und Hilfikon («Helfant», altes Wort für Elefant) beispielsweise ist die Fehlleitung noch gut im Wappen zu erkennen. Doch was gibt es sonst noch für Geschichten?

Lateinischer Humbug

Der in Sarmenstorf aufgewachsene und heute in Boswil lebende Historiker Benedikt Stalder, der viel Literatur für die AZ-Ortsnamen-Serie zur Verfügung gestellt hat, erinnert sich: «In der Volksschule Sarmenstorf wurde uns vermittelt, Sarmenstorf habe ursprünglich ‹sarmenius turum› geheissen, gleichbedeutend mit ‹Dorf zwischen Berg und Bach›.»

Er hat auch eine Idee, wie diese Deutung zustande gekommen sein könnte: «Dieser weder latinisiert noch vulgärlateinisch zu verstehende Humbug entstand vermutlich nach der Erforschung und Dokumentation der Römervilla, welche die Historische Gesellschaft Seetal im Jahre 1929 durchführte und in der Bevölkerung euphorischen Stolz auslöste.»

«Todt ist er cho!»

Auch die Sage über die Dottiker Namensgebung wurde wiederentdeckt. Die Sarmenstorferin Frieda Widmer hat ihr Buch über Sagen aus dem Aargau von 1856, das sie beim Zügeln im Estrich gefunden hat, zur Verfügung gestellt. Darin ist vom Ritter Walther von Dottikon zu lesen: «Er war bei König Albrecht zu Besuch gewesen, als dieser vor seiner Ermordung durch seinen Neffen Johann die Bäder zu Baden besucht hatte. Noch auf dem Heimwege in sein Schloss vernahm Walther die Nachricht von dem schauderhaften Ende seines königlichen Lehnsherrn und sank vom Schrecken gerührt todt auf seinem Rosse zusammen; als dieses mit der Leiche heimgelaufen kam, riefen die Bauern: Todt ist er cho! Aus diesem Ausrufe entstand seitdem der Ortsname Dottikon, und ins Dorfwappen ist das schwarze Ross genommen worden.»

In demselben Buch ist auch eine spannende Herkunft des Namens Hermetschwil nachzulesen: «Man behauptet, das aargauische Kloster Hermetschwil habe seinen Namen von einem Götzentempel, der früher hier gestanden. Der Priester habe das Tempelbild des Hermes mit zwei Büchern und einem silbernen Tisch in einem Gewölbe hier vergraben.»

Gepränge, Wein und Bremsen

Im Buch «Menschen Geister Fabeltiere», in dem der Lehrmittelverlag des Kantons Aargau 1991 Sagen, Anekdoten und historische Texte des ganzen Kantons vereint hat, sind ausserdem verschiedene Deutungsvarianten für die Herkunft des Namens Bremgarten zu finden: «Bremgarten hiess anfänglich wegen seiner blühenden Umgebung Rosengarten [...]. Wegen seiner schönen Lage und des ‹Gepränges›, mit dem der Adel hier seine Feste feierte, hiess es damals auch Pränggarten. Als sich der Weinbau an den Hängen des Reusstals verbreitete, erhielt die Stadt den Namen Weingarten. In jener Zeit brach bei einem Bäcker ein Feuer aus, das die ganze Stadt bis auf ein einziges Haus einäscherte. Von da an hiess der Ort Brenngarten. Als sich die Bürger von dieser Katastrophe erholt hatten, verlegten sie sich auf Viehzucht und trieben ihre Herden auf die grosse Halbinsel, die die Reuss hier bildet. Da aber wurde das Vieh so sehr von stechenden Bremsen geplagt, dass man der Halbinsel den Namen Bremgarten gab und ihn auch auf das Städtchen übertrug.»

Doch bald schon habe den Bürgern diese einfache Deutung nicht mehr gefallen. «Zudem waren verschiedene Altertümer ausgegraben worden, die darauf hinwiesen, dass die Römer hier gewohnt haben mussten. Man nahm an, es habe hier eine römische Hauptwache, ‹prima guardia›, gegeben.» Von diesem lateinischen Ausdruck habe man anschliessend den Stadtnamen abgeleitet.

Es gibt noch viel mehr solcher Geschichten, Hirngespinste und Erklärungsversuche. Ein sehr spannendes Feld, über das es ein andermal noch viel zu sagen geben könnte.

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