Die Marienkapelle im idyllischen Weiler Rüti bei Hägglingen hat schon manchem Sturm getrotzt. «Einmal drückte ein heftiger Windstoss die Scheibe mit dem Marienbild aus dem Rahmen», weiss der 80-jährige Landwirt Walter Huber. Das Fenster wurde selbstverständlich repariert. Denn die Kapelle hat ihre eigenen Denkmalschützer und Gönner: den Kapellenverein, dem Huber nun schon seit 60 Jahren als Präsident vorsteht.

Vom Vater zum Sohn

Kaum volljährig geworden, wuchs Walter Huber 1956 in die Fussstapfen seines früh verstorbenen Vaters Paul Huber hinein, der vor ihm das Amt des Präsidenten nur kurz ausüben konnte. «Damals sagten die Rüter, ein Junger müsse Präsident des Kapellenvereins werden. Ich war damals bereit dazu. Und heute will ich weitermachen, solange es geht», erzählt Huber.

Der Kapellenverein zählt zwanzig Mitglieder. Sie wohnen entweder in Rüti oder lebten einmal im Weiler. Der Vorstand besteht nur aus drei Rütern: neben dem Präsidenten Walter Huber aus dem Kassier Paul Meyer und dem Aktuar Hans Huber, einem Cousin des Präsidenten. Dreissig Jahre lang besorgte Walter Hubers Ehefrau Elisabeth den Blumenschmuck in der Kapelle. Vor acht Jahren hat Ursula Meyer diese Aufgabe übernommen.

Gemeinsam organisiert der Verein die Unterhaltsarbeiten. Das sind nicht wenige, berichtet Huber. Die letzte grosse Gesamtrenovation liegt schon fast 40 Jahre zurück. Ohne die Hilfe der Einwohner-, Ortsbürger- und Kirchgemeinde wäre das Vorhaben nicht möglich gewesen. Einige Rüter leisteten damals Fronarbeit wie schon beim Bau 1890, bei dem Walter Hubers Urgrossvater Johann Huber noch mit dabei war.

Pfarrer fehlt am Kapellenfest

Traditionell ist die kleine Kapelle ein Ort der Besinnung für die Einwohner und auch für die Wanderer, die in Rüti Rast machen. Am Kapellenfest am Sonntag nach Maria Himmelfahrt im August finden sich jeweils viele Gläubige vor der Kapelle ein. Am nächsten Kapellenfest wird aber der Hägglinger Pfarrer Johann Fellner fehlen. Er habe seinen Abschied von der Pfarrei angekündigt, weiss Walter Huber. Aber auch für Taufen, kirchliche Hochzeitsfeste und neuerdings sogar für Ziviltrauungen dient das kleine Gotteshaus, in dem im Chor ein Marienbild im Ikonenstil dominiert.

Von den ursprünglich verbauten Glasfenstern sind noch jene im Chor mit Bildern von Josef und Maria erhalten geblieben. Die anderen sollen demnächst wieder aufgewertet werden. Die früher eingesetzten farbigen Medaillons sind wieder aufgetaucht. Sie will der Schlosser Rolf Schmid aus Wohlen wieder in die Glasfenster einsetzen, was für den Kunstsinn des Kapellenvereins spricht.

360 Franken für die Fenster

Die Rüter beschlossen am 16. Dezember 1888, den Kapellenverein zu gründen und die Marienkapelle zu bauen. Der älteste Rüter an der Versammlung hiess Leonz Wirth und hatte den Jahrgang 1800. Die Vorstandsmitglieder Johann Huber, Ulrich Christen, Oberleutnant Leonz Christen, Johann Wirth (Jörgen) und Paul Engel (Webers) bildeten die Baukommission. Alle Mitglieder wurden dazu verpflichtet, freiwillig am Bau mitzuwirken.

Den Bauplatz erhielt der Verein als Geschenk von Paul Engel. Das Glasmaler-Atelier Georg Rottinger aus Zürich führte die Glasfenster aus und verlangte dafür insgesamt 360 Franken. Der Glockengiesser Jakob Egger aus Staad bei Rorschach berechnete für die einzige Glocke einen Kilopreis von zwei Franken und fünfzig Rappen, total 241 Franken für die 96,5 Kilo schwere Glocke.

Am 11. Juli 1890 wurde das Gotteshaus eingeweiht. 28 Musikanten von der Musikgesellschaft Hägglingen umrahmten damals die Feier, an der etwa tausend Leute teilgenommen haben sollen. Die Festwirtschaft führte Ulrich Stutz, Wirt zur Pinte, die später «Jura» genannt wurde.