Auf vielen alten und neuen Bildern von Wohlen prangt stolz und selbstbewusst der Kirchturm der römisch-Katholischen Kirche St. Leonhard. Das bescheidene Satteldach (Käsbisse) des alten Turms wurde zwar 1880 durch die heute noch da thronende Laternenhaube ersetzt, aber der Turm selbst ist immer noch derjenige, den die Wohler 1488, zusammen mit einer neuen Kirche, vom Murianer Abt Johannes Hegnauer erstellt bekamen.

Ab 1517 erschütterte die Reformation die ganze christliche Welt, und in Wohlen wurde die Kirche so stark von den wütenden Bilderstürmern gebeutelt, dass sie neu aufgebaut werden musste. Vielleicht war es die Aufruhrstimmung jener Zeit, vielleicht auch der feste Wille, dem drohenden Zerfall des Christentums entgegenzuwirken, sicher aber war es ein Zeichen der Aufmüpfigkeit gegen das omnipotente Kloster Muri, das die katholischen Wohler dazu bewog, die Errichtung einer eigenen Pfarrei zu verlangen.

Weil die forschen Untertanen sogar vom päpstlichen Nuntius, Antonio Pucci, in ihrem Vorhaben unterstützt wurden, erhielten sie 1518 von Muri die Erlaubnis, eine eigene Pfarrei zu gründen. Mit diesem Schritt bekräftigte das Dorf, das seit seiner Gründung, 1178, nie viel mehr war, als ein loser Verbund verschiedener Quartiere und Siedlungen unter ständig wechselnder Obrigkeit, seinen klaren Willen zur Einheit.

«Bevor die Wohler eine eigene Pfarrei bekamen», erklärt Dorfhistoriker Daniel Güntert, «ging jedes Quartier dahin zur Kirche, wo der Weg am kürzesten war. Die einen nach Villmergen, die anderen nach Niederwil und Göslikon.» Eine bescheidene, kleine Kirche muss es schon früher in Wohlen gegeben haben. Überreste davon, vermutlich aus der Zeit des Hochmittelalters (11. bis 13. Jahrhundert) fand man beim Aushub für Neubauten an der Zentralstrasse vor rund 80 Jahren. Der geweihte Ort war also da, aber erst durch die Gründung der Pfarrei St. Leonhard bekam das Dorf auch einen eigenen Pfarrer.

Der heutige Pfarrer von Wohlen, Domherr Kurt Grüter, ist nicht nur zuständig für diese Pfarrei, ihm obliegt auch die Leitung des ganzen Pastoralraums Unteres Freiamt mit den sechs angeschlossenen Pfarreien von Dottikon (Johannes der Täufer), Fischbach-Göslikon (Maria Himmelfahrt), Hägglingen (St. Michael), Niederwil (St. Martin), Waltenschwil (St. Nikolaus) und eben Wohlen. «Die Gründung dieser Pfarrei war seinerzeit ganz sicher ein Gewinn für die Gemeinschaft», sagt Grüter. «So entstand eine kompakte Gemeinde, das machte das Dorf stark.»

Pfarrer Kurt Grüter (links) und Daniel Güntert besprechen die nächsten Aktivitäten im Rahmen der 500-JahrFeierlichkeiten.

   

Von Stephanus zu Leonhard

Eine Stärke, die das Dorf in den religiösen und politischen Wirren der folgenden Jahre auch dringend nötig hatte. Bevor die Wohler ihre völlige Freiheit von den Zwängen kirchlicher und weltlicher Obrigkeiten erlangten, vergingen noch viele Jahre. Doch die Kirche blieb im Dorf. Als Kirchenpatron hatte man ursprünglich den heiligen Stephanus erwählt, den ersten Märtyrer. Dieser wurde 1477 durch den heiligen Leonhard, Schutzpatron der Gefangenen, ersetzt. Kein Wunder, lagen doch zu jener Zeit die meisten Menschen mehr oder weniger konkret in Ketten.

Nachdem die Reformierten die Wut über ihre religiösen Ketten an der Wohler Kirche ausgelassen hatten, konnte 1532 der Neubau geweiht werden. Der genügte dann bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 1808 war die heutige, grössere Kirche fertig gebaut – an den Turm, der seit 1488 immer noch derselbe war. «Wer genau hinsieht, erkennt, dass er nicht exakt im rechten Winkel zur Kirche steht», verrät Daniel Güntert, der auf seiner Führung «Wohler Kirchengeschichte und Orgelmusik» (siehe Artikel rechts oben) noch auf so viele Besonderheiten des katholischen Gotteshauses hinweisen kann.

Vom Müssen zum Dürfen

Vieles hat sich für die Kirche und für die Pfarrei im Laufe der vergangenen 500 Jahre verändert. «Früher mussten sie, heute dürfen sie», fasst Pfarrer Grüter den Vergleich von damals und heute in eine knappe Form.

«Natürlich war die Kirche damals voll. Es waren auch nur Priester, die kirchliche Ämter übernehmen durften. Heute kommen weniger Leute in die Kirche, aber dafür geht die Kirche viel mehr zu den Leuten. Der Einsatz von Laientheologen für verschiedenste Dienste und Aufgaben ist dabei ungeheuer wertvoll.»

Auf die Frage, ob es die Pfarrei St. Leonhard in 500 Jahren immer noch geben wird, nickt Grüter heftig und sagt mit leuchtenden Augen: «Ja, die gibt es noch. Und ich bin fest überzeugt, dass es bis dann keine Unterschiede mehr geben wird zwischen katholischen, reformierten oder orthodoxen Christen, sondern dass wir alle wieder gemeinsam feiern, wie es ganz am Anfang unseres Glaubens einmal war.»

Die Urväter Wohlens haben sich eine eigene Pfarrei erkämpft, und die Strohbarone von Chly Paris haben dann durchgesetzt, dass das Angelusläuten in Wohlen nicht um 11 Uhr, sondern erst um halb zwölf erklingt. «Wir sagen hier, wann Mittag ist», soll damals einer von ihnen dem Pfarrer an den Kopf geworfen haben. Die Wohler können sich halt viel erlauben, mit ihrem besonderen Schutz von oben.

Vielleicht ist es ja nur ein Zufall, vielleicht aber auch ein Zeichen, dass seit der Kirchenrestaurierung von 1972 die Muttergottes auf dem grossen Deckengemälde, das den Empfang des Heiligen Geistes (Pfingsten) darstellt, drei Hände hat. Drei schützende und segnende Hände über den Köpfen all derer, welche das Erbe der frechen Vorväter in Ehren halten.