Aristau

Von Wildhütern, Rikscha und «Little Joe» – die vielen Leben von Mario Richner

Mario Richner aus Aristau ist einer der letzten grossen Abenteurer. Hier ein Einblick in seine fast unglaubliche Reise.

Verrückter, Spinner, Gringo loco – Mario Richner erinnert sich an so manche Worte, mit denen er auf seinen Reisen schon betitelt wurde. Ist er verrückt? «Vielleicht», antwortet er lachend. Und doch hat der heute 71-Jährige in seinem Leben Dinge erlebt, von denen sehr viele seiner Zeitgenossen träumen.

Niemand hat ihn mit schöneren Worten beschrieben als der ehemalige Globetrotter-Chefredaktor Walter Kamm in den Vorworten zu Richners Fotoreportagen. So schrieb er in der Ausgabe von Herbst/Winter 1995/96 über ihn: «Mario zog, kaum 20-jährig, als Weltenbummler und Seemann in die weite Welt hinaus, um sich aus der Enge des damaligen gesellschaftlichen Klimas zu befreien, und ist längst vom CH-Provinzler zum Weltbürger geworden. Es tut gut, zu sehen, wie er sich vom einstigen Haudegen (und Söldner) zum sanften Reisenden, sensiblen Naturbeobachter und wahren Menschenfreund entwickelte. Vom Seemann zum Sehmann.»

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Die Reisen von Mario Richner – die Karte wird laufend ergänzt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Wildhüter im afrikanischen Busch

Mario Richner hat in den letzten 71 Jahren nicht nur ein, sondern viele Leben gelebt. 1976 wollte er nach Rhodesien, das heutige Simbabwe, auswandern. «Andere Schiffskollegen träumten vom Ferrari, ich wollte mich zum Wildhüter ausbilden lassen», erzählt er. Und das tat er auch. Punkto Überleben in der Wildnis hat er nirgendwo so viel gelernt wie dort. Während des Interviews sagte er: «Würden Sie, Ihr Fotograf und ich heute mitten im Amazonasgebiet mit einem Flugzeug abstürzen und als Einzige überleben, dann würde ich uns lebend da rausbringen. Genauso aus dem afrikanischen Busch. Und das ist ein Unterschied wie ein Lastwagen und ein Porsche.»

Als Wildhüter arbeitete er damals, in den 70er-Jahren, mit einer Truppe aus schwarzen und weissen Mitarbeitern zusammen. «Es war die Zeit der Apartheid, aber davon merkte man bei uns nichts», erinnert er sich. «Man kann mir ja vieles nachsagen, aber ein Rassist war ich definitiv nie.»

Wie man auf den Fotos sieht, war Richner selbstverständlich auch bewaffnet damals. «Das waren die Wilderer, die es unter anderem auf Elfenbein abgesehen hatten, schliesslich auch.» Und es gab auch Momente, da musste er schiessen. «Aber ich bin immer nur so weit gegangen, wie es mein Gewissen zugelassen hat.» Dennoch hat die Zeit in Simbabwe viel in ihm ausgelöst: «Ich war schon immer gegen jeglichen Krieg. Aber dort wurde ich beschossen und habe auch beschossen. Jetzt ist mir der Krieg ferner denn je.»

Gegen Kaiman-Jäger in Brasilien

Aufgrund des Bürgerkrieges verliess er das Land, in dem er hatte Wurzeln schlagen wollen, jedoch wieder. Doch der Tierschutz liess ihn nicht mehr los. «Ein Belgier, den ich aus Afrika kannte, suchte damals jemanden, der mit ihm zusammen die Kaiman-Wilderer im brasilianischen Pantanal aufspürte», berichtet er weiter. «Ganze Kolonien von Kaimanen wurden abgeschlachtet, weil man Handtaschen aus ihrer Haut machen wollte.» Da liess sich Richner nicht zweimal bitten. «Wir hatten extra ein Kanu ohne Motor, damit wir die Wilderer mit ihren Schnellbooten hören konnten, selber aber lautlos unterwegs waren und uns notfalls als Touristen ausgeben konnten.»

Sie fanden verschiedene Kadaverfelder und alte Wilderercamps. «Über das Funkgerät hätten wir sofort die Polizei allarmiert, wenn wir die Wilderer gesichtet hätten. Die wären mit Hubschraubern gekommen. Leider fanden wir die Banden aber nicht.» Dennoch hat die Aktion der beiden für Medienrummel gesorgt und hatte vielleicht auch einen positiven Effekt.

Mit «Little Joe» einmal quer durch Sumatra

1984 hatte er sich ein neues Abenteuer ausgedacht. Zusammen mit seinem Freund Mauro Beretta hatte er sich vorgenommen, die indonesische Insel Sumatra von Osten nach Westen zu durchqueren. Und zwar mit Little Joe, einem waschechten Sumatra-Wasserbüffel, der in der Landessprache «Kerbau» genannt wird. Für 430 000 Rupiahs (rund 1000 Franken) hatten sie ihn einem Reisbauern abgekauft und den Kaufvertrag «gegen ein entsprechendes Bakschisch» auf einem Polizeiposten rechtskräftig beglaubigen lassen.

Nach sechs Tagen merken sie, dass es immer mühsamer wird, das Gepäck zu schleppen. «Ein Ochsenkarren – ‹ein Pedati› – muss her.» Auch den kauften sie einem Bauern ab und bauten ihn so um, dass ihn Little Joe ziehen konnte. Der war diese Arbeit jedoch nicht gewohnt. Die Dorfbevölkerung hat einiges zu Lachen, bis ein erfahrener alter Bauer den beiden hilft, den Büffel einzuspannen. Beim ersten Versuch dauert es zwei Stunden, die Gurte festzuziehen. Später schaffen sie es in zwei Stunden. Und die Probefahrt mit «Little Joe» verläuft erstaunlich gut.

Die letzte Nachricht, die Mario Richner fünf Wochen nach dem Start an die Redaktion des «Globetrotters» schickt, lautet: «Gesund in Padang angekommen. Little Joe schweren Herzens auf dem Markt verkauft.»

Mit der Rikscha von West nach Ost durch Afrika

«Wenn ich nochmals ein Buch schreiben würde, dann eines über meine Erfahrungen in Afrika», sagt Mario Richner heute. Denn knapp 20 Jahre nachdem er im Busch Wilderer gejagt hat, kehrte er nach Afrika zurück – mit einer völlig anderen Idee. «Jahre zuvor hatte ich mich in Kalkutta in eine nagelneue Rikscha verliebt, die ich in einem Schaufenster gesehen hatte. Ich habe sie für 100 Franken gekauft, zerlegt und in der Schweiz eingelagert.» Erst 1994 hatte er endlich die richtige Verwendung dafür: «Ich wollte mit der Rikscha quer durch Afrika.» Viele seiner Freunde belächelten ihn – wie so oft bei seinen verrückten Ideen –, doch die Rikscha stellte sich als perfektes Gefährt heraus. Zumindest in der Art, in der Richner sie benützte. Denn allein durch seine Fantasie, gepaart mit seinem praktischen Fachwissen als Mechaniker und Techniker, war das möglich. Ganze sieben Mal baute er sie während seiner Reise um: Von der normalen Velo-Rikscha zum Eselskarren und Handwagen und dann sogar zum Floss und Tretboot, mit dem er den Sambesi hinunterfuhr. Auf diese Weise durchquerte er erneut einen Kontinent: Von Windhoek im Westen durch Namibia, Botswana, Sambia, Simbabwe und Moçambique bis Beira an der Ostküste Afrikas.

Das letzte Wort soll Mario Richner selber haben, der in seinem Globetrotter-Bericht sehr poetisch schrieb: «Der Zauber des ‹Veldes› spiegelt sich auch in den Sonnenaufgängen, die einer gewaltigen Feuersbrunst gleichen. Dann die Landschaftswechsel zwischen grasbewachsener Steppe und windpolierten Steinfeldern, die Buntheit der Berge mit den zerborstenen Granitplatten und nicht zuletzt das intensive Nachtleuchten der Milchstrasse am Himmel. Hier braucht man keine Anleitung zum Seelenfrieden – hier laden sich menschliche Batterien auf, und innere Enge öffnet sich unweigerlich in dieser äusseren Weite.»

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