Sins
Von wegen Damenwahl! Hier hat der Mann noch das Sagen

Die Landjugend Freiamt bietet Kurse in Jive und Discofox an – das Interesse ist gross und die Anfänger machen auch schnell Fortschritte.

Dominic Kobelt
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Die Jugendlichen lernen schnell, sich im Rhythmus zu bewegen, und können bald auch einige Figuren. Dominic Kobelt

Die Jugendlichen lernen schnell, sich im Rhythmus zu bewegen, und können bald auch einige Figuren. Dominic Kobelt

Männer und Frauen stehen aufgeteilt an den beiden Enden des Raumes. «Auch wenn es zu Hause anders läuft, hier habt ihr das Sagen», macht Tanzlehrer Martin den Männern Mut. «Trotz aller Emanzipation, beim Tanzen führt der Mann, und eure Partnerin macht die Figur, die ihr vorgebt.» Dass die meisten der 16 teilnehmenden Pärchen – der Kurs ist ausgebucht – auch im richtigen Leben ein Paar sind, ist offensichtlich. Genauso das Machtgefüge in den Beziehungen: Die Anmeldung für den Tanzkurs war wohl in den meisten Fällen eine Damenwahl. Während sie mutig mitmachen, müssen einige der Männer noch lernen, dass man nicht mit den Händen in den Hosentaschen tanzen kann.

Zehn Abende sollen genügen, um den Jugendlichen beizubringen, sich stilvoll über die Tanzfläche zu bewegen. Dafür verlangt die Landjugend Freiamt 80 Franken. Gelehrt werden Jive und Discofox, zwei Tänze, die fast zu jeder Musik passen, wenn man denn die Schritte beherrscht.

Eine neue Herausforderung

Der günstige Preis ist aber sicherlich nicht der einzige Grund für den Ansturm auf den Kurs in den beiden Gesellschaftstänzen. Ein paar Schritte zu beherrschen, schadet sicher nicht. An vielen Festeren wird noch Tanzmusik gespielt, und sie spaltet das Publikum jeweils in zwei Teile. In diejenigen, die sich elegant und schwungvoll über die Bühne drehen, und die anderen. Ihre Bewegungen beschränken sich auf das Auf- und Abspringen in der Menschenmasse. Oder auf die gängigen Handbewegungen zu Schlagersongs wie dem roten Pferd, das sich immer und immer wieder umkehrt und mit seinem Schwanz die Fliege abwehrt.

«Tanzen, das ist nur eine Beschäftigung für diejenigen, die zu wenig Geld zum Trinken haben», sagen manche, die mit ihrer Ausrede zumindest ein Lächeln ergattern wollen. Auf lange Frist bringt das aber nichts. Im Leben gibt es Momente, in denen man sich neuen Herausforderungen stellen muss. Und wenn man eine besonders hartnäckige Kollegin hat, die sich trotz vehementer Hinweise, dass sie damit die Gesundheit ihrer Füsse gefährde, nicht von ihrer Idee abbringen lässt, ist der Tanzkurs praktisch schon gebucht.

Zurück im Musiksaal in Sins, wo die Paare nun gemeinsam tanzen dürfen. Auffällig ist, dass viele der Jugendlichen ein gewisses Flair für die Schweizer Kultur haben: Chueli-Gürtel oder Edelweiss-Hemden sind keine Seltenheit. Die wichtigste Erkenntnis des ersten Abends: Tanzen ist anstrengend. Obwohl sich die Lehrer federleicht über den Parkettboden bewegen, merken ihre Schüler rasch, dass es durchaus Kondition erfordert, wenn man anderthalb Stunden seine Beine im Rhythmus bewegen soll und sich gleichzeitig zu erinnern versucht, welchen Arm man in die Höhe halten muss. Trotzdem ist es eine gute Erfahrung. Die Tanzanfänger sind unter sich, niemand muss sich schämen, wenn eine Figur nicht auf Anhieb klappt.

Im Verlauf des Abends legen die Männer ihr Unbehagen ab und machen gute Fortschritte. Bald klappt bei allen der Grundschritt. Viele beherrschen bereits einfache Figuren, wenn auch die Bewegungsabläufe noch nicht so flüssig von den Füssen geht wie bei den Vorbildern.

«Rück-Platz-Wechselschritt, Wechselschritt-Rück-Platz.» Die Lippen murmeln den Füssen Befehle zu, bei manchen kontrollieren die Augen, ob diese auch gehorchen. «Schaut eurem Partner in die Augen, oder wenn euch das unangenehm ist, dann blickt über die Schulter», korrigiert Tanzlehrerin Jasmin.

Die Kursteilnehmer blicken mit einiger Bewunderung in die Mitte, als Jasmin und Martin am Ende des ersten Abends vorzeigen, wie der Jive aussieht, wenn die Tanzschritte in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wir würden das in zehn Wochen auch beherrschen, sagen die beiden. Noch glaubt niemand daran.

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