Bremgarten
Von Schlafsälen zum modernen Heim

Eine Festschrift nimmt die letzten 125 Jahre des Josefsheims in Bremgarten ins Visier.

Jörg Baumann
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Regierungsrat Alex Hürzeler (stehend) mit dem Autorenteam Fridolin Kurmann, Aldo Gaus und Meinrad Benz (von links).

Regierungsrat Alex Hürzeler (stehend) mit dem Autorenteam Fridolin Kurmann, Aldo Gaus und Meinrad Benz (von links).

Jörg Baumann

Schwitzende Jugendliche bei Gartenarbeiten, grosse Schlafsäle mit eng aneinandergereihten Betten, schwer arbeitende Frauen in der Waschküche und ein riesiges Schulzimmer, in dem die Mädchen unter der Anleitung der Ingenbohler Schwestern nähen lernen: So beengend und betrüblich sah es im Josefsheim in Bremgarten, 1889 als «Anstalt für schwachsinnige Kinder» gegründet, lange aus.

Heute ist alles anders: freundlich und nicht mehr martialisch streng, aufgeschlossen durch moderne Lernmethoden und weltoffen. Das kann in der Festschrift «Geborgen und offen», die zum 125. Geburtstag der Institution herausgegeben wurde, nachgelesen werden.

Pädagoge und Historiker

Die beiden Autoren, der Bremgarter Historiker Fridolin Kurmann, und Aldo Gaus, ehemaliger pädagogischer Leiter im Josefsheim, hätten es sich leicht machen können: Jubeln bei so viel Wohltätigkeit, die das Heim verströmt. Keiner, der am Guten im Menschen festhält, hätte es ihnen verübeln können, wenn sie ein in Watte verpacktes Geschichtenbuch präsentiert hätten. Aber dem ist nicht so. Das Buch verschweigt auch kritische Umstände nicht. «Ich erhielt den Auftrag vom Stiftungsrat, zum 125-jährigen Bestehen des Heimes ein Buch zu machen. Ich wisse ja von meiner Tätigkeit im Heim her, was in den letzten Jahrzehnten hier gelaufen sei, beschied mir der Stiftungsrat», sagte Gaus.

«Hier werden christliche Werte aktiv gelebt»

Markus Strebel, seit 14 Jahren Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung St. Josef in Bremgarten und seit 2005 Stiftungsratspräsident, übergibt sein Amt zum Abschluss des Jubiläumsjahres an eine jüngere Kraft: an den Vizepräsidenten Peter Thurnherr, Präsident des Bezirksgerichts Bremgarten. Der ehemalige Bremgarter Stadtpfarrer Kurt Ruef forderte die Gäste auf, «wertvolle Bausteine für das Josefsheimes zu sein oder zu werden». Dem Wahlspruch der Festschrift, «Geborgen und offen», lebe des Heim in überzeugender Weise nach, erklärte Regierungsrat Alex Hürzeler. «Im Heim werden die christlichen Werte aktiv gelebt». Das Josefsheim sei regional gut verankert und erfülle auch die Aufgabe vorbildlich, die historischen ehemaligen Klostergebäude gut zu pflegen und als Kulturanbieter in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Besonders dankbar zeigte sich Hürzeler gegenüber den Ingenbohler Ordensschwestern, die das Heim lange aufopfernd geleitet hatten. Das Heim habe es stets verstanden, sich den neuen heilpädagogischen Erkenntnissen zu öffnen, dafür die Grundlagen zu legen und sie zum Wohl der ihr anvertrauten Menschen anzuwenden. Der Bremgarter Stadtammann Raymond Tellenbach erklärte, dass man sich Bremgarten ohne das Josefsheim nicht vorstellen könne. Die Menschen, die im Heim lebten, gehörten zum Alltag im Städtchen. Die Institution sei für alle öffentlich zugänglich, was Tellenbach als grossen Vorteil für die Bevölkerung und das Heim wertete. (BA)

Aber ohne einen gewissenhaften Historiker wie Kurmann wollte Gaus nicht an die Aufgabe herangehen. «Die ersten 100 Jahre des Josefsheim konnten wir kursorisch abhandeln», meinte Kurmann, derweil das Streichquartett A la Q’Art eine Pause eingelegt hatte. Denn zusammenfassende Darstellungen lagen nach dem 50. Geburtstag und in einem Buch, entstanden unter der Federführung des ehemaligen, 2014 verstorbenen Stiftungsrates Eugen J. Bischof aus Wohlen, nach dem 100. Geburtstag vor.

Auch wenn die Autoren auf die ersten 100 Jahre nur Streiflichter werfen, ist es ihnen trotzdem gelungen, ein ganzes Jahrhundert mit seinem überwältigenden Wandel packend und einleuchtend auf ein paar wenigen Seiten zusammenzufassen. Gebannt liest man im mit Bildern reich illustrierten Buch nach, wie das ehemalige Kapuzinerkloster in Bremgarten nach der Aufhebung zum Pferdestall, zur Dreschtenne und zur Armeleutewohnung verkam. Erst die beiden Brüder Josef Alois Keusch und der Landwirt Andreas Keusch-Abbt brachten den Mut und die zehntausend Franken auf, um das verwüstete Kloster der Ortsbürgergemeinde Bremgarten abzukaufen und daraus, unterstützt durch die Ingenbohler Schwestern, das längst notwendige Heim zu machen. Verblüfft erfährt man, dass die vierzig Strohsäcke in den Schlafsälen erst 1932 durch Stahlfedermatratzen ersetzt wurden und das Heim 1936 einen Schulgarten und ein Radio erhielt. Erst die 1960 eingeführte Invalidenversicherung erleichterte die Eltern und das Heim von finanziellen Sorgen, die vorher immens gewesen sein müssen.

Nicht nur konfliktfrei

Völlig konfliktfrei war die lange idealisierte Zeit, in der die Ingenbohler Schwestern das Heim leiteten, keineswegs. Der emeritierte Geschichtsprofessor Carlo Moos durchsuchte die Archive und fand darin viel Erbauliches, aber auch einiges, worunter die Ordensschwestern in ihrem selbstlosen Einsatz litten. «Wir wollten mit dem Beitrag von Carlo Moos die Aussenansicht auf das Heim darstellen», meinte Kurmann. Neben Aldo Gaus, der die Entwicklung hauptsächlich in den letzten 25 Jahren beleuchtet, wirft auch der Heilpädagoge Meinrad Benz aus Wohlen ein träfes Schlaglicht auf den Sinneswandel, der mit der Zeit in der Heilpädagogik Platz gegriffen hat.

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