Zufikon
Von Lateinamerika übers Basler Altersheim ins Freiämter Emaus

Vor 25 Jahren sind die ersten Franziskanerinnen im Antoniusheiligtum Emaus eingezogen. Schwester Pascalina erinnert sich an ihre ungewöhnliche Reise.

Jörg Baumann
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Die Franziskaner-Ordensschwestern Grisella Näf, Pascalina Köppel und Rosa Mercedes Bustos (von links) betreuen das Antonius-Heiligtum Emaus.

Die Franziskaner-Ordensschwestern Grisella Näf, Pascalina Köppel und Rosa Mercedes Bustos (von links) betreuen das Antonius-Heiligtum Emaus.

Jörg Baumann

«Wo man dich hinstellt, leiste das Beste»: Diesem Wahlspruch sind die drei Franziskaner-Ordensschwestern Pascalina Köppel, Grisella Näf und Rosa Mercedes Bustos fest verpflichtet. Vor 25 Jahren lösten die Franziskanerinnen, damals noch in einer anderen Zusammensetzung, die Kapuziner in der Einsiedelei St. Antonius zu Emaus ab. «25 Jahre? Ist das nicht schon länger her?», fragt die Vorsteherin, Schwester Grisella Näf. Sie ist schon am längsten von
allen drei und von Anfang an im Emaus. Früher war sie Kindergärtnerin in Lateinamerika.

Zuerst in die Fabrik

Erst vor einem Jahr ist hingegen Schwester Pascalina Köppel im Emaus angekommen. Ihre Erinnerungen an die Zeit, als sie als junge Missionsschwester und Primarlehrerin den Kindern in Lateinamerika das Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte, reichen weit zurück. «Ich wuchs in Widnau im Kanton St. Gallen auf, an der Grenze zu Deutschland in einer Grossfamilie mit neun Kindern», erzählt sie. «Am 8. Mai 1945 kam ich aus der Schule – also am Tag, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.» Eine Berufslehre kam für sie nicht infrage. Sie ging wie viele andere Jugendliche in eine Fabrik. Die Firma in Heerbrugg habe Gelatineverschlüsse für Flaschengebinde hergestellt. «Der Vater arbeitete in der Ziegelei, die Mutter machte nebenbei Heimarbeit für die Stickereiindustrie», berichtet die Ordensfrau, die später weiter in der Welt herumkam als viele Schulgspändli aus ihrem Dorf.

Den Krieg habe sie bewusst miterlebt, auch wenn sie vieles noch nicht richtig verstanden habe, sagt Schwester Pascalina. Hauptmann Paul Grüninger, der viele Flüchtlinge vor dem sicheren Tod gerettet habe, diesen Grüninger habe sie nur vom Hörensagen gekannt. Sie sei ihm aber nie begegnet. Sie erinnere sich noch daran, dass im Krieg ein jüdischer Flüchtling im Heu gelegen habe. Um 1940 herum hätten ihre Eltern den Rat erhalten, aus Widnau wegzugehen. Die Gefahr, dass die Schweiz von der Deutschen Wehrmacht überfallen würde, war auf den Siedepunkt gestiegen. Aber die Familie Köppel schlug den Tipp in den Wind und blieb in Widnau. «Angst hatten wir, aber wir litten nie Hunger», erzählt Schwester Pascalina.

Im Flugzeug erbrochen

Nach der Fabrikarbeit wählte Schwester Pascalina den Weg zu den Franziskaner-Ordensschwestern. 1952 flog sie zum ersten Mal nach Lateinamerika – «mit einem Clipper, das weiss ich noch ganz genau». Das Flugzeug hoppelte von einem Luftloch in das andere. Alle Passagiere hätten erbrochen, «auch ich», erinnert sich die Ordensschwester.

Die Missions-Franziskanerinnen führten nach dem Vorbild von Mutter Charitas Brader, die die Heilige Maria Bernarda Bütler aus Auw noch persönlich kannte, in Lateinamerika schon seit dem 19. Jahrhundert Schulen. In der Schulbildung wollte sich auch Schwester Pascalina nützlich machen. «Ich hatte mir vorgenommen, diszipliniert Unterricht zu erteilen», berichtet sie. «Ich suchte den menschlichen Erfolg.» Immer wieder fällt Schwester Pascalina vom Deutsch ins Spanisch zurück, in eine Sprache, die sie das halbe Leben begleitete. «Heimatkunde gab ich im Geist von Christoph Kolumbus, des Entdeckers von Amerika. Ich habe viel an ihn gedacht.»

Zu ihrer Zeit habe sie in Lateinamerika viele Analphabeten angetroffen, sagt Schwester Pascalina. «Die Menschen waren arm. Sie machten sich keine Illusionen.» Die Ordensschwester begegnete in der Neuen Welt vielen verschiedenen Kulturen – «und einer Mentalität, die anders war als in der Schweiz». Die Natur und eine üppige Vegetation hätten die Bevölkerung verwöhnt. «Ich erlebte keinen Winter, anders als bei uns.» Schwester Pascalina zeichnet mit der Hand in der Luft die Anden nach, «dieses Riesengebirge». «Und dann die Hochlandgebiete, die haben mich als Schweizerin natürlich fasziniert.» Es gebe heute übrigens weniger Analphabeten als früher, bemerkt sie.

Vom Baselland ins Emaus

Nach vielen Jahren in der Schule kehrte Schwester Pascalina wieder zurück in die Schweiz. Sie übernahm die Stelle als Leiterin eines Altersheimes in Aesch BL. Schon weit über 80 war sie, als sie ins Emaus kam. Früher sei im Emaus noch oft geheiratet worden, erzählt sie. Das sei heute seltener der Fall. Aber der Zufall will es, dass ausgerechnet am Tag, als Schwester Pascalina aus ihrem Leben erzählt, draussen wieder ein Hochzeitsfest stattfindet. Schwester Pascalina lächelt wissend. «Ich glaube, dass das Heiraten wieder kommt», sagt sie. Regelmässig erhalte das Antonius-Heiligtum Emaus Besucher. «Im Emaus treffen sich Antonius und Bruder Klaus. Die Krypta mit der Mondsichelmadonna zeigen wir den Besuchern auch gerne.»

Die Antoniuswoche gehört im Emaus zu den Traditionen. Jeden Donnerstagmorgen empfängt Pfarrer Franz Xaver Amrein die Gläubigen zum Gottesdienst in der Kapelle. Der Einladung folgen jene, die die abgeschieden liegende Einsiedelei in ihr Herz geschlossen haben. Auf jeden Fall: Die Franziskanerinnen im Emaus halten die Pflichten, die mit ihrem Dienst verbunden sind, hoch. Sie haben aber immer Zeit für ein gutes Gespräch. «Liebe Frauen aus Zufikon fahren uns jeweils mit dem Auto auswärts zur Messe. Dafür danken wir ihnen herzlich», sagt Schwester Pascalina und hebt diskret die Hand zum Zeichen, dass das Interview zum Ende kommen sollte. Im Vorbeigehen weist Schwester Pascalina in aller Bescheidenheit darauf hin, «dass man unserem 60 Jahre alten Wohnhaus schon etwas machen sollte.» Man wird davon hören.

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