Wer war im Mittelalter zuerst in der Mongolei: der venezianische Händler Marco Polo oder doch der Franziskanermönch Wilhelm von Rubruk aus Flamen? Für viele Historiker und den Neo-Schriftsteller Rolf A. Meyer (72) aus Wohlen liegt Rubruk vorne. Die Diskussion, ob Marco Polo tatsächlich in China war oder ob er im besten Fall die Halbinsel Krim erreicht hat, entfachte schon 1995 eine Streitschrift von Frances Wood. Seitdem schlagen sich immer mehr Leute auf Rubruks Seite.

«Schade, ich wäre gerne ein bisschen mit Rubruk verwandt»

In den letzten vier Jahren schrieb Meyer den historischen Roman «Der Mann, der Marco Polo zuvorkam». Zumal es theoretisch möglich sei, dass er über seine holländische Grosstante Hubertine Maria Helena Hoeberrechts-Roebroeck mit dem Mönch Rubruk verwandt sei. «Letztlich bleibt das aber eine Spekulation», sagt Meyer, der in Wohlen in einer Unternehmerfamilie der Strohgeflechtindustrie aufgewachsen ist und seit zwanzig Jahren mit seiner Frau Elisabeth in Bäch am oberen Zürichsee lebt.

Seiner Grosstante gelang es zwar, den Stammbaum der Rubruk bis ins 14. Jahrhundert bis zu einem Symon Hune van Rubruk zurückzuverfolgen. Dieser wird in einem Schriftstück von 1383 als Pächter des Herzogs von Brabant erwähnt. Aber dieser lebte 120 Jahre nach dem Mönch Rubruk, der zwischen 1215 und 1220 geboren und 1270 gestorben ist. Weiter zurück reichte die Familienforschung seiner Grosstante nicht. «Eigentlich schade. Ich wäre gerne ein bisschen verwandt mit diesem sagenhaften Rubruk», meint Meyer lächelnd.

Eine Reise gab den Ausschlag

Tausende von Flugkilometern spulte Meyer früher als Manager bei der Ciba-Geigy-Gruppe und der Ciba-Spezialitätenchemie AG ab. Doch sein Schlüsselerlebnis, das zu seinem Roman führte, erlebte er erst als Pensionierter – und zudem mit der Eisenbahn. «Ich reiste vor einigen Jahren mit meiner Frau mit dem Transsibirien-Express von Moskau nach Peking», erzählt Meyer. Dabei sei ein mehrtägiger Besuch in der Mongolei auf dem Programm gestanden. Ihm sei bewusst geworden, wie wenig er über dieses Land wusste.

«Darauf begann ich zu recherchieren und stiess auf Wilhelm von Rubruk.» Meyer erinnerte sich an seine Grosstante und ihre Familienforschung. Er kramte in den alten Familienunterlagen und fand das Buch, das seine Grosstante verfasst hatte. «Leider in Holländisch geschrieben. Also musste ich es zuerst auf Deutsch übersetzen lassen.»

Reisebericht Rubruk`s ging verloren

Darauf fand Meyer heraus, dass Rubruk eigenhändig einen Reisebericht auf Latein über seine Reise zu den Mongolen verfasst hatte. Dieser ging jedoch verloren und tauchte erst 350 Jahre später in einem Nachlass eines Franziskanermönchs in England wieder auf. Das sei wohl der Hauptgrund, sagt Meyer, weshalb Rubruks Geschichte weitgehend unbekannt geblieben sei, während Marco Polo in aller Munde sei.

Bestärkt wurde Meyer dadurch, dass die historische Gesellschaft Hakluyt Society in London 1990 eine neue aufdatierte und mit wissenschaftlichen Anmerkungen versehene Version des Reiseberichts von Rubruk herausgab, die die Reise zu den Mongolen abdeckte. Meyer blieb hartnäckig und fand neue Beweise, dass Rubruk tatsächlich vor Marco Polo in der Mongolei war. «Ich will hier nicht mehr verraten. Der Leser kann das in meinem Buch nachlesen», sagt Meyer.

Hilfe bei einem Profi gefunden

Meyer kämpfte sich durch dicke Wälzer. Je mehr er las, desto konkreter wurde sein Plan: «Ich schreibe einen historischen Roman über diesen Rubruk.» Aber wie wird aus einem Mann der Wirtschaft ein Schriftsteller? Meyer erinnerte sich an seine Jahre im Kollegium Schwyz, wo er sich auf die Handelsmatura vorbereitet hatte. «Bei den Mönchen in Schwyz lernte ich, diszipliniert zu arbeiten. Ihnen habe ich viel zu verdanken», sagt er.

Meyer suchte Hilfe bei einem Profi. Er fand sie beim Schreibcoach und Schriftsteller Roman Rausch in Berlin, der schon einige Kriminalromane, historische Romane und ein Theaterstück verfasst hatte. Er war für Meyer der richtige Mann. «Rausch hat mir geholfen, die Spannungsbögen, die Dialoge und Emotionen richtig zu setzen und den logischen roten Faden nicht zu verlieren», berichtet Meyer.

«Meine Frau Elisabeth hat mich immer unterstützt und ist von meinem Buch begeistert. Ich musste manches Mal neu ansetzen, aber ich bin froh, dass ich durchgehalten habe.» Schreibt Meyer nun ein zweites Buch? «Ich weiss es nicht, behalte aber Augen und Ohren offen für ein neues Thema», sagt er.

«Der Mann, der Marco Polo zuvorkam» Historischer Roman (Verlag Books on Demand), Paperback, 432 Seiten mit Anmerkungen zum geschichtlichen Hintergrund. Infos unter www.bod.de