Banklehre, Rekrutenschule, Fachhochschule, Grossbank – Manuel Brunner hat eine typische Bankkarriere hinter sich. Doch damit ist vorläufig Schluss. Der Villmerger will neue Erfahrungen sammeln. Dafür hat er sich eine Organisation ausgesucht, die ebenso spannend wie in jeder Hinsicht herausfordernd ist: Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF). Und genau das ist es, was Brunner sucht: «Ich will meine Fähigkeiten sinnvoll einsetzen», sagt er. Genau das scheint ihm MSF zu bieten.

Um Missverständnissen vorzubeugen: «Nein, ich bin kein Doktor», hält Manuel Brunner lachend fest. «Die Frage stellen mir viele. Ich werde bei MSF als Administrator im Feld arbeiten, werde für Finanzen, also Budget, Löhne, Cash-Management, sowie das Einstellen und Entlassen von Mitarbeitern und andere Führungsangelegenheiten zuständig sein.» Er mache sich keine Illusionen: «Meine Arbeit wird nicht so humanitär sein, wie viele denken. Ich werde nicht unmittelbar Leben retten, sondern meistens im Büro sitzen.» Aber im Büro vor Ort, vielleicht in Ebola-Gebieten, vielleicht in Flüchtlingslagern, vielleicht in einem Kriegsgebiet. Und er wird dafür mitverantwortlich sein, dass sich die Ärzte auf ihre Aufgabe konzentrieren können.

Doch warum will ein Banker seinen bequemen Bürostuhl im sicheren, klimatisierten Grossraumbüro der Credit Suisse gegen behelfsmässig eingerichtete Büro-Räume in gefährlichen Gebieten tauschen? Ein fragwürdiger Internet-Bericht über ihn nannte es gar: «Vom Abzocker zum Weltverbesserer». Dazu schüttelt Manuel Brunner nur den Kopf. «Einerseits habe ich mich und die anderen Banker nie als Abzocker gesehen», stellt er klar. «Andererseits will ich nicht die Welt verbessern, sondern einen verantwortungsvollen Job übernehmen, meine Komfortzone verlassen und neue Erfahrungen sammeln. Und wenn ich das jetzt nicht tue, wo ich ungebunden bin, bekomme ich diese Chance vermutlich nie wieder.»

Auf die Idee, bei einer Nichtregierungsorganisation zu arbeiten, kam Brunner vor etwa vier Jahren. «Damals habe ich irgendeiner Organisation Geld gespendet. Es war ein kalter Wintersamstag und ich hatte nichts Besseres zu tun, also las ich nach, wofür ich da genau gespendet hatte. Nach und nach kam ich auf die Seiten anderer Hilfsorganisationen.»

Beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) klickte er sich durch die Jobangebote und erkannte, dass er bis auf das fliessende Französisch sämtliche Kriterien für einen Administrator erfüllte. Da war die Idee zu einem Einsatz definitiv geboren.

Bald kontaktierte Manuel Brunner einen seiner ehemaligen KV-Lehrer, der als Administrator für das IKRK gearbeitet hatte, durchforstete das Internet und las Bücher zum Thema. Um sein Profil zu vervollständigen, besuchte er einen Französischkurs in Paris. Und als er im vergangenen Jahr nach einer viermonatigen Anstellung bei einer Bank in Singapur fünf Tage beim Häuserbau auf den Philippinen half, war die Idee schon fast erntereif. Fast, denn der Häuserbau war nicht ganz sein Ziel. «Ich kündigte bei der CS per Ende März 2015 mit dem Gedanken, wieder in die Philippinen zu gehen. Doch als ich mir das genauer überlegte, erkannte ich, dass ich diesen Schritt nur machen wollte, weil ich mir dadurch bessere Chancen bei MSF oder dem IKRK erhoffte. Da erkannte ich, wie dumm es war, dass ich es nicht erst direkt bei diesen Organisationen versuchte.» So wurden die Philippinen zu Plan B.

Er entschied sich wegen des Prinzips der Berichterstattung für MSF anstelle des IKRK. «MSF will einerseits den Menschen vor Ort medizinische Versorgung zugänglich machen, andererseits aber auch die Welt darüber informieren, was in den Krisen- und Kriegsgebieten vor sich geht», fasst er zusammen. «Diese Einstellung entspricht mir, da kann ich dahinter stehen.» Also bewarb er sich und wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Die Fragen der Experten sprechen für sich: «Sie sind im Irak und reisen in den Norden. Da müssen Sie in ein Spital, um die lokalen Angestellten zu entlöhnen. Bankverbindungen gibt es keine. Sie haben Geld im Gegenwert von mehreren Tausend Franken im Rucksack. Der Soldat am militärischen Checkpoint befiehlt Ihnen, den Rucksack zu öffnen. Was machen Sie?» Brunner würde versuchen, mit dem Soldaten zu verhandeln – schlussendlich bliebe aber wohl nichts anderes übrig, als den Rucksack zu öffnen. Das war scheinbar die richtige Antwort, denn Anfang März wurde er offiziell in den Mitarbeiterpool aufgenommen. Was es bedeutet, für MSF tätig zu sein, weiss Brunner dennoch erst aus der Theorie.

Wo er hinkommt und wann das sein wird, weiss Manuel Brunner noch nicht. «Es kann ein Ort sein, wo man abends noch normal ein Bier trinken gehen kann. Aber es kann auch sein, dass man morgens von der ummauerten Unterkunft ins ummauerte Büro gefahren wird und abends zurück, weil jeder Schritt draussen zu gefährlich wäre», erklärt er. Ersteres könnten Impfkampagnen, Projekte gegen Epidemien oder Länder sein, in denen das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Letzteres Kriegsgebiete oder abgelegene Flüchtlingslager.

«Auf jeden Fall stelle ich mich auf tieferen Lebensstandard ein, die Privatsphäre wird mit so vielen Leuten auf engem Raum stark eingeschränkt sein, und es wird sehr viel Arbeit geben», so der Villmerger. Aber auch auf interkulturelle Probleme stellt er sich ein, «und zwar nicht nur zwischen uns und den Einheimischen, sondern auch unter den internationalen Helfern selbst», präzisiert er. Doch er freut sich auf die Zusammenarbeit und die Herausforderung, mit komplett fremden Menschen in einer prekären Lage ein starkes Team zu bilden.

Wovor er sehr grossen Respekt hat, ist der Stress. «Wenn zu viel Arbeit, zu wenig Privatsphäre, interkulturelle Verständigungsprobleme und alles andere zusammen kommen, kann man nicht vorhersehen, wie die Leute reagieren. Ausserdem können traumatische Erlebnisse und Situationen, mit denen man nicht sofort klarkommt, den psychischen Druck noch verstärken.»

Die MSF-Mitarbeiter haben stets die Möglichkeit, mit Psychologen in Genf zu telefonieren. Dennoch ist der Druck, der auf jedem einzelnen Teammitglied lastet, enorm. «Ich habe keine Angst, sondern Respekt vor diesen Situationen», stellt Brunner klar. Doch nochmals präzisiert der Betriebsökonom: «Es ist auch hier nicht wie viele meinen. Die häufigste Todesursache von humanitären Mitarbeitern im Feld sind nicht Hinrichtungen oder ähnliches, sondern schlicht Autounfälle, die oft auf das nicht Einhalten von Sicherheitsvorschriften zurückzuführen sind.»

Er ist gespannt auf seine neuen Tätigkeiten als Administrator im Feld. Seine Familie und Freunde werden ihm auf jeden Fall fehlen. «Aber ich werde Erfahrungen sammeln, die ich zu Hause nicht machen könnte», hält Brunner fest.