Von 37,7 auf 44,1 Prozent – die SVP hat im Bezirk Muri im Vergleich zu den Nationalratswahlen 2011 um 6,4 Prozentpunkte zugelegt. Die im Oberfreiamt einst allmächtige CVP hingegen ist von 19,8 auf 16,3 Prozent erneut abgerutscht.

Das ist bitter für eine Partei, die vor 40 Jahren an den Nationalratswahlen jeweils über 50 Prozent verbuchen konnte.

Grafik: Stärke der Parteien im Bezirk Muri

1975 kam sie auf 53,3 Prozent, 1979 waren es gar 56,2 Prozent. Seither ging es laufend bergab. 1987 verlor die CVP im Bezirk Muri 9,8 Prozent Wähleranteile gegenüber 1983 und lag nun mit 43,9 Prozent erstmals unter der 50-Prozent-Marke.

Auch im Bezirk Bremgarten hat die CVP ihren Krebsgang fortgesetzt. Sie ist auf 10,7 Prozent abgerutscht, 1979 hatte sie noch 37,9 Prozent ausweisen können.

«Mittepartei hat es schwierig»

Den Sinkflug ihrer Partei zu erklären, fällt auch erfahrenen Freiämter CVP-Politikern schwer: Peter Wertli, Regierungsrat von 1988 bis 2001, sieht einerseits interne Gründe:

«Die heutige CVP ist aus einer Fusion der Katholisch-Konservativen (KK) und den Christlichsozialen (CSP) entstanden. Ihr politisches Spektrum reicht somit recht weit von rechts bis links. Das macht es insbesondere dann schwierig, wenn es gilt, prägnante Abstimmungsparolen mit markantem Positionsbezug zu fassen.»

Weil man schon parteiintern um Kompromisse ringen müsse, hätten die Parolen der CVP oftmals zu wenig scharfe Konturen: «Das führt dazu, dass die Partei für Aussenstehende ab und zu zu wenig fassbar ist. Sie erkennen nicht auf Anhieb, wo diese Partei steht.» Die SVP mit ihren einfachen Parolen habe es deutlich leichter, ihre Botschaften an den Wähler zu bringen.

Mitgespielt hat für Peter Wertli wohl auch der Versuch der traditionell in ländlichen Regionen starken Partei, in urbane Räume vorzudringen: «Die CVP ist schon durch den Zusammenschluss von KK und CSP offener geworden, die Bemühungen, die Wählerschaft in den urbanen Räumen anzusprechen, haben diese Tendenz noch verstärkt.»

Mit ihrer neuen Ausrichtung, so glaubt Wertli, habe die Partei jedoch konservative Wähler in den bisherigen Stammlanden verloren, ohne das in den urbanen Gebieten kompensieren zu können. Doch bleibe die CVP mit ihrer lösungsorientierten und zukunftsgerichteten, auf Ausgleich bedachten Politik als Partei zwischen den Polen weiterhin wichtig!»

Theo Fischer, der 78-jährige ehema-lige SVP-Grossrat und Nationalrat aus Hägglingen, hat den politischen Wandel im Freiamt aus nächster Nähe mitverfolgt.

Seiner Meinung nach hat der Untergang der CVP 1991 so richtig begonnen: «Bis zu jenem Zeitpunkt war Aussenpolitik in der Schweiz nicht gross ein Thema. Dann kam die Europadiskussion und die CVP hat sich sehr europafreundlich gegeben. Diese Haltung hat sie ihrer konservativen Wählerschaft im ländlichen Raum jedoch nur schwer oder eben gar nicht erklären können. Die SVP hat mit ihrer europakritischen Haltung sicher einige von diesen Wählern abholen können», ist Fischer überzeugt.

CVP nicht mehr berechenbar

Wie Wertli sieht auch Fischer den Wandel der CVP als Mitgrund für deren Wählerverlust: «Früher war die CVP im Bürgerblock ein verlässlicher Partner. Unser politischer Gegner war die SP, die in grundsätzlichen Fragen gegensätzliche Meinungen vertreten hat. Heute ist die CVP mit ihren intern wechselnden Mehrheiten weit nicht mehr so berechenbar.»

Die beiden CVPler Josef Nogara, ehemaliger Gemeindeammann von Merenschwand und langjähriger Präsident des Regionalplanungsverbandes Oberes Freiamt, sowie Erwin Berger, ehemaliger Grossrat und Gemeindeammann von Boswil, sehen weitere Gründe im gesellschaftlichen Wandel und der zunehmenden Polarisierung: «Früher haben wir im Grossen Rat Sachpolitik gemacht.

Heute ist je länger, je mehr Parteipolitik Trumpf und die Polarisierung zwischen Links und Rechts hat zugenommen», sagt Erwin Berger. Dabei, ist er überzeugt, spielten auch die Medien eine Rolle. «Mit einfachen Schlagworten erreicht man heute leicht eine hohe Medienpräsenz. Sachliche Erklärungen sind da weniger gefragt.»

Josef Nogara sieht es ähnlich: «Die CVP politisiert in der Mitte und sucht in Sachfragen in Kooperation mit Links und Rechts den Konsens. Das kann man nicht so einfach mit ein paar kräftigen Worten und fetten Schlagzeilen erklären.»

SVP hat CVP abgelöst

Die SVP hat ihren Wähleranteil von 7,9 Prozent im Jahre 1975 zwar stetig steigern können, das ging vorerst aber noch nicht zulasten der CVP, deren Krebsgang anhielt.

1991 holte sie noch 34,5 Prozent, 1999 und 2003 schien die Talsohle mit 30,3 und 30,4 Prozent Wähleranteil erreicht. Mit 25,6 Prozent bei den Wahlen von 2007 und 19,8 Prozent 2011 folgten jedoch die nächsten Tiefschläge.

Die SVP kratzte vor 20 Jahren, bei den Nationalratswahlen von 1995 mit 19,1 Prozent im Bezirk Muri erstmals an der 20-Prozent-Hürde. Vier Jahre später gelang ihr der grosse Sprung auf 33,2 Prozent.

2003 steigerte die SVP ihren Wähleranteil auf 35,5 Prozent, 2007 mit 37,6 und 2011 mit 37,7 Prozent machte sie jedoch keine grossen Sprünge mehr. Die CVP indes hatte davon nicht profitieren können. Sie verlor trotz der zwischenzeitlichen Stagnation der SVP zwischen 2007 und 2011 erneut 5,8 Prozent Wähleranteil und hat am Wochenende mit den erwähnten 16,3 Prozent den (bisherigen?) Tiefstand erreicht und damit innerhalb von 36 Jahren exakt 40 Prozent Wähleranteil verloren.

Von Platz eins auf Platz vier

Die Entwicklung im Bezirk Bremgarten verlief ähnlich. Auch hier war die CVP über Jahrzehnte die mit Abstand dominierende Partei und auch hier kam der grosse Einbruch 1987. Die Partei verlor gegenüber den Wahlen von 1983 satte 8,3 Prozent und vier Jahre später noch einmal 7,3 Prozent. 1995 blieb der Wähleranteil bei 20,6 Prozent konstant, 1999 konnte sich die Partei sogar wieder um 1,3 auf 21,9 Prozent steigern, inzwischen ist sie auf 10,7 Prozent abgerutscht und damit hinter der SVP mit 40,7 Prozent, der FDP mit 15 Prozent und der SP mit 14,2 Prozent nur noch viertstärkste Kraft.