Industrie
Vom Stroh zum Stahl – wie die Griechen Wohlen zu Ruhm brachten

Vor 60 Jahren kaufte ein Grieche in Wohlen Land – und baute den Schweizer Stahlriesen Ferrowohlen AG. Dieser wurde zum grössten Stahlproduzenten des Landes.

Jörg Baumann und Andrea Weibel
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Die Ferrowohlen florierte während Jahrzehnten. Zu ihren besten Zeiten produzierte sie bis zu 180'000 Tonnen Baustahl im Jahr.

Die Ferrowohlen florierte während Jahrzehnten. Zu ihren besten Zeiten produzierte sie bis zu 180'000 Tonnen Baustahl im Jahr.

Ferrowohlen AG

Die Wahlen in Griechenland füllen dieser Tage die Zeitungen. Auf das Freiamt werden sie vermutlich wenig Einfluss haben. Doch was viele Freiämter nicht wissen: Ein einzelner Grieche hatte sehr konkreten Einfluss auf die Entwicklung Wohlens, und zwar vor genau 60 Jahren. Panayotis Angelopoulos heisst der Vater der Ferrowohlen AG, die zu einem der grössten Stahlproduzenten des Landes avancierte.

Doch erst mussten die Wohler Bürger den Weg für das Grossprojekt ebnen. Vor 60 Jahren, genauer am 22. Juni 1955, entschied die Gemeindeversammlung, dem Stahl- und Walzwerk Ferrowohlen AG sieben Hektaren Land zu verkaufen.

Einige Wohler Politiker und Unternehmer husteten an ihrer Parteiversammlung zwar heftig. Ein neuer Industriezweig sei in Wohlen nicht notwendig, fanden sie. Aber als an der «Gmeind» der Firma Premilex SA in Genf, die hinter der Ferrowohlen AG steckte, das Land verkauft werden sollte, waren sie auf einmal still.

Gemeindeammann Walter Meyer forderte die Opponenten auf, sich zu Wort zu melden, solange der Entscheid noch nicht gefallen war. Grosses Schweigen in der mit 1105 von insgesamt 1951 Stimmbürgern voll besetzten Turnhalle. Der Landverkauf wurde mit einer so übermächtigen Mehrheit bewilligt, dass der Gemeindeammann die Stimmen gar nicht mehr auszählen liess.

Konkurrenz organisierte sich

Hinter den Kulissen freute sich der erwähnte Grieche, der Industrielle Panayotis Angelopoulos. Er hatte es gewagt, die drei traditionsreichen Schweizer Stahlwerke Von Roll, Von Moos und Monteforno herauszufordern. Angelopoulos hatte eine «Swiss-Steel» mit nur noch einem Schweizer Stahlproduzenten vor Augen.

«Von Roll, von Moos und Monteforno intervenierten an höchster Stelle gegen die Ferro. Das Aargauische Elektrizitätswerk stand unter dem Druck, uns keinen Strom liefern zu dürfen», erzählte Hans-Fred Leiser, damals technischer Leiter der Ferro, der AZ vor zehn Jahren, zum 50. Jahrestag des Landkaufs. Leiser verstarb 2007.

Am 1. Mai 1956 begannen Leiser und sein Büroteam in einer Wohnung an der Bahnhofstrasse zu arbeiten. Ende 1956 nahm die Ferro die Produktion von Baustahl auf. Am Anfang produzierte sie mit zwei kleinen «25-Tonnen-Öfeli», schaffte dann drei weitere, gleich grosse Schmelzöfen an und ersetzte alle fünf schliesslich durch den grössten Ofen der Schweiz, in dem 100 Tonnen Stahl hergestellt werden konnten.

Der Aufstieg des wagemutigen Griechen war nicht mehr aufzuhalten.

Lärm und Staub

Ungetrübt lief die Produktion aber nicht immer. Rauch und Lärm störten die Nachbarn. Den Lärm hörte auch Leiser in seinem Haus im Luegisland. Die Firma habe viel gegen die Belästigungen unternommen, den Lärm zu unterbinden versucht und gegen den Staub eine Filteranlage installiert, die pro Stunde 1,1 Mio. Kubikmeter Luft reinigte, erzählte Leiser.

Zur Verwunderung aller stellte sich letztlich heraus, dass die Ferro weniger Staubpartikel absonderte als die nahe Hauptstrasse und weniger Lärm erzeugte als die Eisenbahn.

Die Ferro war erfolgreich. Sie beschäftigte zeitweise über 400 Angestellte und produzierte bis zu 180 000 Tonnen Baustahl im Jahr. Sie war zum grössten Stromkonsumenten des Kantons Aargau geworden und brauchte so viel Gas wie ganz Wohlen.

Ihr Erfolgsrezept: Sie hatte einen kleineren Büroapparat als die Konkurrenz und arbeitete deshalb günstiger als diese. Die Absicht, in Wohlen in einem neuen Walzwerk breite Stahlbänder zu produzieren, wurde aber nie umgesetzt.

Hammerschlag in New York

Der Hammerschlag kam trotz dem Erfolg. Am 6. November 1993 entschied Angelopoulos im Beisein von Leiser in New York, das Werk in Wohlen zu schliessen. Dieses hatte im Vorjahr, obwohl es am meisten Baustahl in seiner Geschichte produziert hatte, einen Verlust eingefahren. Die Preise fielen. Man hätte das Werk nur retten können, wenn man das Walzwerk rechtzeitig erneuert hätte.

In der Branche hörte man das Gerücht, ein Sohn von Angelopoulos habe im Auftrag seines Vaters mit der Schweizer Konkurrenz verhandelt und so die Schliessung der Ferro vorbereitet. Leiser flog mit der Hiobsbotschaft nach Hause und musste einen Monat lang schweigen.

Nur seiner Frau berichtete er von der Betriebsschliessung. «Vor ihr hatte ich keine Geheimnisse», sagte er. Am 7. Dezember 1993 informierte Direktor Michael Stratighiou das Kader. Am 18. Dezember 1993 wurde die Produktion im Stahlwerk und am 31. März 1994 im Walzwerk eingestellt. Der Grieche behielt recht: 1994 setzte eine Wirtschaftsrezession ein, die lange anhielt.