Uezwil

Vom «Stiefeli» bleiben nur Erinnerungen – im Freiamt geht eine Ära zu Ende

Im rechten Hausteil waren früher Bäckerei und Restaurant untergebracht. Im Vordergrund standen Kastanien, darunter Tische und Stühle der Gartenbeiz.

Im rechten Hausteil waren früher Bäckerei und Restaurant untergebracht. Im Vordergrund standen Kastanien, darunter Tische und Stühle der Gartenbeiz.

Generationen kauften im Uezwiler «Stiefeliryter» Brot, assen im Restaurant oder tranken in der Bar. Nächste Woche wird er abgerissen.

Das Dorf Uezwil zählte nur rund 400 Einwohner, dennoch wusste noch vor wenigen Jahren jeder, wo es liegt. «Jaja, das kenne ich, da ist der Stiefeli», hiess es fast jedes Mal. Die Beiz war in den letzten Jahrzehnten nie schön, und doch kamen di e trinkfreudigen Gäste aus der ganzen Region. Wieso das so war, kann selbst Familie Hausherr nicht sagen. Sie kennen Uezwil seit jeher: Vater Karl war Siegrist in der Uezwiler Kapelle, während Mutter Irma den Dorfladen führte.

«Man traf sich halt einfach da», erinnert sich Roman Hausherr, Sohn der Familie, lachend. Seine Eltern sowie seine Tante Klara Meier erinnern sich noch gut an die Bäckerei und das Restaurant, die vor über 100 Jahren eröffnet wurden und seither das Dorfleben prägten. Vor etwa 50 Jahren wurden die Bäckerei geschlossen und die Räume zur Bar umgebaut. Das Restaurant blieb bestehen. Die alteingesessenen Uezwiler haben wohl alle ihre «Stiefeli»-Geschichten, auch wenn die eine oder andere nicht laut erzählt werden sollte, wie sie lachend sagen.

Sie wollten nur Brot holen und versumpften in der Beiz

«Ganz früher war da die Bäckerei Fischer mit Verkaufsladen und Restaurant», erinnert sich Karl Hausherr. Ganz genau datieren kann man den Hausbau leider auch auf der Gemeinde nicht mehr. Doch Klara Meier nimmt ihr Familienbüchlein zur Hand, zeigt auf Emma Fischer, geboren am 23. Mai 1907, und erklärt: «Das war die Tochter von Bäcker Jakob Fischer und seiner Frau Emma. Sie wurde später meine Schwiegermutter.»

«Nach ihm kam Bäcker Toni Meier»

Bäcker Fischer stammte ursprünglich aus Jonen. Ob es vor ihm schon einen Bäcker in Uezwil gegeben hat, wissen die Pensionäre nicht. Doch Klara Meier weiss noch: «Fischers hatten hinten in den Ställen Pferde, mit denen sie die Brote nach Kallern oder in den Unterniesenberg lieferten. Die Kinder sassen hinten beim Brot in einer Kiste und mussten da jeweils lange warten, während der Vater hier und da ein Gläschen ausgeschenkt bekam.»

«Nach ihm kam Bäcker Toni Meier», weiss Irma Hausherr noch gut. «Ich ging mit seiner Tochter Theres zur Schule. Sie waren Uezwiler, von ’s Sattlers aus dem Hinterdorf. Ich weiss noch, es gab immer wieder solche, die Brot holen wollten und in der Wirtschaft sitzen blieben», berichtet Irma Hausherr. «Zum Beispiel hat so einer einmal sein Brot auf seinen Velogepäckträger geklemmt und ist in die Wirtschaft gegangen. Wir waren etwa 15 Jahre alt und kamen vom gemischten Chor. Einige meiner Freunde nahmen das Brot vom Velo, versteckten sich und assen es auf. Ich glaube, der Mann hat das gar nicht gemerkt, bevor er zu Hause war.»

Scheune, Bäckerei und der Gemeindeschreiber

Was die späteren Generationen als Eingang zum Pub kannten, war damals die Rückseite der Bäckerei. «Zu unserer Zeit war der Eingang auf der von der Strasse abgewandten Seite», erinnert sich Karl Hausherr. «Vom Eingang her rechts war der Bäckereiladen, links die Wirtschaft.» An die Strasse angrenzend befand sich die Scheune, während zwischen Scheune und Bäckerei/Restaurant das Haus von Gemeindeschreiber Emil Koch «’s Gustave» eingekeilt war.

Teich, grosse Kastanien und eine Reitschule

Später übernahmen Bäcker Max und seine Frau Emily Pfister aus dem Luzernischen, wie die Senioren noch wissen. «Sein Sohn Max wurde später Luzerner Regierungsrat», weiss Irma Hausherr zu berichten. Und: «Mit den Kindern der Familie ging ich oft spazieren, wenn die Bäcker zu viel zu tun hatten.»

Vor dem Haus, also auf der von der heutigen Bushaltestelle abgewandten Seite, lag ein Teich, und unter zwei grossen Kastanien standen Tische und Stühle des Restaurants. «Da hatte es auch eine Reitschule, also so ein Karussell, das man selber mit einem Rad drehen konnte. Das haben wir geliebt», weiss Sohn Roman Hausherr noch.

Motorräder, eine Geiss und Sägemehl in der Bar

Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen. Später, als der «Stiefeliryter» vor allem als Pub bekannt war, fuhren mehr als einmal Töfffahrer mit ihren Maschinen zum Restaurant rein und zur Bar wieder raus. Jemand brachte einmal eine Geiss mit in die Bar, stellte sie auf den Tisch und begann, sie zu melken. Und bei einer Hochzeit – von denen viele im «Stiefeli» gefeiert wurden – warfen Gäste Sägemehl in den Ventilator, sodass das Lokal roch, als wäre es eine Sägerei.

Eine der schönsten Geschichten passierte dort aber Roman Hausherr. «Im Pub wusste man immer, dass man jemanden treffen würde. So habe ich dort Denise kennen gelernt, mit der ich unterdessen seit 18 Jahren zusammen bin.» Seine Schwester Corinne sagt ein wenig wehmütig: «Es geht wirklich eine Ära zu Ende.» Denn am kommenden Montag soll der «Stiefeli» endgültig abgerissen werden.

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