Kloster Gnadenthal

Vom Siechenhaus zum Pflegezentrum

Wappenstein von Äbtissin Wegmann.

Wappenstein von Äbtissin Wegmann.

Ein Beitrag zu den Europäischen Tagen des Denkmals mit einem historischen Blick auf die Anfänge des Klosters Gnadenthal.

2018 ist zum «Europäischen Jahr des Kulturerbes» erklärt worden. «Unser Kulturerbe ist unser Erinnerungsschatz. Es ist das Fundament, auf dem wir unsere Zukunft gestalten», so Bundesrat Alain Berset. Und zum Kulturerbe des Reussparks gehört eben auch das Kloster Gnadenthal.

Bisher ist übersehen worden, dass bereits das Kloster Gnadenthal in der Pflege tätig war. Denn zum Kloster gehörte ein sogenanntes «Siechenhaus». Schon in der Bibel wird der «Aussatz» erwähnt. Eine Krankheit, die Betroffene über Jahrzehnte bei lebendigem Leib verfaulen liess. Seit dem 8. Jahrhundert sind in der Schweiz für die Aussätzigen abgesonderte Anstalten, eben Siechenhäuser, erbaut worden.

Unzimperliche Klosterfrauen

Vom Siechenhaus im Kloster Gnadenthal wissen wir, dass es 1432 mit dem ganzen Kloster ein Raub der Flammen wurde: «Anno Nach der Geburt Christi, 1432. Ist diss Gottshus von einer Brunst geschediget worden, also das das Münster, das Dormenter, der Kreützgang, das Siechhuss und alle Gemach da der Conuent sein Wohnung hatt, gar zuo nicht ist worden.» 

Beleg des Brandes im Jahr 1432 aus dem Jahrzeitenbuch des Klosters Gnadenthal.

     

«Münster» ist eine Klosterkirche (monasterium), das «Dormenter» der Schlafsaal der Klosterfrauen. Es erstaunt, dass das Siechenhaus noch vor den Wohnräumen erwähnt wird. Offenbar war es wichtig.

Die frommen Frauen im Gnadenthal waren im Umgang mit «Bresten» und «Gebresten», wie man die ansteckenden Krankheiten bis hin zur Pest damals nannte, offenbar nicht zimperlich. Andere Klöster hatten da Vorbehalte. So verweigerte etwa das Kloster Königsfelden 1349 einer jungen Frau die Aufnahme wegen «angesichtigen merklichen Gebresten». Man schickte sie ins Gnadenthal, zu den «geistlichen frowen». Diese nahmen sie auf.

Trost und Linderung

Ganz im Sinne von «ora et labora», bete und arbeite, haben die Zisterzienserinnen im Kloster Gnadenthal also wohl nicht nur gebetet, sondern auch für die Elendesten der Region gesorgt. Und damit bekommt der Name des Konvents eine zusätzliche Nuance: Hier hoffte man nicht nur auf die Gnade Gottes. Die «Siechen» und Ausgegrenzten erlebten vielmehr Barmherzigkeit, Nachsicht, Trost und Linderung. Und das machte den abgeschiedenen Ort an der Reuss im wörtlichen Sinne zu einem Tal der Gnade, einem Val de Grâce, dem Gnadenthal eben.

Just im Kulturerbejahr 2018 sind bei Bauarbeiten Funde aus der Frühzeit der Klosteranlage aufgetaucht. Auch wenn man nicht mit einem Sensationsfund auftrumpfen kann, bieten die neu entdeckten Mauern doch wichtige Indizien für die Baugeschichte des Klosters. Im Bauschutt fand der Kantonsarchäologe neben Überresten aus dem 15. und Scherben aus dem 17. Jahrhundert auch einen Wappenstein mit den Initialen «MW».

Der Fund lässt sich der Äbtissin Anna Maria Wegmann zuordnen. In allen 18 untersuchten Urkunden wird sie ausschliesslich als «Frow Maria» (ohne «Anna») aufgeführt. Auch im Jahrzeitenbuch von 1635 erscheint sie nur als «Maria Wegmannin». Die Äbtissin leitete das Kloster von 1563-1597, offenbar sehr erfolgreich. Sie gilt überdies als Auftraggeberin für den berühmten «Gnadenthaler Altar», der heute im Chor der Klosterkirche Mehrerau (A) steht. Auch das ist eine der zahlreichen Geschichten, die noch nicht wirklich geklärt sind.

Das Erbe der Väter

Wer sich nun nicht nur für das Gnadenthal, sondern für das Kulturerbe der ganzen Region interessiert, dem bieten die Europäischen Tage des Denkmals an diesem Wochenende mit zahlreichen Veranstaltungen Gelegenheit. Denn nach wie vor gilt die Sentenz von Johann Wolfgang von Goethe: «Was du ererbt von deinen Väter hast, erwirb es, um es zu besitzen.»

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